Nr. 04/2014 vom 23.01.2014

Steile Abhänge, schwarze Autos

Ein fröhlicher Ausflug endet im tödlichen Abgrund. In seiner Graphic Novel illustriert Hannes Binder den Überfall von Nazis auf die jüdische Familie Rotter am 5. April 1933 in Liechtenstein.

Von Eva Pfister

Die Tat war perfide: Die Opfer wurden unter einem Vorwand in die Berge gelockt und dort überfallen. Sie sollten gefesselt nach Deutschland verschleppt werden, aber im Gerangel stürzten zwei von ihnen in den tödlichen Abgrund. Die «Rotter-Affäre» hiess das jahrelang in Liechtenstein, das klingt harmloser als das antisemitische Verbrechen, das es in Wirklichkeit war. Worum ging es?

Die beiden Theaterimpresarios Alfred und Fritz Rotter suchten im Januar 1933 Zuflucht im Fürstentum Liechtenstein. Ihr Berliner Konzern, zu dem mehrere Bühnen gehörten, hatte Konkurs gemacht; der Staatsanwalt ermittelte. Da die Rotters schon 1931 die Staatsbürgerschaft im liechtensteinischen Mauren erworben hatten, fühlten sie sich im Ländle sicher, auch als Ende Januar in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht kamen, denen der Fall der jüdischen Theaterunternehmer gerade recht kam, um ihr antisemitisches Kesseltreiben anzuheizen.

«Das gehört nicht zur Sache»

Die Rotters wohnten im Waldhotel in Vaduz und freuten sich, als ein junger, musisch gesinnter Mann Kontakt zu ihnen suchte: Rudolf Schädler, Besitzer des Kurhauses Gaflei. Er lud Alfred Rotter, seine Frau Gertrud, Fritz Rotter und dessen Besucherin Julie Wolff ein, sein Hotel oben in den Bergen zu besichtigen, das im Sommer eine angenehme Residenz sein könnte. Der fröhliche Ausflug endete für Alfred und Gertrud Rotter tödlich, Fritz Rotter und Julie Wolff kamen schwer verletzt davon. Das geschah an «jenem furchtbaren 5. April 1933» – so heisst der Bild- und Dokumentenband, den Hansjörg Quaderer zur Naziselbstjustiz in Liechtenstein herausgab. Darin findet sich auch eine Graphic Novel von Hannes Binder.

In düsteren Bildern zeichnet Binder den Tathergang nach. Die steilen Abhänge unter unheilvoll gestrichelten Himmeln wirken bedrohlich, die Strassen schlängeln sich in die Berge hinein, unter Steinschlag fahren die schwarzen Autos, die Perspektive kippt – die Welt ist aus den Fugen. Die Texte in Binders Graphic Novel stammen aus dem Plädoyer des Zürcher Anwalts Wladimir Rosenbaum, der im Prozess die Entschädigungsansprüche der überlebenden Opfer begründen sollte. Er hatte eine Rede über die antisemitische Gesinnung der Täter vorbereitet, aber das Gericht in Vaduz schnitt ihm das Wort ab: Das gehöre nicht zur Sache.

Dies alles ist im ausführlichen Dokumententeil zu erfahren, der allerdings recht unglücklich aufgebaut ist. Nebensächlichkeiten wie Darstellungen des Waldhotels in Vaduz stehen am Anfang, ehe mit dem Abdruck der ausführlichen Gerichtsreportage aus der Basler «Nationalzeitung» über den «Liechtensteiner Menschenraub-Prozess» im Juni 1933 informiert wird. Danach werden in kurzen, oft widersprüchlichen Dokumenten die Brüder Rotter und ihre Tätigkeit vorgestellt.

Die Leserin vermisst in diesem Fall eine knappe und sachliche Zusammenfassung. Vier Deutsche und vier Liechtensteiner, die den Nationalsozialisten nahestanden, wollten also die Rotters nach Deutschland verschleppen, wo sie wegen betrügerischen Konkurses angeklagt waren. Ob diese Anklage ihre Berechtigung hatte oder ob der Zusammenbruch des Rotter-Konzerns ausschliesslich eine Folge von antisemitischen Strategien der Gläubiger war, wie im Buch suggeriert wird, sei dahingestellt. Andere Quellen weisen darauf hin, dass das Geschäftsgebaren der beiden Theaterbesitzer im Berlin der zwanziger Jahre sehr umstritten war. Dass die Rotters im «Dritten Reich» nicht mehr mit einem fairen Prozess rechnen konnten, steht natürlich ausser Frage.

Dem Herausgeber Hansjörg Quaderer geht es vor allem darum, der Geschichtsvergessenheit in Liechtenstein entgegenzuwirken. Er hatte dieses «Pogrom», wie er es nennt, gemeinsam mit dem Psychoanalytiker Norbert Haas siebzig Jahre nach dem Geschehen wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit geholt und am Ort, wo Alfred und Gertrud Rotter den Tod fanden, einen Gedenkspiegel angebracht.

Sie sollen freiwillig gehen

Tatsächlich begann die Verdrängung schon mit dem Prozess im Juni 1933. Den Tätern wurde zugutegehalten, dass sie die Ehre ihrer Heimat retten wollten, die Strafen waren milde und wurden nur zum Teil abgesessen. Über 700 LiechtensteinerInnen unterschrieben sogar ein Bittgesuch für eine Begnadigung! Eine Krankenschwester erzählte Jahre später, dass sie damals für den verletzten Fritz Rotter im Krankenhaus einen Wachdienst organisiert hatten aus Sorge, es könnte ihm etwas passieren.

Wie die Stimmung im Ländle war, belegt auch ein Artikel aus den «Liechtensteiner Nachrichten» vom 27. Februar 1933: «Es ist an der Tatsache nicht zu rütteln, dass die Brüder Rotter Liechtensteiner sind, und sie werden deshalb auf keinen Fall ausgeliefert; es wäre wohl manchem lieb, wenn sie freiwillig gingen. Auch wenn ihnen hier nichts geschehen sollte, was wir uns aber nicht leicht vorstellen können …»

Das Ganze klingt wie ein Stoff für einen tragischen Krimi. Den hat der Liechtensteiner Armin Öhri auch geschrieben, aber als er 2010 «Die Entführung» veröffentlichte, musste er erleben, dass es in seiner Heimat Zeitungen gab, die zu der sogenannten Rotter-Affäre kein Wort bringen wollten (vgl. WOZ Nr. 35/10).

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