Nr. 05/2014 vom 30.01.2014

Eins, zwei – disobey!

Von Bernhard C. Schär

Als Schweizer StimmbürgerIn ist man sich ja einiges gewöhnt: Von rechts werden wir regelmässig als rassistische Schafe und kleinbürgerliche SpiesserInnen angesprochen. Neu ist, dass wir von links der Mitte als feige LangweilerInnen adressiert werden – wie im Youtube-Film «1, 2, Discobei» von Laura und Fanny de Weck. Er wirbt für ein Nein gegen die SVP-«Masseneinwanderungsinitiative». Die Story geht so: Junge Leute tanzen in einem Club. Ein Securitymensch erhält einen Telefonanruf. Daraufhin beginnt er, alle dunkelhäutigen und schwarzhaarigen Männer und Frauen rauszuwerfen. Unter ihnen befinden sich auch die Barfrau und der DJ. Zurück bleiben die SchweizerInnen – ohne FreundInnen, ohne Alkohol, ohne Musik. Die Party ist aus.

Der Film wirft einige Fragen auf: Erkennt man SchweizerInnen an der Haut- und Haarfarbe? Und wieso ist die Partyschweiz so konservativ? Männer als DJs und Frauen als Barpersonal – wie originell! Am wichtigsten aber: An welche SchweizerInnen appelliert dieser Film? Offensichtlich an eine ethnisch reine, konservative und durch und durch feige Gruppe von LangweilerInnen. Niemand wehrt sich im Film gegen die Selektion und Entfernung der Dunkelhäutigen. Auf sich alleine gestellt, sind sie unfähig zu feiern. Die Botschaft lautet also: «Hey, ihr feigen LangweilerInnen, wenn ihr weiterhin Party machen wollt, stimmt gegen die SVP! Sie schmeisst die AusländerInnen raus. Und ohne sie gibt es keine Party.»

Der Film gibt vor, die Fremdenfeindlichkeit der SVP zu kritisieren. Gleichzeitig teilt er mit ihr aber nicht nur dasselbe Schweizbild, er benutzt auch dieselbe Propagandamethode. Wie die SVP richtet er sich nicht an aufgeklärte Bürgerinnen, sondern an Konsumenten – nicht weil wir Menschen sind, sollen wir uns gegen die politische Konstruktion, Selektion und Entfernung der «Fremden» wehren, sondern weil wir sie zum Tanzen, Knutschen und Trinken brauchen. Das ist Neoliberalismus reinsten Wassers. Statt die Ideologie der politischen Gegenseite zu kritisieren, reproduziert sie der Film.

Wenige Änderungen hätten gereicht, um dem Film eine wahrhaft politische Pointe zu geben. Statt sich passiv zu verhalten, hätten die Partyleute nach zwanzig Sekunden den Türsteher rausschmeissen sollen. Die zivile Gehorsamsverweigerung – auf Englisch «civil disobedience» – hätte auch den passenden Filmtitel gegeben: nicht «1, 2, Discobei», sondern «1, 2, disobey!»

Den Film finden Sie auf 
www.youtube.com/watch?v=HNzUpoQLUzk.

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