Nr. 42/2013 vom 17.10.2013

Gegen Assad und Dschihad

Unterwegs zu Syriens säkularer Opposition: Auf ein Dosenbier mit dem Marxisten, der 32 Jahre im Gefängnis sass, vorbei an brennenden Palmen, um mit dem nationalistischen Dichter stundenlang Johann Sebastian Bach zu hören.

Von Martin Lejeune, Damaskus

Manche nennen ihn «General der Gefängnisse», weil er 32 Jahre ohne Unterbrechung eingesperrt war. «Es gibt keinen Kerker in Syrien, den ich nicht kenne», sagt der bekannte syrische Marxist und Autor lachend. In einem von ihnen musste er seine Zähne lassen. Denn er war nicht nur einer der am längsten inhaftierten und namhaftesten Gefangenen des Regimes, sondern auch einer, der brutal gefoltert wurde.

Eigentlich gibt der «General der Gefängnisse» keine Interviews mehr. Dies sei zu gefährlich, weil er jetzt im Untergrund lebe. Und er wäre ernsthaft um seine Gesundheit besorgt, falls er wieder ins Gefängnis müsste, er sei ja nicht mehr der Jüngste. Schliesslich willigt er doch noch ein: «Keine Tonaufzeichnung, keine Fotos, kein Name.»

Zwischen Wort und Gewehr

Wir treffen uns im Haus eines gemeinsamen Bekannten. «Ich wurde immer wieder verhört, gefoltert, in noch dunklere Kerker verlegt», erzählt der Marxist bei einem holländischen Dosenbier. Wie hat er die drei Jahrzehnte Gefangenschaft durchgestanden? «Ich liebe das Leben, ich glaube an das Gute im Menschen, und ich behalte immer die Hoffnung», antwortet er. «Wenn du das Leben schätzt und liebst, dann wirst du auch von ihm geliebt.» Selten habe ich in Syrien Menschen getroffen, die mehr lachen als der «General der Gefängnisse».

Erst eine Initiative aus der Bevölkerung, unterstützt von mutigen JuristInnen, ermöglichte vor einigen Jahren seine Freilassung. «Vor den Intellektuellen, die mittels Worten kämpfen, hat das Regime viel mehr Angst als vor bewaffneten Aufständischen», ist er überzeugt. «Gewaltfreier Widerstand ist für das Regime langfristig viel gefährlicher als bewaffnete Kämpfer, die vom Militär über kurz oder lang lokalisiert und ausgeschaltet werden.»

Eine Waffe habe er nie in der Hand gehabt. Gewalt als Mittel zum Sturz eines Regimes, das das Volk mit Gewalt unterdrückt, findet er jedoch legitim. So habe er sich auch in einer seiner Schriften geäussert. Er steht deshalb inzwischen auch hinter der bewaffneten säkularen Opposition, der es unbedingt gelingen müsse, das menschenfeindliche und korrupte Regime von Präsident Baschar al-Assad zu stürzen. Die Revolution gebe den Menschen die Hoffnung zurück. Durch den bewaffneten Aufstand bestehe zumindest die Hoffnung auf ein besseres Leben. «Die Erhebung gegen das Regime ist der Versuch des syrischen Volkes, seine Geschichte wieder in die eigenen Hände zu nehmen», sagt er.

Die Unterstützung aus dem Ausland betrachtet der Marxist mit Sorge. Im Fall eines Erfolgs würden die UnterstützerInnen eine Gegenleistung verlangen. Ohnehin verfolgten alle Mächte, die auf diesen Konflikt einwirken, eigene Interessen – und das Wohl des syrischen Volkes sei nicht Teil davon.

Er zweifelt nicht daran, dass die Revolution erfolgreich sein wird. 100 000 Tote offiziell, vielleicht noch einmal so viele Tote inoffiziell, 100 000 Aufständische, fast fünf Millionen Vertriebene im Inneren, über zwei Millionen Flüchtlinge im Ausland, siebzig Prozent der syrischen Infrastruktur zerstört – allein diese Zahlen sprächen schon gegen das Regime, sagt der «General der Gefängnisse».

