Nr. 34/2016 vom 25.08.2016

Nie wieder Fernsehen

Etrit Hasler feiert das Ende der Olympischen Spiele

Von Etrit Hasler

«Es ist vollbracht.» Mit diesen Worten von IOK-Präsident Thomas Bach oder mit einem ähnlich mythisch aufgeladenen Blödsinn endeten dieser Tage die Olympischen Spiele 2016. Ausnahmsweise waren es zwar nicht «die besten Spiele aller Zeiten», aber dennoch «säuselte das Phantom Thomas Bach» («Die Welt»), beziehungsweise «in seiner Welt war alles sonnig» («Guardian»). Für die Sportwelt ist damit das Grossereignis vorüber, für uns Normalsterbliche beginnt nun wieder die Zeit, in der wir eine Newswebsite aufmachen können, ohne eine Viertelstunde Recherchearbeit damit zu verbringen, den Rest der Nachrichten zu suchen (danke, «Watson», für die «Kein Rio»-Funktion). Oder wir können abends wieder den Fernseher einschalten, um uns von schlechten Filmen oder empörungsgetriebenen Diskussionssendungen unterbrochene Dauerwerbesendungen reinzuziehen – was Menschen eben so machen, wenn sie keine Bücher lesen oder nicht «GTA Online» spielen. Was weiss ich schon.

Mal ganz ehrlich: Der olympische Gedanke ist ja ganz nett, aber wer sieht sich so was an? Eine Ansammlung von Sportarten, die im besten Fall zur bekifften Belustigung reichen, weil die AthletInnen dabei so groteske Verrenkungen wie im Synchronschwimmen vollführen, weil ihre Gesichtszüge so amüsant beim Kraftakt entgleisen wie im Gewichtheben oder weil sie vielmehr schon mit achtzehn Jahren keine Gesichtszüge mehr haben, wie dies im Kunstturnen der Fall ist. Zugegeben, die Geräuschkulisse beim Trampolinturnen ist wenigstens meditativ, und wer der graziösen Filigranität des Volleyballspiels nicht viel abgewinnen kann, für den gibt es die Bonusvariante «Beach», bei der man gemütlich nebenher in den sozialen Medien rumsurfen und sich ein wenig ins globale «body shaming» einklinken kann.

Komplettiert wird die Kollektion mit einer Unzahl von Sportarten wie Rudern oder Golf, die vielleicht Spass machen beim Selberbetreiben, aber beim Zusehen selbst dann immer noch nicht spannend wären, wenn man die OlympionikInnen flächendeckend mit Schrotflinten ausstatten würde. Und wer jetzt behauptet, jede Sportart wäre spannend, wenn man sie mit Schusswaffen betriebe, der hat sich noch nie eine Liveübertragung im Bogen- oder Sportpistolenschiessen angesehen. Wobei: Hut ab, Heidi. Und lass dir bloss nicht einreden, Modelathletin und Modellathletin sei das Gleiche.

Und wehe, wenn sich doch einmal so etwas wie Spannung einschleichen könnte, wie zum Beispiel im Volleyballhalbfinal der Frauen, als es im entscheidenden Satz unentschieden stand. Natürlich sorgt in so einem Fall der gestraffte Übertragungsplan sofort dafür, dass zu Segeln umgeschaltet wird – weil da noch irgendwelche SchweizerInnen dabei sind, denen wir dann dabei zusehen dürfen, wie sie katatonisch in den Seilen hängen auf dem Weg in Richtung Diplomplätze.

Dass wir uns richtig verstehen: Ich schaue ohnehin nicht mehr so viel Fernsehen. Irgendwie hat das Format an Reiz verloren im Zeitalter des Internets, das im besten Fall eben sehr viel mehr ist als einfach ein Do-it-yourself-Fernsehen. Und wenn ich tatsächlich wieder einmal aus Anspruchslosigkeit «die Kiste anwerfe», dann schaue ich wahrscheinlich Sport. Am liebsten sogar Nischensportarten. Mit Kommentatoren, die sich tatsächlich für die Sportarten interessieren, anstatt langfädige People-Geschichten zum Besten zu geben. Nein, Giulia Steingrubers Hobbys interessieren mich genauso wenig wie Usain Bolts Schuhgrösse oder ob Mujinga Kambundji ihren Bikini nach Rio mitgenommen hat.

Wobei ich ja zugeben muss: So gross ist der Unterschied zum regulären Programm nun auch wieder nicht. Inhaltlich gab der Grusel-«Club» zur «Trumpisierung der Medien» jedenfalls auch nicht mehr her. Und wer den Ton wegmachte, konnte sich durchaus vorstellen, bei einer ganz schlechten Synchronschwimmeinlage gelandet zu sein.

Etrit Hasler hat als Kind zu viel ferngesehen, als Fernsehen noch lustig war. Wahrscheinlich hat er deswegen ein akzentfreies Hochdeutsch und eine Aversion gegen Langeweile, die manche Menschen Aufmerksamkeitsdefizit nennen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch