Nr. 44/2013 vom 31.10.2013

Ein Rumpeln im Chalet

Zeitungen lesen nach dem Absturz des F/A-18.

Von Roman Schürmann

Am Mittwoch letzter Woche klingelt das Telefon. Ein Zürcher Lokalradio ist auf der dringenden Suche nach Stimmen, die etwas zum eben erfolgten Absturz eines Kampfjets vom Typ F/A-18 D Hornet sagen. Ich habe zu den Schweizer Kampfflugzeugen ein Buch geschrieben, weiss aber auch nicht mehr, als unmittelbar nach dem Unglück online vermeldet wird.

Auch im Netz muss Content her. «20 Minuten Online» stellt zu den ersten spärlichen Informationen sofort eine Grafik mit dem Titel «Die zehn schlimmsten Flugzeugkatastrophen». An vorderster Stelle steht die «Tragödie von Teneriffa» von 1977, die 583 Todesopfer forderte. Zwei Jumbojets stiessen damals auf der Startbahn zusammen.

Die Websites schalten jeden verfügbaren Informationsschnipsel auf; auch hier ist O-Ton gefragt: «Ex-Luftwaffenchef Markus Gygax sagt gegenüber tagesanzeiger.ch/newsnet, es handle sich um den zweiten Absturz einer F/A-18 in der Schweiz. Der erste Unfall habe sich am 7. April 1998 in Crans-Montana ereignet.» Als ob man dazu Gygax bräuchte! «Blick Online» setzt in bewährter Manier auf Livestimmung: «Im Ferien-Chalet von Olaf Hug (39) in Niederstad OW rumpelt es. ‹Bei mir fielen die Gläser um, und Bilder flogen von den Wänden.›»

Niemand scheint genau zu wissen, wie «gross», wie wichtig dieser Absturz jetzt eigentlich ist. «Newsnet» und «Blick Online» richten zur ersten Medienkonferenz einen Liveticker ein. Am Donnerstag kommt der Absturz bei fast allen Zeitungen als Hauptgeschichte auf der ersten Seite, «Tages-Anzeiger» und «Blick» füllen damit auch noch die nächsten beiden Seiten. Eine Ausnahme machen zwei Titel: Der NZZ ist der Besuch des protzigen Bischofs von Limburg beim Papst wichtiger. Und die «Basler Zeitung» verbannt die Story auf die «Letzte». Bereits am Samstag ist das Thema dann weitgehend aus den Medien verschwunden.

Wer sass im Hornet? Der «Blick» weiss, dass der Pilot Stefan «Stiwi» J. heisst – der Kosenamen wird im Boulevardblatt auffällig oft wiederholt; «Stiwis» Porträt wird verpixelt gezeigt. Die «Südostschweiz» liefert den vollständigen Namen und unverpixelte Bilder, ebenso die «Aargauer Zeitung»; ein Redaktor der «Südostschweiz» hat den Piloten im Mai 2012 bei einem Flug begleiten dürfen. Alle anderen bleiben bei «J.». Dagegen nennt «Blick» den zweiten Toten – einen deutschen Militärarzt – mit vollem Namen, anonymisiert ihn später aber auch.

Die Medien konzentrieren sich ganz auf den Unfall, die Bergungsarbeiten und die menschlichen Schicksale. Die ansonsten heiss diskutierten 22 JAS-39 E Gripen bleiben aussen vor, die Suche nach skandalträchtigen Zitaten aus Politkreisen führt nicht weit. Nur SVP-Nationalrat Hans Fehr geht auf Anfrage von «20 Minuten Online» davon aus, «dass ‹linke Flugzeugverhinderer und Armeeabschaffer probieren werden, diesen Absturz auszuschlachten›». Das geschieht dann bloss auf Twitter und in Onlinekommentaren. Aber auch hier: Wer sich «pietätlos», wie es oft heisst, äussert, wird scharf zurechtgewiesen. Doch die SVP legt nach. Christoph Mörgeli tweetet: «Warum arbeiten Deutsche als Fliegerärzte der Schweizer Armee?», um danach im «Tagi» zu kommentieren, das sei «eine Folge der Masseneinwanderung». Und: «Wir müssen die richtigen Fragen stellen, um zu verhindern, dass solche tragischen Vorfälle wieder geschehen.»

Den einzigen verblüffenden Titel liefert übrigens «NZZ Online». Einer der Texte zum Absturz trägt den Titel: «Wir haben Glück gehabt».

Roman Schürmann ist WOZ-Redaktor. 
Sein Buch zur Geschichte der Schweizer Kampfflugzeuge, «Helvetische Jäger. 
Dramen und Skandale am Militärhimmel» (Rotpunktverlag), ist im Buchhandel und 
auf www.woz.ch/shop/buecher erhältlich.

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