Nr. 51/2013 vom 19.12.2013

Sport und Sprache

Reaktionen auf Lara Guts Tweets.

Von Pedro Lenz

Lara Gut, gegenwärtig beste Skirennfahrerin der Welt, hat sich via Twitter über die Vorherrschaft der Deutschschweiz im Land geärgert. Nachdem die Tessinerin am vergangenen Wochenende bei der Verleihung der Sports Awards hinter der Ostschweizerin Giulia Steingruber und der Bernerin Simone Niggli auf Rang drei gekommen war, twitterte sie zunächst, sie sei zu sehr Tessinerin, um bei den Sports Awards gewinnen zu können. Später präzisierte sie die Aussage mit folgenden Worten: «Es isch eifach so schad, dass bi söttigi Anlässe nur schwiitzerdütsch gesproche wird. Die Schwiiz isch nid nur das.»

Diese engagierte und sprachspielerische Aussage einer Sportlerin, die sich um die Gleichbehandlung aller Regionen sorgt, nahm nun eine Gratiszeitung aus der Deutschschweiz zum Anlass, die schweizerdeutsche Sprache grundsätzlich infrage zu stellen. Ganz so, als sei die Sprache daran schuld, dass nicht alle Leute auf der Welt alle Sprachen auf der Welt verstehen.

Wieder einmal wurde in den Medien ein Problem des inneren Ausgleichs des Landes zu einem Sprachenstreit umgedeutet. Die betreffende Zeitung tat so, als hätte die vielsprachige Skirennfahrerin Lara Gut mit ihrer Kritik die Sprache selbst und nicht die Sprechenden gemeint. Um der Sprachenthematik einen wissenschaftlichen Anstrich zu verleihen, wurde in der erwähnten Gratiszeitung ein «Sprachforscher» aus dem Jura, der zuvor der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» Auskunft erteilt hatte, mit folgenden Worten zitiert: «Die Schweizer befinden sich sprachlich gesehen immer noch im Krieg.» Und weiter habe der Experte, immer gemäss der Gratiszeitung, erklärt: «Mit Mundart versuchten sich die Deutschschweizer gegenüber Deutschland abzugrenzen.»

Das ist vielleicht alles wahr. Vielleicht ist es aber auch wahr, dass Russinnen und Russen meistens Russisch sprechen, um sich mit ihrer Sprache gegenüber dem Fürstentum Liechtenstein abzugrenzen. Und möglicherweise könnten wir sogar vermuten, dass sich beispielsweise Italienerinnen und Italiener, wenn sie Italienisch sprechen, gegenüber Nordkorea abgrenzen wollen. Freilich wäre auch gut denkbar, dass die Menschen, wenn sie in ihrer Sprache sprechen, gar keine Abgrenzung im Sinn haben, sondern ganz einfach Kommunikation betreiben möchten.

Lara Gut kann nichts dafür, dass sich immer wieder Sprachfachleute finden lassen, die den Menschen in der Deutschschweiz vorschreiben wollen, wie sie zu reden haben. Die Sportlerin wollte offensichtlich bloss sagen, die Deutschschweiz habe innerhalb der Schweiz mehr Macht als der Kanton Tessin, etwa dann, wenn an einer gesamtschweizerischen Preisverleihung fast ausschliesslich in einer von mehreren Landessprachen gesprochen wird. Die Skirennfahrerin hat ihre Feststellung sogar in einer originellen Mischung aus Schweizerdeutsch und Hochdeutsch in die Welt getwittert. Allein damit beweist Lara Gut, dass das Problem, das sie anspricht, kein Sprachenproblem ist. Sprachen stehen immer denen zur Verfügung, die sie brauchen wollen. Jede Sprache, so rein oder unrein sie sein mag, ist eine Brücke zur Welt. Wer zum Beispiel einmal dem Training eines Profifussballteams beigewohnt hat, wird bestätigen können, dass Sprachen keine Verständigungsbarrieren sein müssen. Sprachen ergänzen und durchdringen sich auf wohlklingende Art. Alles lässt sich in allen Sprachen sagen. Das weiss jedes Kind. Das weiss auch Lara Gut.

Nur die «Sprachforscher» von der Gratiszeitung scheinen es nicht zu wissen und beharren auf der Idee, dass wir Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer bloss Schweizerdeutsch reden, um eine Art sprachliche Fremdenfeindlichkeit zu zelebrieren. Skistar Gut hat nichts gegen die Sprache selbst gesagt. Sie hat sich gegen die Diskriminierung von Minderheiten ausgesprochen. Nur wer das eine mit dem andern verwechselt, hat ein Sprachproblem.

Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt 
in Olten. Er ist unter anderem Mitglied 
der mehrsprachigen AutorInnengruppe 
«Bern ist überall».

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