Dass sich letztlich die religiösen Eiferer – insbesondere die Kämpfer der Nusra-Front und diejenigen des Islamischen Staats Irak und Syrien – durchsetzen könnten, ist für den Marxisten, wie für die anderen säkularen Oppositionellen, eine Horrorvorstellung: «Lieber leiden wir weiterhin unter dem unsäglichen Assad-Regime als unter einer Schariaherrschaft der Dschihadisten.»

Im Land gibt es neben der Opposition, die im Untergrund agiert und sich im bewaffneten Kampf befindet, auch eine ausserparlamentarische Opposition, die mit friedlichen Mitteln gegen das Regime kämpft und von diesem gar als legal anerkannt wird. Zu diesem Zweig der Opposition gehört die im September 2011 von säkularen Dissidentinnen und jungen Aktivisten gegründete «Bewegung zum Aufbau des syrischen Staats» (al-Tayar). Ihr Hauptziel war von Beginn an, zwischen den verfeindeten Lagern der tief gespaltenen syrischen Gesellschaft zu vermitteln.

Das Damaszener Büro von al-Tayar versteckt sich in einer kleinen Seitenstrasse; es liegt von der Strasse aus nicht einsehbar hinter einer hohen Mauer, auf der auch kein Namensschild der Organisation zu finden ist. «Das ist leider notwendig», sagt Louay Hussein, der Präsident und Mitbegründer von al-Tayar. «Auf unser letztes Büro wurden mehrere Anschläge verübt, auch mit Bomben.» Der 53-Jährige hat alle Angebote ausgeschlagen, ins Exil zu gehen und sich dem Syrischen Nationalrat, dem säkularen Oppositionsbündnis mit Sitz in Istanbul, anzuschliessen.

Dabei hätte Hussein guten Grund, vor dem syrischen Regime zu fliehen. Der in Damaskus geborene Alawit hatte in seiner Geburtsstadt Philosophie studiert und bekannte sich zum Kommunismus. Das Regime steckte ihn von 1984 bis 1991 ins Gefängnis. Wieder auf freiem Fuss, schlug er sich zunächst als Bäcker durch, begann zu schreiben und gründete den Verlag Dar Petra. Weder das jahrzehntelange Reise- und Schreibverbot brachen das Rückgrat des Dissidenten noch die Weisung der Regierung, die den staatlichen Stellen jeglichen Kontakt mit seinem Verlag untersagte.

Haydn aus dem Handy

Als am 15. März 2011 in Dar’a im Bereich der Al-Omari-Moschee die ersten Proteste stattfanden, war Hussein, ebenso wie in den Tagen danach, unter den OrganisatorInnen der friedlichen Kundgebungen; er informierte die ausländischen Medien über die Ereignisse. Am 21. März 2012 wurde er verhaftet, die Geheimdienste stellten sein Haus auf den Kopf. Immerhin konnte er seinen ebenfalls bedrohten zwei Töchtern vorher noch Asyl in einem EU-Land verschaffen. Da sich Hussein weiterhin konsequent gegen einen gewaltsamen Sturz des syrischen Regimes ausspricht, ist er für die internationalen MedienvertreterInnen kein gefragter Gesprächspartner mehr.

Die derzeit geplante Zerstörung der syrischen Chemiewaffen diene allen AkteurInnen in diesem Konflikt, meint Hussein. Besonders aber profitiere davon das Regime: Der Nutzen von Chemiewaffen sei für das Regime ohnehin sehr beschränkt gewesen, und nun gebe es keine Androhung von militärischen Interventionen mehr, die dem Regime hätten gefährlich werden können. «Wir sind allerdings immer davon ausgegangen, dass es kaum je einen Militärschlag gegen Syrien geben würde», sagt Hussein. «Denn die USA und Israel könnten dabei kaum etwas gewinnen.»

