Nr. 33/2007 vom 16.08.2007

Die grosse Freiheit

Schon an den Unis werden angehende ÄrztInnen auf vielfältige Weise von der Industrie geködert. Vor allem in den USA wird man sich dieser Problematik zusehends bewusst. Verbindliche Richtlinien allerdings haben sich bisher nicht durchgesetzt.

Von Roland Fischer

Die Pharmabranche wendet Unsummen auf, um ÄrztInnen davon zu überzeugen, ein bestimmtes Medikament zu verschreiben. BranchenkennerInnen schätzen, dass in Amerika neunzig Prozent der gut zwanzig Milliarden Dollar, die ins Pharmamarketing fliessen, direkt aufs medizinische Personal abzielen. Das Spektrum der Methoden reicht von subtiler Umgarnung bis zur Bestechung, hart an der Grenze der Legalität.

ÄrztInnen werden an Kongresse eingeladen und mitunter sogar für ihre Anwesenheit bezahlt; die obligatorische Fortbildung gibt es, ebenfalls im Auftrag der Industrie organisiert, gratis und franko; von neuen Medikamenten werden massenhaft Musterpackungen verteilt; Kommunikationsprofis schreiben Artikel über Resultate, die der Industrie genehm sind, die forschende Ärztin braucht nur noch ihren Namen darunterzusetzen; die Werbung von PatientInnen für Studien mit wissenschaftlich zweifelhaftem Nutzen bringt fürstliche Provisionen.

InsiderInnen haben in den letzten Jahren wiederholt darauf hingewiesen, dass sich auf diese Weise ein festes System der finanziellen Verstrickung von Industrie und Ärzteschaft etabliert und dass dieses System längst auch die Ausbildung durchdrungen hat. Um sicherzustellen, dass kein Misstrauen aufkeimt, gewöhnt die Pharmaindustrie schon angehende MedizinerInnen an die Annehmlichkeiten, die sie bieten kann.

Geschenke, Lunches und Bares

Vor allem in den USA haben die Universitäten deshalb begonnen, für ihre Medizinischen Fakultäten und angegliederten Spitäler Richtlinien herauszugeben, um der Korrumpierung der ÄrztInnen schon früh einen Riegel zu schieben. Vorreiter waren dabei private Unis wie Yale oder Stanford, deren Budgets weniger stark unter Spardruck sind als diejenigen der staatlichen Unis.

Wie schwer sich allerdings selbst renommierte Universitäten damit tun, für klare Verhältnisse bei der Zusammenarbeit mit der Industrie zu sorgen, zeigt eine aktuelle Kontroverse aus Kalifornien. Die übergeordnete Verwaltung der kalifornischen Hochschulen hatte vor einigen Monaten einen Entwurf von Richtlinien vorgelegt, die allen zehn staatlichen Unis strenge Beschränkungen auferlegt hätten. Klinik-ärztInnen wäre verboten worden, Geschenke anzunehmen, StudentInnen hätten keine Gratislunches mehr erhalten sollen und auch auf sogenannt «bedingungslose» Beiträge der Industrie an Ausbildungs- und Forschungskosten hätten die Unis in Zukunft verzichten müssen. Vor einem Monat haben die Hochschulvertreter diese Vorschläge jedoch rundweg abgelehnt. Die Richtlinien seien «vage, gingen zu weit und beschränkten die akademische Freiheit», liessen sie verlauten.

Die Pharmazieprofessorin Lisa Bero von der Universität San Francisco geht davon aus, dass die Richtlinien nun im Papierkorb landen werden. Der Hochschulrat hätte zwar die Kompetenz, bindende Regeln für die Universitäten zu erlassen, doch wird er diese Autorität kaum durchsetzen. So wird es an den einzelnen Universitäten liegen, ob sie entsprechende Richtlinien erlassen. Die Medizinischen Fakultäten in San Francisco haben das vor zwei Wochen getan, in Los Angeles gibt es ähnliche Bestrebungen. Bei den MedizinerInnen ist man sich der Problematik durchaus bewusst. Lisa Bero sagt, am meisten Widerstand hätte es von Unis gegeben, an denen es gar keine Medizinischen Fakultäten gebe. «Es gab das Slippery-slope-Argument. Wenn man erst mal eine Industrie ins Visier nimmt, dann wird man ähnliche Kollaborationen bald auch in anderen Fel-dern anschwärzen. Vor allem Informatikerinnen und Biotechnologen wollen nichts von Beschränkungen wissen.»

Versteckspiel

Der Wissenschaftssoziologe Sheldon Krimsky von der Tufts-Universität gibt zu bedenken, dass kalifornische Unis an vorderster Front mittun beim Einwerben von «big corporate bucks». In Berkeley hat man in den letzten Jahren Millionenverträge mit BP und Novartis abgeschlossen (siehe WOZ Nr. 10/07). «Die Fakultäten sind immer in Sorge, dass der Geldfluss versiegen könnte, ganz egal, wie vermögend sie sind. Man gewöhnt sich an ein gewisses Budgetlevel, und wenn die staatlichen Gelder gekürzt werden, dann sucht man eben im privaten Sektor.»

Dass es vor allem um Geld geht, ist auch für Lisa Bero klar: «Die Gegner verstecken sich hinter dem Argument der 'akademischen Freiheit'. In Tat und Wahrheit haben wir die Freiheit von Lehre und Forschung schon lange an die Industrie verkauft.»

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