Nr. 10/2013 vom 07.03.2013

Musik als Rettung

Von Lena Tichy

Ab und zu kommt ein Film ins Kino, bei dem man sich wünschte, man hätte einen Stift mitgenommen, damit man aufschreiben könnte, was gesagt wird. Alena Cherny, die Porträtierte in Christian Labharts «Appassionata», sagt des Öfteren Sätze, die ins Herz treffen. Worte, die pathetisch klingen könnten, wenn nicht Cherny sie sagen würde. Die ukrainische Pianistin hat, wie beim Klavierspielen auch, ein untrügliches Gespür für emotionale Wahrheiten.

Der Dokumentarfilm begleitet Cherny auf einer Reise in ihre Heimat, die keine mehr ist. Geboren im ukrainischen Romny, einem kleinen Dorf rund 270 Kilometer östlich von Kiew, fällt Cherny schon früh durch ihre musikalische Begabung auf. Ihre Jugendjahre verbringt sie in einem Eliteinternat in Kiew, mit neunzehn beginnt sie ihre Ausbildung am dortigen Konservatorium.

Der Reaktorunfall in Tschernobyl 1986 schlägt laut Cherny «wie ein Meteorit» in ihr Leben. Sie flüchtet, gibt Konzerte auf der ganzen Welt und lässt sich schliesslich mit ihrer Tochter in Wetzikon bei Zürich nieder. Nun, über zwanzig Jahre nach Tschernobyl, will sie ihrer alten Musikschule in Romny ein Klavier schenken. Das ist, könnte man jetzt sagen, der Vorwand, unter dem Cherny an die Orte ihrer Vergangenheit zurückkehrt. Benannt nach einer schmerzhaft schönen Klaviersonate von Beethoven, erzählt «Appassionata» die Geschichte einer Künstlerin, die durch die Liebe zum Klavierspiel immer von Neuem gerettet wurde.

Regisseur Labhart nimmt sich bewusst zurück, die Kameraarbeit von Gabriel Sandru ist schlicht und geduldig. Und so wie Cherny lapidar und oft fast beiläufig von schwersten Schicksalsschlägen erzählt, so werden auch Mozarts Klavierkonzert in d-Moll oder Bachs «Matthäuspassion» nie zur Gefühlsmanipulation eingesetzt, sondern bleiben stets eigenständige Protagonisten. Wie Cherny selbst sind die Stücke aufrichtig, aufgeladen mit Sehnsucht und gerade deshalb unergründlich.

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