Nr. 09/2014 vom 27.02.2014

Nostalgie für die Zukunft

Von Marcy Goldberg

Avi Mograbi ist 1956 in Tel Aviv geboren, seine Familie stammt aber aus Beirut und Damaskus. Bis zur Gründung des Staates Israel 1948 bewegten sich seine Verwandten oft hin und her zwischen den drei Städten. Seither ist ihnen diese Reise verwehrt, doch Mograbi schwebte ein Spielfilm über diese frühere, aufgeschlossenere Zeit vor. Als Projektpartner für sein Unterfangen suchte er seinen alten Freund und Arabischlehrer Ali al-Azhari auf. Aus der Recherchearbeit fürs Drehbuch wurde dann ein Dokumentarfilm, weil Mograbi von Anfang an alle Gespräche mit Azhari aufnahm und rasch merkte, dass ihre Dialoge einen noch spannenderen Einblick in die komplizierten Realitäten der Region versprachen.

Von der Geschichte der orientalisch-jüdischen Familie Mograbi – samt Foto des Urgrossvaters in seiner arabischen Tracht – gleitet der Film langsam über zur Geschichte Azharis. 1948 als Kleinkind zusammen mit seiner Familie aus ihrem palästinensischen Dorf vertrieben, lebt er heute in Tel Aviv-Jaffa und ist mit einer jüdischen Israelin verheiratet. Das alte Dorf darf er nicht einmal besuchen. Alis altkluge Tochter Jasmin, die zwischen zwei Sprachen, Religionen und Kulturen heranwächst, spielt eine weitere wichtige Rolle in diesem Film, der jede eindeutige Identität hinterfragt. Doch es wäre kein Mograbi-Film ohne inszenierte Elemente wie etwa die fiktionale Geschichte einer jüdisch-libanesischen Frau, erzählt in aus dem Off gelesenen Liebesbriefen.

Den Titel des Films liefert ein arabisches Chanson aus den vierziger Jahren: «Dakhalt Marra Fi Ginena» (Ich ging einmal in einen Garten), gesungen von der syrisch-ägyptischen Diva Asmahan. Die sehnsuchtsvolle Stimme und die Mischung aus orientalischen und europäischen Stilelementen bilden den musikalischen Rahmen für Mograbis filmischen Versuch, sich einen anderen, pluralistischen Nahen Osten zu erträumen: nicht nur mit Blick auf die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft.

Ab 1. März 2014 im Filmpodium Zürich, am 1. März in Anwesenheit des Regisseurs. www.filmpodium.ch

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