Nr. 08/2014 vom 20.02.2014

Neutralität mit Schlagseite

Ralph Hug beleuchtet in seinem neuen Buch das Schicksal von Schweizer MigrantInnen unter dem spanischen Franco-Regime – und damit auch die Franco-freundliche Schweizer Politik.

Von Erich Keller

Im Februar 1939, noch während des Spanischen Bürgerkriegs, anerkannte die Schweiz General Francisco Franco als legitimes Staatsoberhaupt Spaniens. Bloss Irland hatte unter den westeuropäischen Demokratien dem Putschistengeneral noch schneller die formelle Anerkennung ausgesprochen.

Umgehend wurden die Vertretungen der Spanischen Republik in Bern, Zürich und Genf geschlossen. Eine halbe Stunde Zeit gab das Eidgenössische Politische Departement EPD (heute: EDA) dem Personal, dann musste es die Gesandtschaft verlassen haben. Danach wurde das Gebäude plombiert und am selben Abend noch dem neuen, franquistischen Vertreter übergeben.

Forsche Schweizer Aussenpolitik

Als «Neutralität mit Schlagseite» bezeichnet Ralph Hug in seinem neuen Buch die Haltung der Schweizer Aussenpolitik dieser Jahre, die wesentlich vom zwei Jahrzehnte lang verantwortlichen Bundesrat Giuseppe Motta (CVP) geprägt war. Schon 1936 hatte die Eidgenossenschaft als einziger demokratischer Staat die italienische Souveränität über das von Benito Mussolinis Truppen annektierte Abessinien abgesegnet – und im selben Jahr war die Schweiz wiederum der erste Staat, der die Teilnahme von Freiwilligen am Spanischen Bürgerkrieg unter Strafe stellte.

Beschäftigte sich Hug in den letzten Jahren unter anderem mit der historischen Aufarbeitung des Unrechts, das an den Schweizer SpanienkämpferInnen von der Justiz begangen worden war, so richtet er in «Schweizer unter Franco» den Blick auf jene, die im franquistischen Spanien verblieben waren und damit direkt von einer Diplomatie betroffen waren, die «eine unmittelbare Parteinahme zugunsten Francos erkennen» lässt.

Antikommunistischer Schulterschluss

Ein Verdienst des Buchs ist dabei, nicht nur an konkreten Beispielen auszuloten, welche Handlungsalternativen zur Verfügung gestanden hätten – es gab sie durchaus. Hug zeigt auch, dass sich nicht alle schweizerischen Gesandten in Spanien zu Handlangern der «weichen Diplomatie» machen lassen wollten – einer Diplomatie, die sich eng an Francos Spanien anschmiegte und den Schutz der eigenen Staatsangehörigen grob vernachlässigte. Als Triebfedern für das Handeln der verantwortlichen Stellen in Bundesbern sieht Hug einen antikommunistischen, reaktionären Schulterschluss sowie die Wahrung der wirtschaftlichen Interessen.

In dreizehn Fallstudien schlägt Hug einen Fächer diplomatischer Unterlassungen und behördlicher Kälte auf. So war beispielsweise der Zürcher Auswanderer Karl Brunner unmittelbar nach Francos Machtübernahme denunziert worden, er geriet in die Mühlen der spanischen Repressionsmaschinerie und wurde in einem abgekarteten Prozess zum Tod verurteilt. Der damalige Schweizer Konsul in Spanien, Adolf Gonzenbach, zog alle Register, um das Todesurteil aufzuheben. Mit Erfolg. Doch zwischenzeitlich selbst in Ungnade des Regimes gefallen, wurde Gonzenbach vom EPD aus Spanien abgezogen und durch einen Franco-freundlichen Beamten ersetzt. Die Folge für den Inhaftierten: Die Schweizer Diplomatie liess Brunner wie eine heisse Kartoffel fallen. Er ging buchstäblich vergessen im Kerker, obschon sein einziges «Vergehen» die «eventuelle Mitgliedschaft» in einem revolutionären Komitee und das Anfertigen von Protokollen war.

Die spanischen Killing Fields

Zwei volle Jahre währte seine Haft, dann wurde Brunner vorübergehend freigelassen. Er wurde später erneut verhaftet, konnte dann aber endlich ausreisen – aber zuvor präsentierte man ihm auf der Schweizer Gesandtschaft die Rechnung für die Militärersatzsteuer aus seiner Zeit in der Todeszelle.

Hug gelingt es, angesichts solcher Einzelschicksale nicht das grosse Bild aus den Augen zu verlieren. Die Kuschelpolitik der Schweiz gegenüber Francos Militärregime ist dabei das eine; die Geschichtsvergessenheit des spanischen Staats – als Rechtsnachfolger der Diktatur – das andere. Eindrücklich erinnert der Autor daran, dass nach wie vor die Überreste von schätzungsweise 100 000 Opfern in Massengräbern verscharrt sind, ohne dass die Regierung ein Interesse daran hätte, diese Killing Fields endlich untersuchen zu lassen – und so den Toten wenigstens etwas Würde zuzugestehen.

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