Nr. 49/2013 vom 05.12.2013

Auf leisen Pfoten durch die Nacht

Seit Jahrtausenden bewahrt die Katze ihr Geheimnis. Und selbst für den Fall, dass sie vielleicht gar keines hat: Der Mensch will es lüften.

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

Was ein Hund in der Nacht treibt, ist nicht besonders geheimnisumwittert. Meistens schläft er, wo ihm sein Mensch ein Lager zugewiesen hat, und wenn es hoch kommt, hetzt er mit zuckenden Läufen im Traum ein Karnickel.

Nicht so die Katze. Die entschwindet abends in die Dämmerung, und wenn sie morgens zurückkehrt, lassen nur Indizien erahnen, was sie erlebt hat. So durchstreifte Pussi, der Kater meiner Kindheit, unabhängig von der Witterung die Nacht, bis er sich am Morgen miauend wieder vor dem Küchenfenster einfand. Mich beschäftigte das. Während wir am warmen Ofen sassen, drängte das Tier freiwillig nach draussen und verschwand in Nässe und Dunkelheit. Mit regelrechtem Grauen erinnere ich mich jener Morgendämmerungen, in denen Kater Pussi blutüberströmt und mit gespaltenem Ohr vor der Tür wartete. Es mussten Kämpfe auf Leben und Tod sein, die er sich mit Rivalen aus der Nachbarschaft um sein Revier lieferte.

Die rätselhafteste aller Katzen ist zweifellos jene von Erwin Schrödinger, bei der man ja nicht mal weiss, ob sie lebt oder schon tot ist. Dass Physiker Schrödinger für sein Paradoxon eine Katze wählte, war sicher kein Zufall, vermutlich hätte Schrödingers Hamster die quantenphysikalische Diskussion ungleich weniger inspiriert. Denn Katzen haben Geheimnisse, und die, die bestimmt keines haben, schauen so, als hätten sie eines. Und so nagt an allen KatzenbesitzerInnen die Frage, womit sich ihr vierbeiniger Liebling eigentlich die Zeit vertreibt, wenn sie nicht dabei sind.

Der Westschweizer Journalist Etienne Dubuis* wollte es genau wissen und stattete seinen Kater Shatoosh tagsüber mit einer Minikamera und nachts mit einem GPS aus. Abgesehen von der überraschenden Erkenntnis, dass Shatoosh – wie wohl auch seine ArtgenossInnen – nicht nur zu Hause, sondern auch draussen häufig schlief, entpuppte sich der Kater als Abenteurer: Er wanderte nachts weitere und ganz andere Wege als am Tag.

Würden wir die Schritte, die ein Mensch in seinem Quartier macht, in einer Karte einzeichnen und dann die Wege einer Katze darüberlegen, könnten wir feststellen, dass sich die beiden Muster kaum decken. Die Landkarte der Katze entspricht nicht jener des Menschen, wie die Katze ihre Spur auch meist nicht dort in den frisch gefallenen Schnee tritt, wo der Mensch gerade einen Weg geschippt hat.

Die Leistung einer durchschnittlich fitten Katze im Freien physisch nachzuvollziehen, würde wohl selbst ParcoursläuferInnen – diese akrobatischen Typen mit Kapuze, die sich fast wie Catwoman im urbanen Umfeld tummeln – überfordern. Denn auf den Spuren der Katze müssten sie sich durch winzige Zaunlöcher und dichtes Gestrüpp winden, auf dem Dachfirst balancieren und Balustraden überspringen, deren Höhe das Dreifache ihrer Körpergrösse beträgt.

Da die Katze aber nicht nur die Kunst der anmutigen Bewegung beherrscht, sondern auch sehr lang bewegungslos verharren und im Dunkeln sehen kann, wäre sie eigentlich die tierische Topkandidatin für Einsätze im internationalen Geheimdienst- und Spionagebusiness oder zumindest – auf Nachbarschaftsebene – gut qualifiziert für die Befriedigung menschlicher Neugier.

Doch sie will nicht. Möglicherweise würde sie ja wollen, wenn die Zielperson gerade mit Wurstpapier rascheln oder mit dem Dosenöffner klappern würde, aber das wäre dann wieder für unseren inneren Voyeur nicht sehr spannend. Denn selbst wenn wir es mit Kamera und Abhörgerät ausstatteten, würde das Tier sicher gerade das nicht aufnehmen wollen, was wir gerne sähen und hörten. Obwohl intelligent, lernfähig und dem Menschen zugetan, verweigert sich die Katze der Dressur. Wenn Katzen ihre Dienste anbieten, tun sie es freiwillig.

Wie zum Beispiel Mimi, die gern den benachbarten Friedhof aufsucht, wo sie auf Grabsteinen sitzend Trost spendet. Obwohl laut Aussage ihrer Familie zu Hause nicht zu Zärtlichkeiten neigend, liebt sie es, von Trauernden gestreichelt zu werden. Ob Mimi nachts in gleicher Weise den Untoten zu Diensten ist, weiss man nicht.

Trösten und Gesellschaftleisten sind ja längst zum Kerngeschäft urbaner Katzen geworden, denn das Mäuse- und Vögelfangen gilt in der Stadt als unfein. Im strengen Sinn ist die Katze also unnütz, und Kurt Tucholsky soll gesagt haben, sie sei das einzige vierbeinige Tier, das dem Menschen eingeredet hat, er müsse es erhalten, ohne dass es etwas dafür zu tun brauche. Das einzige ist sie natürlich nicht – Schildkröte und Meerschweinchen haben ähnliche Begabungen –, aber sicher das erfolgreichste. Und so gehört sie zum mittelständischen Haushalt wie die Blockflöte zur Weihnachtsfeier, was nicht beleidigend gemeint ist; trotz bürgerlichen Ambientes ist sie auch für unkonventionelle Überraschungen gut.

Wie etwa Line, die eine Zeit lang, sobald es dämmerte, aus dem Haus wollte, sie war verliebt. Und ganz zufällig sahen ihre Menschen eines Abends, wie sie mit dem Angebeteten einen scheuen Kuss tauschte, ehe der sich wieder ins Dunkel zurückzog. Es war der Fuchs.

*«L’été de mon chat» in «Le Temps», 
29. Juni 2012.

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