Nr. 04/2014 vom 23.01.2014

Staatsfernsehen für die weissen Herrschaften

Ein TV-Sketch, der sich der Tradition des Blackfacings bedient, steht in der Kritik. Woher kommt das Genre? War das ein Einzelfall, oder macht er strukturellen Rassismus in der Medienöffentlichkeit sichtbar?

Von Rohit Jain

Face Off! Dass es auch anders geht, zeigt die Südafrikanerin Ntando Cele in einem Stück, das unter anderem 2012 am Zürcher Theaterspektakel zu sehen war. Als Bianca White konfrontiert sie das Publikum mit Vorurteilen über Schwarze, ehe sie sich die weisse Schminke abwischt. Foto: Thomas Lenden

Die Diskussion über das Blackfacing hat nach den Niederlanden und Deutschland die Schweiz erreicht. Auslöser ist ein Sketch des Schweizer Fernsehens (SRF), der sich über die Täschligate-Affäre lustig macht. Im letzten Sommer hatte sich US-Talkshow-Moderatorin Oprah Winfrey über eine rassistische Behandlung in einer Zürcher Modeboutique beklagt. Im Sketch von SRF spielt nun Birgit Steinegger mit schwarz geschminktem Gesicht die dümmliche Kunstfigur Frau Mgubi beim Einkaufen. Vom Verkaufspersonal wird sie merklich nervös bedient, weil es einen Rassimusvorwurf fürchtet.

Im Genre der Blackface Minstrelsy, das um 1830 in den USA entstand, verkleideten und schminkten sich weisse Bohemiens als schwarze Sklaven, Vagabunden und Entertainer. In einer Mischung aus Slapstick und Komik inszenierten sie ein Zerrbild schwarzer Alltagskultur in den Südstaaten. Indem weisse Industriearbeiter, Handwerker und Kaufleute über die befreiten SklavInnen lachten, konnten sie ihre Überlegenheit bestätigen. Erst durch die Bürgerrechtsbewegung wurde die Praxis als Teil des rassistischen Systems entlarvt, und seither ist sie in den USA verpönt.

Und nun ist die Debatte auch in der Schweiz angekommen! Es ist unbestritten, dass das Phantom Frau Mgubi aus diesem rassistischen Repräsentationsarchiv entstiegen ist (vgl. WOZ Nr. 32/11): schwarz angemaltes Gesicht. Dicke rote Lippen. Übertrieben grosser Hintern. Unverständliches Kauderwelsch. Dümmliches Lachobjekt. Und jetzt? Es ist doch Satire!

Wer lacht da über wen?

Satire gilt als humoristische Form, die gesellschaftliche Missstände und Machtverhältnisse anprangert. Aber ist der Täschligate-Sketch wirklich Satire? Gemäss SRF-Unterhaltungschef Christoph Gebel soll er die angebliche «Rassismushysterie» auf die Schippe nehmen.

Warum braucht es dazu die Kunstfigur Frau Mgubi? Die Verkleidung und das Blackface der Mgubi gehören zur humoristischen Pointe: Das unerwartete Auftauchen der schwarzen Frau in der kulturell homogenen Schweiz ist selbst das Spektakel. Durch Frau Mgubi kommt die Mitte der Schweiz in Kontakt mit den «anderen». Analog zur Blackface Minstrelsy kann sie sich ein Bild von ihnen machen und sich abgrenzen: Der Kontakt mit der dümmlichen Mgubi, die ja nicht eine berühmte Talkshowmasterin sein kann, entlarvt die bigotte Political Correctness der Angestellten, so die Pointe.

Als lachender Dritter bleibt das unsichtbare Publikum, das über Frau Mgubi und die Repräsentanten der Political Correctness lachen kann. Das kann es aber nur, wenn es diese dominante weisse Mehrheitsperspektive einnimmt. Die herabwürdigende Blackface-Karikatur schreibt schwarze Frauen als vielleicht lustige, dümmliche und unzivilisierte Randgruppe fest. Gleichzeitig wird eine antirassistische Kritik an diesem hegemonialen Diskurs lächerlich gemacht. Im Sketch werden also Machtverhältnisse verstärkt und keineswegs angeprangert.

Die alten Comedy-Rezepte aufgeben

Die Debatte über Rassismus und Satire ist nicht neu. Im Jahr 2001 hatte die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) Viktor Giacobbo wegen des Charakters Rajiv Prasad gerügt. Hintergrund war ein Manöver von SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli, der Rajiv als rassistisch kritisierte, um die Abschaffung der EKR fordern zu können. Folgenreicher war der Fall der dänischen Mohammed-Karikaturen von 2007. Die rechtskonservative Strategie, Satire als Mittel gegen Antidiskriminierungspolitiken zu instrumentalisieren, hat sich in der (sozial-)liberalen Mitte etabliert. Gehört aber zu einem demokratischen Verständnis von Satire und Meinungsäusserungsfreiheit nicht auch ein Minderheitenschutz? Warum weigert sich SRF, die seit Jahren geäusserte Rassismuskritik ernst zu nehmen, die alten Comedy-Rezepte aufzugeben und neue zu entwickeln?

Das Problem beim Schweizer Fernsehen und in der dominanten Schweizer Öffentlichkeit ist grundlegender als eine skandalöse rassistische Praxis. SRF hat gemäss Konzession den Auftrag, «das Verständnis, den Zusammenhalt der Landesteile, Kulturen, Religionen und gesellschaftlichen Gruppierungen» sowie «die Integration der Ausländerinnen und Ausländer in der Schweiz» zu fördern.

Wie eine Studie des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung aus dem Jahr 2008 zeigte, wird etwa im Schweizer Radio über AusländerInnen unterproportional und vor allem problemorientiert berichtet. Menschen mit Migrationshintergrund haben weniger Artikulationschancen. Schliesslich sind sie in der Produktion und in der Redaktion kaum vertreten.

Das Problem ist keineswegs der Einzelfall eines nicht gelungenen Sketches, wie etwa Viktor Giacobbo in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» meint. Es sind die Strukturen, die den Zugang zu Institutionen für Menschen unterschiedlicher Hautfarbe oder Herkunft selektiv regulieren. Der Blackfacing-Skandal im Schweizer Fernsehen weist auf einen strukturellen Rassismus in der medialen Öffentlichkeit hin. Von einer reflektierenden und pointierten Satire darf erwartet werden, diesen strukturellen Rassismus zu thematisieren. Und ein subventioniertes Staatsfernsehen sollte sich gemäss Leistungsauftrag den vielfältigen Wirklichkeiten der Schweiz und dem Recht auf Meinungsäusserung der gesamten Wohnbevölkerung stellen.

Täschligate ist nicht eine Geschichte von Rassismushysterie der politisch Korrekten, sondern von Antirassismusphobie der weissen Dominanzgesellschaft. Rassismuskritik in der Schweiz provoziert wilde Dementis, Wut und Widerstand – auch beim SRF. Warum?

Der Soziologe und Sozialanthropologe Rohit 
Jain aus Zürich forscht an der Universität 
Zürich über Migration, Rassismus und globale Repräsentationspolitik. Unter anderem hat 
er zum «Spektakel des Fremden» am Beispiel 
der Comedy-Figur Rajiv Prasad aus «Viktors Spätprogramm» publiziert.

Siehe zum Thema auch «Wieso immer dieses Treten nach unten und gegen aussen?».

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