Nr. 50/2013 vom 12.12.2013

Unbequeme Fragen an den Vater

Von Lena Tichy

Auf die Frage «Warum?» gibt es selten eine zufriedenstellende Antwort. Die jungen Schweizer Regisseure Ramòn Giger und Jan Gassmann stellen die Frage in ihrem Dokfilm «Karma Shadub» trotz allem. Giger wendet sich dabei an seinen Vater, den weltbekannten Geiger und Komponisten Paul Giger. Der Sohn will wissen, warum ihm dieser Mensch so fremd erscheint und warum er dennoch so sehr um dessen Anerkennung ringt. Vor allem aber möchte er von seinem Vater hören, warum er sich damals, als Ramòn Giger fünfzehn Jahre alt war, von seiner ersten Frau trennte und den Sohn damit zum Scheidungskind machte.

Der Titel des Films verweist auf das Musikstück «Karma Shadub», das Paul Giger anlässlich der Geburt seines Sohnes Ramòn schrieb. Die Regisseure dokumentieren die Vorbereitungen zu einer Wiederaufführung des Stücks im St. Galler Dom, zeigen die Arbeit der Tanzkompagnie und des Chors und beleuchten sowohl die magischen als auch die frustrierenden Seiten dieses kreativen Prozesses. Paul Giger, das wird schnell klar, wäre froh gewesen, wenn sein Sohn sich inhaltlich auf die Aufführung im Dom beschränkt hätte. Stattdessen nimmt Ramòn Giger seinen Mut zusammen und stellt sich und seinem Vater in langen Nächten an verschiedenen Küchentischen unbequeme und schmerzhafte Fragen.

Das Thema von «Karma Shadub» scheint nach einer Koregie verlangt zu haben, und es trifft sich gut, dass Giger und Gassmann nicht nur beide über einen geschulten filmischen Blick verfügen, sondern auch befreundet sind. So ist ein Film entstanden, der über viel emotionale Tiefe verfügt, ohne dabei voyeuristisch zu sein. Die Stärke von «Karma Shadub» liegt letztlich in den leisen Zwischentönen und in der Erkenntnis, dass es oft die Suche nach der Wahrheit ist, die einen Menschen verändert, und nicht die Wahrheit selbst.

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