Nr. 21/2009 vom 20.05.2009

Die Lehre ist so frei, wie der Markt will

Immer stärker beeinflussen neoliberale Denkmuster die strategische Ausrichtung der Schweizer Hochschulen. Als wissenschaftlich erfolgreich gilt, wer viele Drittmittel organisiert.

Von Franziska Meister

Früher lud die Universität Zürich politische Schwergewichte wie Winston Churchill zu Vorträgen ein - heute bietet sie Wirtschaftskapitänen wie Daniel Vasella und Peter Brabeck eine Plattform. Das ist kein Zufall. Die Schweizer Hochschulen treten zunehmend selbst als Unternehmen auf, ihre RektorInnen gefallen sich in der Rolle von CEOs.

Es spiegelt sich schon im Vokabular. «Wir haben ein Jahr des Wachstums hinter uns», eröffnet Urs Würgler, Rektor der Universität Bern, den jüngst veröffentlichten Jahresbericht der Hochschule. Ganz selbstverständlich spricht er vom «Unternehmen Universität», von «Investitionen» in die Zukunft der Gesellschaft, von den ProfessorInnen als «Erfolgsfaktor».

Das Motto für 2009: Fundraising

Sogenannte Public Private Partnerships sind in aller RektorInnen Munde: Die Hochschulen setzen immer stärker auf Drittmittel aus der Privatwirtschaft, um Forschung und Lehre zu finanzieren. Nebst Bern will auch die Uni Zürich ein «systematisches und professionelles Fundraising» aufbauen, in Freiburg ist ebenfalls eine Fundraisingkampagne in Vorbereitung. Dabei ist die Ökonomisierung der Hochschulen bereits fortgeschritten, wie ein Blick auf die steigende Zahl privatwirtschaftlich gesponserter Lehrstühle zeigt: Finanziert werden diese in erster Linie durch grosse nationale und internationale Firmen, darunter Pharmamultis wie Novartis, Roche, Sandoz, Schering und Interpharma, Finanz- und Versicherungsinstitute wie die Bank Vontobel oder die Swiss Re und Technologiekonzerne wie Siemens oder Bühler.

Der Universität Freiburg ist Ende 2007 ein ganz besonderer Coup gelungen: Sie erhielt hundert Millionen Franken vom Freiburger Industriellen Adolphe Merkle für den Aufbau eines Forschungsinstituts für Nanotechnik sowie eines Lehrstuhls für Innovationsmanagement und Technologietransfer. Damit sollen laut Merkle junge Ingenieure angeleitet werden, eine Idee bis zum Markterfolg weiterzuverfolgen - denn nur so bewirke man ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum. Innovationen in der Nanotechnik - oft als Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts bezeichnet - werden von der Industrie gezielt gefordert und entsprechend gefördert. Das zeigt auch das Beispiel des geplanten Nanotechnologielabors in Rüschlikon, in das IBM und ETH 2008 neunzig Millionen Franken investiert haben.

Die Universität St. Gallen (HSG) ist mit einem Selbstfinanzierungsgrad von 57 Prozent de facto bereits heute mehr ein Unternehmen als eine Universität. Und auch die ETH Zürich ist auf dem besten Weg dorthin. Der Vizepräsident für Forschung heisst mittlerweile offiziell «Vizepräsident für Forschung und Wirtschaftsbeziehungen». Ihr Fundraising hat die ETH längst mit einer eigenen, unabhängigen Stiftung professionalisiert. Um den konkreten Teil der Public Private Partnerships bemüht sich die Technologietransferstelle. In den vergangenen zehn Jahren ist sie von drei auf dreizehn Personen angewachsen. Laut Andreas Klöti von ETH Transfer schliesst die Hochschule jedes Jahr mehrere hundert Verträge mit Firmen ab.

Gerade «in Zeiten der Finanzkrise» will die ETH den Wirtschaftsstandort Schweiz stärken, wie sie jüngst an ihrer Jahresmedienkonferenz betont hat. Und zwar mit massgeschneiderten Angeboten für Grossfirmen, die in sogenannten Ideenlabors - «Idea Labs», wie sie Klöti nennt - von ETH-Professoren und Firmenvertreterinnen gemeinsam entwickelt werden. Die Feuerprobe hat bereits stattgefunden. Siemens hat Anfang 2009 fünf Millionen Franken für einen neuen Lehrstuhl im Bereich «nachhaltige Bautechnologien» gestiftet. Eine Million davon ist für konkrete Projekte reserviert - und die sind in einem Ideenlabor entwickelt worden.