Auch Nazih Abu Afasch ist ein säkularer Oppositioneller – doch der wohl bekannteste syrische Dichter sitzt zwischen den Stühlen. Abu Afasch unterstützt die rechtsradikale Syrische Soziale Nationalistische Partei (SSNP), die in Syrien und im Libanon in den Parlamenten vertreten sind. Die SSNP fordert die Gründung eines Grosssyriens, das neben dem heutigen Syrien auch den Libanon, die türkische Provinz Hatay, Israel, Jordanien, den Irak und Kuwait umfassen würde. Mit 90 000 Mitgliedern ist sie, abgesehen von der regierenden Baath-Partei, die grösste legale Partei Syriens. Die SSNP verfügt über 4 von 250 Sitzen im Parlament und bildet zusammen mit der kommunistischen Partei des Volkswillens die parlamentarische Opposition. Beide Parteien stellen aber auch je einen Minister im Kabinett von Assad.

Die Übergänge zwischen legaler Opposition und Regierung sind also fliessend; sie brauchen einander. Das Regime eines der grausamsten Polizeistaaten der Welt verweist auf internationalem Parkett stolz auf die legale Opposition und führt sie als Beweis für angebliche Meinungsfreiheit und politischen Pluralismus an. Die VertreterInnen der legalen Opposition sind wiederum auf die Gunst des Regimes angewiesen, um nicht eingekerkert zu werden oder in den Untergrund gehen zu müssen.

Das Problem von Abu Afasch ist, dass er aufgrund seiner Unterstützung der SSNP von der Exilopposition, vor allem vom Syrischen Nationalrat, als Regimetreuer betrachtet wird. Die Regierung hingegen lehnt ihn wegen seiner deutlichen Regimekritik ab und nennt ihn einen Nestbeschmutzer. So bin ich ohne Genehmigung und unter erschwerten Bedingungen zu Abu Afasch nach Marmarita gefahren.

Marmarita ist das wahrscheinlich grösste Dorf im Wadi al-Nasarah (Tal der Christen), mit etwa 200 überwiegend griechisch-orthodoxen EinwohnerInnen. Das Bergdorf liegt im Gouvernement Homs im Westen Syriens. Von dort kann man die nur wenige Kilometer entfernte libanesische Grenze sehen. Etwas westlich des Dorfs beginnt das Gouvernement Tartus. Vor dem Bürgerkrieg war der Ort, der in der Nähe der Burg Krac des Chevaliers (Qal’at al-Husn) liegt, ein beliebtes Ziel sommerlicher Ausflüge.

Das Dorf ist nur über eine Bergstrasse erreichbar, die heute oft von islamistischen Extremisten angegriffen wird. Pro Tag fährt ein einziger, meist überfüllter Kleinbus von Homs nach Marmarita. Während meiner Fahrt fliegen mehrere Raketen über den Bus, die glücklicherweise neben der Strasse einschlagen; Felder und Palmen brennen. Auch in den Ortskern rücken immer wieder dschihadistische Kämpfer vor. Die Einwohner von Marmarita haben sich bewaffnet, um ihre Familien zu beschützen.

Bevor ich mit dem Interview beginnen darf, holt Abu Afasch erst einmal eine Flasche selbst gebranntem Araq hervor und erzählt stundenlang von klassischer Musik, die er währenddessen von seinem Handy abspielen lässt. Zuerst Lieder von Johann Sebastian Bach: «Komm, süsser Tod, komm, sel’ge Ruh! / O Welt, du Marterkammer, / ach! bleib mit deinem Jammer / auf dieser Trauerwelt, / der Himmel mir gefällt, / der Tod bringt mich darzu. / Komm, sel’ge Ruh!» Danach gibt es Streichquartette von Joseph Haydn: das Lerchenquartett, das Vogelquartett und das Sonnenaufgangsquartett.

