Nr. 51/2013 vom 19.12.2013

Den Minder abstellen

Der grosse Neid im Bundeshaus.

Von Susi Stühlinger

Ein sonores Gurgeln erklang aus der Kabine neben ihm. BDP-Präsident Martin Landolt wusste, dass in diesem Moment auf der Nachbartoilette kein Geringerer als Ständerat Thomas Minder sein tägliches Mundspülritual vollzog. Das hatte in Minders Fall nichts damit zu tun, dass die Session sich langsam dem Ende zuneigte und die eine oder der andere im Café Fédéral eine Flasche Fendant zu viel geleert hatte – Minder spülte immer. Kopfschüttelnd zog Nationalrat Landolt den Hosenschlitz zu und verliess den Raum, der bis zu Minders Amtsantritt noch das letzte stille Örtchen im Bundeshaus gewesen war. Nie konnte der seine Klappe halten.

Seit er sein Abzockerdings gewonnen hatte, liess er sich als Sprachrohr für diverse Volksinitiativen herumreichen: Von Masseneinwanderungs- bis Pädophileninitiative trauten die Initianten einem Minder samt und sonders allerlei Kompetenzen in den unterschiedlichsten Themenfeldern zu, während er, Martin Landolt, nie für etwas angefragt wurde. Sogar bei der Gegenoffensive zur SVP-Initiative hatten sie ihn zunächst vergessen, und nun musste er sich das Kopräsidium der Bewährte-Bilaterale-Kampagne mit einem guten Dutzend anderer Politiker teilen.

Minder hier, Minder da, er konnte es nicht mehr hören. Der Mann war unkaputtbar. Selbst wenn der «Blick» titelte «Obwohl er gegen Zuwanderung ist – Minder sucht Mitarbeiter in Deutschland», findet eine Mehrheit in der Onlineumfrage «Ist Thomas Minder noch glaubwürdig?» achselzuckend: «Politiker sind alle unglaubwürdig.» Der Minder musste abgestellt werden, und dafür gab es nur ein probates Mittel: Man musste versuchen, diese Initiativensammelei abzustellen.

So war Martin Landolt Feuer und Flamme, als Ratskollege Karl Vogler ihm von der Idee erzählte, den Bundesrat Massnahmen prüfen zu lassen, die die Initiativflut eingrenzen könnten – zum Beispiel indem Initiativbögen nur noch auf der Gemeinde unterzeichnet werden dürften. Würden die Gemeindefusionen überall so zügig vollzogen wie in seinem Heimatkanton Glarus und wären die Gemeindehäuser nur noch so selten geöffnet, wie es die Sparanstrengungen diverser Kantone vermuten liessen, käme bald überhaupt keine Volksinitiative mehr zustande.

So wäre dem Minder der Schnabel gestopft, Bundesrat und Parlament könnten wieder in Ruhe die wirklich wichtigen politischen Fragen angehen, wie etwa Landolts eigene Vorstösse zur Attraktivierung der Offizierslaufbahn oder zur Abschaffung der Fragestunde im Nationalrat. Niemandem würde mehr auffallen, wie langweilig die BDP war.

Thomas Minder spuckte aus und trat mit frischem Atem an die frische Luft. Alles war möglich. Wenn er erst einmal die SVP-Masseneinwanderungsinitiative gewonnen hatte, würden ihm die meisten SVPler aus schierer Dankbarkeit in die Parteilosigkeit folgen, wo sie alle zusammen beliebig tun und lassen könnten, was sie wollten: gegen Abzocker, gegen Ausländer, gegen Pädophile, gegen flankierende Massnahmen, gegen invasive Neophyten und gegen all jene, die versuchten, das geräuschvolle Gurgeln der Volksseele zu unterbinden.

Susi Stühlinger betrinkt sich an Silvester mit Mundwasser.

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