Nr. 47/2013 vom 21.11.2013

Die verdiente Gelbe Karte

Ein ungewöhnlicher Protest gegen Fussball-«Journalismus».

Von Nick Lüthi

Welche netten Titulierungen hat ein Boulevardblatt auf Lager für Fussballer, die zum Penalty antreten und voll danebentreffen? «Penalty-Depp», «Penalty-Versager» oder «Penalty-Trottel». Über diesem Niveau geht nichts. Wie soll man nun eine Zeitung nennen, die dreimal am sprichwörtlichen Elfmeterpunkt steht und dreimal voll danebenschreibt? Wir sagen es nicht. Sie wissen es schon.

Das Blatt mit B sah in den letzten Monaten gleich dreimal einen Trainer den Klub wechseln, ohne dass dieser von seinem Glück wusste: Ciriaco Sforza zu den Young Boys, Christian Gross zu Nürnberg und Marcel Koller zur Schweizer Nationalmannschaft; alles mit fetten Schlagzeilen kundgetan, die allein der Wunsch- und Fantasiewelt ihrer Schreiber entsprangen. Natürlich: Einmal soll die Technik der Redaktion einen Streich gespielt und eine vorbereitete Version mit der Vollzugsmeldung veröffentlicht haben. Und bei den anderen Falschmeldungen finden sich im Kleingedruckten Relativierungen, auf die sich die Zeitung bei Nichteintreffen berufen könnte.

Mit ihrer famosen Trefferquote sind die heimischen Fussballexperten keineswegs allein. Auch im Nachbarland Österreich hat die gleichnamige Zeitung ein Problem mit Fakten rund um den Fussball. So beförderte sie im Gleichtakt mit ihren Schweizer Kollegen den österreichischen Nationaltrainer über die Grenze.

Vorangegangen war der Falschmeldung über den Wechsel von Marcel Koller zur Schweizer Nationalmannschaft eine wüste Kampagne gegen den «Verräter» und «billigen Söldner». Man sollte Koller als «Packerl an die Schweizer» schicken, frei nach dem Motto: Ausländer raus. Damit war der Bogen überspannt.

In einer selten gesehenen Aktion, die sie selber als Tabubruch bezeichnen, meldeten sich die Fussballer von Österreichs Nationalteam mit einem offenen Brief zu Wort. Nach einem gewundenen Vorspann, in dem die Spieler betonen, dass öffentliche Medienschelte ihre Sache eigentlich nicht sei, aber in diesem Fall eben doch unumgänglich, bringen es die Sportler auf den Punkt: «Dennoch fragen wir uns angesichts der ‹Berichte› über uns in der Tageszeitung ‹Österreich›, ob sich Journalisten wirklich ALLES erlauben können und ob wir uns wirklich ALLES gefallen lassen müssen? Wir meinen: NEIN!»

Die Kritik sollte ihr Ziel nicht verfehlen. Entgegen der üblichen rechthaberischen Kaltschnäuzigkeit, mit der Journalisten bisweilen auf Widerspruch reagieren, setzte es von der «Österreich»-Redaktion so etwas wie ein «mea culpa» ab. Nur einen Tag nach dem offenen Brief der Nationalspieler reagierte das Boulevardblatt mit einer Antwort und einer Entschuldigung. Sie seien «über das Ziel hinausgeschossen», sie hätten Koller «zu hart kritisiert». Man nehme sich die Vorwürfe der Spieler zu Herzen und wolle sich bessern.

Journalisten wären aber nicht Journalisten, wenn sie hier einen Punkt setzen würden. Denn alles lässt sich irgendwie erklären. Die Überhärte, mit der man gegen die Fussballer eingestiegen sei, zeuge letztlich von der Unabhängigkeit der Berichterstattung. Als junge Zeitung (2006 gegründet) gehöre «Österreich» nicht zum traditionellen Filz zwischen Nationalteam und Sportjournalismus. Auch deshalb hielten die Leser den Sportteil für den besten im Land. Nach der Gelben Karte vermutlich etwas weniger.

Nick Lüthi ist Medienjournalist.

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