Wes Brot ich ess ...?

Wer Lehrstühle sponsert, gibt meist auch deren inhaltliche Ausrichtung und Forschungsschwerpunkte vor - aus firmeneigenem Interesse. Das ist nicht nur bei Siemens so, sondern auch im Fall der Swiss Re, die einen neuen Lehrstuhl für Risikomanagement an der ETH finanziert. Der Technologiekonzern Bühler spendete der ETH vergangenes Jahr 1,5 Millionen für die Weiterentwicklung von Produktionstechnologien - «um das zukünftige Wachstum bewältigen und die Innovationskraft des Unternehmens sichern zu können», wie es in der Medienmitteilung der ETH hiess. Zum Beispiel mit hochqualifizierten Arbeitskräften, die im firmeneigenen Kernbereich ausgebildet worden sind.

Verabschieden sich die Hochschulen mit solchen Public Private Partnerships und Forschung für die Privatwirtschaft nicht von der freien, unabhängigen Forschung? «Es muss schon für beide stimmen», sagt Klöti. Und verdeutlicht erneut: «Die ETH will dort forschen, wo es auch die Wirtschaft interessiert.» Das steht für ihn nicht im Widerspruch zur Forschungsfreiheit - es gibt ja auch Forschungsbereiche der ETH, an denen die Wirtschaft nicht interessiert ist. Auch seitens der Hochschulleitungen wird immer wieder betont, die Freiheit von Lehre und Forschung sei gewährleistet - im vereinbarten Bereich. Der Zürcher Soziologieprofessor Kurt Imhof gab allerdings vor wenigen Monaten im Zusammenhang mit Auftragsforschung freimütig zu: «Ohne ‹sanfte Prostitution› geht es nicht.»

«Der Mensch ist kein Esel!»

Hört man sich unter den Forschenden um, ist das Unbehagen gegenüber der zunehmenden Ökonomisierung des Wissenschaftsbetriebs allerdings gross. Sie beklagen sich nicht allein über den steigenden Zwang, Drittmittel aus der Privatwirtschaft zu akquirieren, sondern vor allem darüber, dass ihre Qualität und die Qualität ihrer Forschung zunehmend am Erfolg in der Drittmittelbeschaffung gemessen werden. Immer mehr werde nur noch Forschung finanziert, die wirtschaftlich auch verwertbar sei, betonte der Genfer Astrophysiker Thierry Courvoisier vergangenen Freitag in Bern an einer Veranstaltung der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz zur Frage, wie frei die Wissenschaft ist. «Der Mensch ist kein Esel, der Geld frisst!», rief er in die Runde.

Josiane Aubert, SP-Nationalrätin aus Neuenburg und Präsidentin der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur, wies die versammelten NaturwissenschaftlerInnen darauf hin, dass die Forschungsfreiheit ein Grundrecht darstelle und ebenso hoch zu gewichten sei wie die Redefreiheit. Wissenschaftliche Freiheit sei am besten garantiert, wenn Forschung mit öffentlichen Mitteln finanziert und den Interessen des Marktes entzogen sei. «Wir müssen uns auch an der eigenen Nase nehmen und zu Dissidenten des Zeitgeists werden», mahnte eine Teilnehmerin ihre WissenschaftskollegInnen.

Von der Wirtschaft übernommene Denkweisen machten die Universitäten kaputt, stellte die Berner Soziologieprofessorin Claudia Honegger vergangene Woche in der Berner Tageszeitung «Bund» fest. Der Soziologie droht in Bern das Aus - weil man sich das Fach an der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaft nur noch in Kombination mit andern Fächern «leisten» könne, wie der Rektor betonte. Claudia Honegger hat ihre Stelle gekündigt.

Die Deutschschweizer Hochschulen

Mit Zahlen ist es so eine Sache: Einige Hochschulen unterscheiden offiziell gar nicht zwischen privaten und öffentlichen Drittmitteln oder haben andere Benennungen und Zuteilungen. Oder sie rechnen auch Einnahmen aus Dienstleistungen und Weiterbildungen zu den Drittmitteln, wie etwa die Universität Bern. Für eine Vergleichbarkeit ist diesen unterschiedlichen Kategorisierungen in der Tabelle so weit wie möglich Rechnung getragen worden.
Quelle: Hochschulen; Zusammenstellung: Franziska Meister

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