Schliesslich beginnt Nazih Abu Afasch, über Politik zu sprechen. Er erzählt, dass er schon immer seine Stimme kritisch gegen das Regime erhoben habe. Aber auch den Aufstand habe er von Anfang an kritisiert. Anfang 2011 sagte er in einem Aufsehen erregenden Interview mit der libanesischen Zeitung «al-Safir»: «Wenn eine Demonstration aus der Moschee kommt, dann marschiere ich nicht mit. Eine Revolution sollte von einem öffentlichen Platz ausgehen, der keine Minderheiten ausschliesst. In der Revolution gibt es viele Islamisten, die mir Angst machen.» Daher sitze er jetzt zwischen allen Stühlen.

«Er redet nur noch Quatsch»

Über den führenden Oppositionellen Michel Kilo, der von 2006 bis 2009 im Gefängnis sass und nun einer von sechzig Mitgliedern der Ende 2012 in Doha gegründeten Nationalen Koalition der syrischen Revolutions- und Oppositionskräfte ist, sagt Abu Afasch: «Michel ist mein Freund, ich respektiere ihn als Menschen und als Politiker. Doch jetzt redet er nur noch Quatsch. Er ist ein Hoteloppositioneller ausserhalb Syriens geworden, der das Geld von Saudi-Arabien nimmt und nach der Pfeife von Bandar Bin Sultan tanzt.» Bin Sultan ist der Chef des berüchtigten saudischen Geheimdiensts. Auch Burhan Ghaliun, der französisch-syrische Soziologieprofessor an der Universität Paris-Sorbonne, der im August 2011 der erste Vorsitzende des Syrischen Nationalrats wurde, kommt bei Abu Afasch nicht besser weg: «Burhan ist ein Caféoppositioneller.»

Solche Café- und Hoteloppositionelle würden nichts mehr zur syrischen Revolution beitragen, lauten die Vorwürfe auch anderer VertreterInnen der innersyrischen Opposition. Dieses Gezänk zeigt eines der grössten Probleme der säkularen syrischen Opposition auf: Die Exilopposition misstraut der innersyrischen Opposition, und die innersyrische Opposition verachtet die Exilopposition. Letztlich profitiert davon nicht nur das Regime, sondern auch die bestens organisierten islamistischen Extremisten.

Syriens islamistische Opposition

Eine neue Armee des Islam

Der Westen wie auch die meisten säkularen Oppositionellen im Land setzen im syrischen Bürgerkrieg noch immer auf die Freie Syrische Armee (FSA). Doch diese vor allem von der sunnitischen Mehrheit getragene bewaffnete Oppositionsgruppe wird schon seit Monaten von gut organisierten und finanzierten islamistischen Organisationen verdrängt.

Der Verdrängungsprozess hat sich seit Ende September noch verstärkt: Zuerst gaben dreizehn Gruppierungen – darunter mehrere Brigaden der FSA – in einer gemeinsamen Erklärung bekannt, dass sie die FSA und die dahinter stehende Nationale Koalition der syrischen Revolutions- und Oppositionskräfte nicht mehr anerkennen würden; als einzige Quelle der Gesetzgebung würden sie das islamische Recht betrachten. Und kurz darauf haben sich 43 islamistische Organisationen zur Armee des Islam zusammengeschlossen.

Das neue islamistische Kampfbündnis umfasst vor allem Gruppierungen, die im Süden Syriens aktiv sind – hier galt lange die FSA als vorherrschend. Im Norden haben sich schon vorher die beiden al-Kaida-nahen Organisationen der Nusra-Front und des Islamischen Staats Irak und Syrien ausgebreitet. Die radikalen Islamisten sind dort nicht nur militärisch aktiv, sondern versuchen, sich im staatlichen Vakuum auch im sozialen und wirtschaftlichen Bereich in Szene zu setzen.

In ihren religiösen Ansichten scheint die Armee des Islam moderater zu sein als ihre dschihadistischen Rivalinnen. So gräbt das neue Bündnis nicht nur der säkularen Opposition weiter das Wasser ab, sondern könnte sich auch als ein weniger extremes Gegengewicht zu den derzeit bestorganisierten, al-Kaida-gestützten Organisationen etablieren.

Markus Spörndli

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Gegen Assad und Dschihad aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr