Nr. 40/2013 vom 03.10.2013

Rote Rüben im Land der weissen Socken

Von Stefan Howald

Mein Vater als in die Zürcher Provinz entwichener Aargauer hat uns Kindern erklärt, die Aargauer könnten nicht so gut Auto fahren, weil ihnen Rüebli vor den Scheinwerfern – oder wahlweise vor den Augen – die Sicht versperrten. Noch heute müssen wir AargauerInnen etliche Klischees aushalten: Durchschnitt der Schweiz – also durchschnittliche Biederkeit und Langeweile und Konservatismus. Hochburg der Atomkraftlobby und Wiege der treuherzigsten Bundesrätin. Weisse Socken in den Zürcher Szenebars.

Seit zehn Tagen ist das alles anders. Am vorletzten Wochenende haben die AarauerInnen Jolanda Urech von der SP zur Stadtpräsidentin gewählt. Der Grüne Geri Müller ist in Baden als Stadtammann klar bestätigt worden. Schon letzten Herbst wurde in Lenzburg Daniel Mosimann von der SP zum Stadtoberhaupt gewählt.

In Aarau sind damit 210 Jahre freisinniger Vorherrschaft beendet worden. Wobei man das qualifizieren muss. Nachdem der Aargau aus der bernischen Knechtschaft befreit worden war, wurde Aarau zwischen 1798 und 1803 die erste Hauptstadt der Helvetischen Republik. Pestalozzi wirkte im Aargau, Philipp Albert Stapfer bemühte sich um ein demokratisches Bildungswesen, Heinrich Zschokke um die Volksaufklärung.

Doch das Gebiet war immer kleinräumig strukturiert. Allmählich wurde der neue Kanton im Schraubstock zwischen dem Finanzmoloch Zürich und dem Politestablishment in Bern zermürbt, wurde der liberale kleinbürgerliche Freisinn konservativ kleinbürgerlich. Auch die Ende des 19. Jahrhunderts angesiedelte Industrie war auf Zürich ausgerichtet.

Die Kleinräumigkeit ist bis heute geblieben. Der Aargau hat von allen Kantonen am viertmeisten EinwohnerInnen. Aber die beiden grössten Städte Wettingen und Aarau rangieren mit je etwa 20 000 BewohnerInnen nicht unter den dreissig grössten Städten der Schweiz.

Der jetzige rot-grüne Vormarsch zeigt eine Verschiebung der Wählerschaft. Das Auseinanderdriften von Stadt und Land wird, wie anderswo, deutlicher. Vom «Rüebligraben» sprechen die regionalen Medien. Orte wie Baden und Aarau sind urbaner geworden, offener; eine gemässigte SP- und Grünen-Politik wird mehrheitsfähig. Als Ganzes freilich wählt der Kanton weiterhin rechtsbürgerlich. Aber wir sind schon mit wenigen roten Rüben zufrieden.

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