Nr. 10/2014 vom 06.03.2014

Sotschi einfach

Etrit Hasler über sich ändernde Zeiten und die Russen-Connection der SVP

Von Etrit Hasler

So lange ist es nicht her, seit Linken in regelmässigem Abstand empfohlen wurde, sie sollten «Moskau einfach» buchen. Mag sein, dass das eher ein Phänomen der Generationen vor mir war, aber ich kann mich lebhaft an ein Telefongespräch mit einer erbosten Nationalratskandidatin der Nationalen Aktion (die Partei, die sich, soweit sie nicht von der SVP geschluckt wurde, heute euphemistisch als Schweizer Demokraten ausgibt) erinnern: Diese wünschte meiner Mutter, damals Journalistin beim «Tages-Anzeiger», ebendieses. Was mich im zarten Alter von knapp zehn Jahren dazu brachte, einer Frau, die wahrscheinlich fünfmal älter war als ich, einen Vortrag über Anstand zu halten. Zugegeben, ich war vorlaut. Und hatte eine verdammt gute Erziehung.

Wie sich die Zeiten ändern. Von meiner guten Erziehung ist nicht mehr viel übrig geblieben (sonst würde ich nicht über Sport schreiben), und die Herren von rechts aussen fühlen sich vom «Tagi» heute besser verstanden als früher – dort darf ich inzwischen lesen, dass wir es der SVP zu verdanken haben, dass sich «Überfremdungsangst und Fremdenhass in der Schweiz bisher weniger radikal manifestieren als anderswo». Ah ja. Und wenn es um Ferien in Moskau geht, sind die neuen Freunde eher dem rechten Lager zuzuschreiben: Verschiedenste Bürgerliche tummeln sich in schweizerisch-russischen Handelskammern, in St. Gallen hatten wir schon einen russischen Honorarkonsul im Stadtparlament. Letzte Woche habe ich ein E-Mail von einem SVP-Parlamentarier erhalten, der die «medialen Lügen des Westens» über die Auseinandersetzungen in Kiew anprangert. Und wenn ich mir die Dichte von russischen Ehefrauen bei SVP-Vertretern ansehe, stelle ich mir die Frage, ob es doch jemanden gibt, der Spammails beantwortet. Jedenfalls scheint es klar, dass man beim ehemaligen Feind einen neuen Markt entdeckt hat. Und nicht zuletzt in Wladimir Putin einen Staatsmann, dessen autoritäre Politik die eigenen Machtfantasien weckt.

Gegen diesen zu protestieren, wurde im Rest der Welt vor den Olympischen Spielen kurz zur Mode. Nun sind diese vorbei, und danach geht es wieder um einen konkreten Krieg und nicht um eine abstrakte Idee wie den olympischen Geist. Das geht also schnell wieder vorbei. Das dachte sich wohl auch SP-Bundesrat Alain Berset, der von seinem Lieblingshobby, der Rentenreform, eine dringende Auszeit braucht. Und wo sollte er diese Auszeit lieber verbringen als beim kleinen behinderten Bruder der Olympischen Spiele, den Paralympics? Die werden schon seit Jahrzehnten jeweils drei Wochen nach den «normalen» Spielen am gleichen Ort abgehalten und sind, wie der Name sagt, Olympische Spiele für behinderte SportlerInnen. Wobei nicht für alle Behinderten, denn die Gehörlosen und die kognitiv Behinderten sind ausgelagert. Ein ehrenhafter Anlass, zweifellos. Und mit so viel Stigma verbunden, dass er in nächster Zeit vergeblich nach einer Liveübertragung aus Sotschi suchen wird.

Nun muss man ja davon ausgehen, die Gefahr, dass sich Berset bei den Paralympics auch zum Kaffeekränzchen mit Putin trifft, sei eher klein. Die Vorstellung, dass sich «perfect body» Putin gern mit behinderten SportlerInnen umgibt, ist schon absurd genug, das mangelnde Medieninteresse wird ein Weiteres dazutun. Aber die Frage, ob es sich ein Schweizer Sozialdemokrat derzeit leisten kann, auf Staatsbesuch nach Russland zu gehen, ist akut. Wegen der Schwulenhetze. Wegen des drohenden Kriegs in der Ukraine. Und nicht zuletzt, weil wir doch einen viel besseren Kandidaten dafür hätten. Ueli Maurer schien sich in Putins Gesellschaft so pudelwohl zu fühlen, dass er ein bisschen brauner zurückkam als zuvor. Und damit meine ich weder seine politische Haltung noch die Folgen des Sonnenbads am Strand. Ich würde ihm das Ticket noch so gerne selber kaufen, Sotschi einfach. Wie sich die Zeiten ändern.

Etrit Hasler findet die Paralympics grundsätzlich einen unnötigen Anlass. Weil es keinen Grund gibt, behinderte AthletInnen nicht in die «normalen» Spiele zu integrieren. Ausser dass man sie da nicht will.

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