Nr. 46/2013 vom 14.11.2013

Wissen schaffen für den Markt

Schweizer Hochschulen werden wie Unternehmen im globalen Wettbewerb geführt. Das ist nicht im Sinn der Wissenschaft, warnt der Schweizerische Wissenschafts- und Technologierat.

Von Marcel Hänggi

Wenn die Fahne der Unabhängigkeit eingeholt wird: Hörsaal der Zukunft. Montage: TagesWoche

«Die Universität im Ruin», «Wissenschaft in privatem Interesse», «Universität AG. Die Korrumpierung der höheren Bildung» – Bücher, die sich in den letzten fünfzehn Jahren mit dem Zustand der Akademie befassten, lassen ahnen: Da geht die Post ab. Die Wissenschaftslandschaft verändert sich dramatisch. Hierzulande haben das aber erst wenige bemerkt.

Der Schweizerische Wissenschafts- und Technologierat (SWTR), ein Beratungsorgan des Bundesrats, hat nun zwei Berichte zum Thema publiziert und Empfehlungen formuliert – der Inhalt hat es in sich.

In den letzten Jahren, so das Fazit, habe sich die «Ökonomisierung der Wissenschaft» massiv verschärft. Das biete «Chancen und Risiken», wie man so schön sagt. Die Lektüre indes macht klar: Die Chancen sind gemessen an dem, was auf dem Spiel steht, gering.

Es braucht Richtlinien

Ökonomisierung bedeutet einerseits, dass Hochschulen um privates Geld buhlen. Andererseits funktionieren sie zunehmend wie Unternehmen. Sie versuchen offensiv, ihre Forschungsergebnisse zu «verwerten», und haben ein Management nach betriebswirtschaftlichen Kriterien aufgebaut. Dahinter liegt politische Absicht: Mehr Wettbewerb soll Hochschulen besser machen; die Resultate der Forschung sollen rascher «Nutzen» zeitigen.

Doch: «Wissenschaft und Marktmechanismen sind nur zum Teil kompatibel», schreibt der SWTR. Er warnt vor dem «Risiko einer privaten Aneignung von Wissen, das mit öffentlichen Mitteln erarbeitet worden ist», vor einer «einseitigen Ausrichtung auf kurzfristig wirtschaftlich verwertbare Ergebnisse», einer «Abhängigkeit von Erwartungen der privaten Geldgeber» und der Abwertung der «intrinsischen Motivation der Forschenden und Lehrenden». Die Forschungskultur werde verändert, die akademische Selbststeuerung verdrängt. Rechnet man davon die übliche Portion diplomatischer Sprache weg (was als Risiko bezeichnet wird, ist in vielen Fällen schon Realität), ist das ein düsteres Bild. Der SWTR empfiehlt deshalb Gegensteuer: Die Kriterien der Leistungsbemessung seien zu überdenken, und für die Beziehungen zwischen Hochschulen und privaten Partnern seien Richtlinien zu erlassen.

Administration verschlingt Ressourcen

An einer SWTR-Veranstaltung letzte Woche in Bern sagte Manuel Trajtenberg vom israelischen Hochschulrat, «mächtige Trends» bedrohten die erfolgreiche Wissenschaft. Dazu zählte er namentlich die Verschärfung des globalen Wettbewerbs: Es könne auch ein Zuviel an Wettbewerb geben. Damit verbunden seien bürokratische Leerläufe: Typische ForscherInnen verwendeten heute 45 Prozent ihrer Arbeitszeit auf Administratives – eine Ressourcenverschwendung, die nicht mal nach den simplen Input-Output-Kriterien der Ökonomisierung sinnvoll sein kann. Die Wissenschaftswelt stehe, so Trajtenberg, an einer Wegscheide – und die Schweiz könne den richtigen Weg weisen!

Die Schweiz? Der Bundesrat, der sich vom SWTR beraten lassen sollte, hat in den letzten Jahren noch immer auf Ökonomisierung gesetzt. Problembewusstsein ist nicht auszumachen. Und die Universitätsrektorenkonferenz (CRUS) hat bereits in diesem Jahr Avancen der wissenschaftlichen Akademien abgewiesen, gemeinsam Richtlinien zu erarbeiten. Antonio Loprieno, Rektor der Uni Basel und CRUS-Präsident, war an der Veranstaltung letzte Woche anwesend, äusserte sich aber nicht direkt zu den Empfehlungen des Wissenschaftsrats.

Dafür stellte er fest, es gebe zwei Parallelwelten: Die einen würden als Erfolg feiern, wenn sie viele Gelder einwerben, die anderen die Fahne der unabhängigen Wissenschaft hochhalten. Diese Welten aber seien unvereinbar. Das ist immerhin schon mal eine seltene Redlichkeit. Fragt man bei den zuständigen Stellen an, bekommt man nämlich fast immer dieselbe Antwort: Ja, wir wollen mehr Geld von Privaten – und nein, das beeinträchtigt unsere Unabhängigkeit nicht, wie kommen Sie darauf?

Schweizerischer Wissenschafts- und Technologierat: «Leistungsmessung und Qualitätssicherung in der Wissenschaft». SWTR-Schrift 3/2013. «‹Ökonomisierung› der Wissenschaft». SWTR-Schrift 4/2013. Beides online erhältlich: www.swtr.ch.

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