Nr. 07/2014 vom 13.02.2014

Kleine Fussballvogelkunde

Fliegende und singende Schwalben auf dem Rasen.

Von Pedro Lenz

Im Fussball gibt es eine Handbewegung, die anzeigen soll, dass der gestürzte Spieler oder die gefallene Spielerin ohne gegnerische Einwirkung zu Boden ging. Es handelt sich dabei um eine Unschuldsbezeugung, die durch eine angedeutete Welle angezeigt wird. Die Geste will sagen: «Ich kann nichts dafür. Ich habe nichts getan. Mein Gegenüber ist von selbst hingefallen.» Grundloses Abheben und Hinfallen zur Täuschung des Schiris heisst in England «Taucher». Viel poetischer ist allerdings die deutsche Bezeichnung «Schwalbe».

Am vergangenen Wochenende blieb der YB-Stürmer Alexander Gerndt nach einem hässlichen Foul des Baslers Taulant Xhaka am Boden liegen. Xhaka wurde für seine Attacke vom Schiedsrichter verwarnt. Mit Handzeichen und Worten versuchte der Basler hierauf dem Unparteiischen klarzumachen, dass er nichts getan habe, was eine gelbe Karte rechtfertigen würde. Während der gefoulte YB-Stürmer mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden liegen blieb, meinte sein Aggressor, Gerndt habe einen Schwalbenflug inszeniert.

Ein bisschen erinnerte die Szene alle historisch interessierten Fussballfans an ein ähnliches Vorkommnis aus dem Jahr 1997. Der Norweger Alf-Inge Håland von Leeds United schrie damals dem am Boden liegenden Manchester-United-Star Roy Keane zu, er soll aufhören mit seinem Theaterspiel und endlich aufstehen. Was Håland zu jenem Zeitpunkt nicht wissen konnte oder nicht wissen wollte: Bei Roy Keanes vermeintlicher Schauspieleinlage handelte es sich um einen astreinen Kreuzbandriss.

Während Keane sich von der schweren Verletzung erholte, stieg Alf-Inge Håland mit Leeds United aus der obersten englischen Liga ab, sodass die Wege der beiden Spieler sich jahrelang nicht mehr kreuzten. Erst 2001, Håland hatte inzwischen zu Manchester City gewechselt, kam es zu einem Wiedersehen der Kontrahenten. Der heissblütige Keane hatte die Schwalbenvorwürfe von 1997 nicht vergessen, passte einen geeigneten Augenblick ab und fuhr Håland mit gestreckten Beinen derart wuchtig ins Knie, dass der Norweger vom Platz getragen werden musste. Keane wurde mit einem Platzverweis bestraft, aber bevor er rausging, bückte er sich zum Schwerverletzten, um ihm gehörig die Leviten zu lesen. Noch heute spüren manche Fussballfans physische Schmerzen, wenn sie sich die damalige Attacke Keanes auf Youtube ansehen.

Alexander Gerndt ist ein entspannter Sportsmann von der schwedischen Ostseeinsel Gotland. Trotz der Schwere des Vorfalls vom letzten Samstag ist wohl kaum zu befürchten, dass er sich auf ähnliche Weise am Basler Xhaka rächen wird, wie es einst Roy Keane mit Alf-Inge Håland getan hat. Aber vielleicht erübrigt sich der Gedanke ohnehin, denn es ist durchaus denkbar, dass Alexander Gerndt nie mehr Fussball spielen kann. Das Foul von Taulant Xhaka hat in Gerndts Fussgelenk so vielfältigen Schaden angerichtet, dass noch nicht klar ist, ob er sich davon je vollständig erholen wird.

Die Schwalbe gehört zu den unangenehmsten Waffen im Fussball. Wer sie gut beherrscht, kann Schiedsrichter und Fans täuschen. Schwalbenkönige wie der Deutsche Bernd Hölzenbein, der 1974 einen WM-Final mit einem unnachahmlichen Schwalbenflug entschieden hat, gehen in die Geschichte ein. Wie jedoch die Beispiele von Alexander Gerndt oder Roy Keane belegen, ist lange nicht jeder Sturz während eines Fussballspiels zwingend eine Schwalbe. Oft ist der falsche Schwalbenvorwurf selbst eine Art Schwalbe. Es gibt demnach neben der fliegenden Schwalbe auch die singende Schwalbe.

Bisher gibt es für die stets wachsende Anzahl Fussballprofis, die ihr Gegenüber erst in die Füsse treten und danach den Schwalbenvorwurf erheben, noch keine allgemein verbreitete Bezeichnung. Vielleicht könnte sich die Fussballfachwelt auf «Petzschwalbe» oder «Intrigenschwalbe» einigen.

Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten. Bei einer kleinen Lexikonrecherche über Schwalben blieb er an einem Satz hängen, der für die Zoologie wie für den Fussball gilt: «Schwalben kommen auf allen Kontinenten vor.»

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