Nr. 10/2014 vom 06.03.2014

Japanische Haushalte

Von Fredi Bosshard

Sträucher säumen den Weg, Vogelgezwitscher ist zu vernehmen, ein gelbes Rapsfeld taucht auf, ein Vorortszug rauscht vorbei. Niedrige Häuser stehen an den Gleisen, in der Ferne sind die Umrisse von Hochhäusern zu sehen. Wir befinden uns irgendwo in Tokio. Schulkinder sind auf dem Weg nach Hause, sie schubsen und balgen sich.

Ähnliche Bilder hatte ich schon einmal gesehen, allerdings in Schwarz-Weiss. Besonders die verwegen dreinblickenden Jungs blieben haften, gruben sich wie der ganze Film in die Erinnerung ein. Das war vor vielen Jahren, und der Film hiess «Tokyo Monogatari». Der Regisseur Yasujiro Ozu erzählte 1953 in starken Bildern die Geschichte von drei Geschwistern und ihren Familien, die in Tokio leben. Sie erhalten Besuch von den auf dem Land zurückgebliebenen Eltern. Der Film von Ozu brauchte dann einige Jahre, bis er in die westlichen Kinos kam.

Der 83-jährige Filmregisseur Yoji Yamada, der Ozu bei den Dreharbeiten von «Tokyo Monogatari» assistierte, erzählt dieselbe Geschichte – sechzig Jahre später – nochmals. «Tokyo Family» heisst sie bei ihm. Wie im Original erhält man auch hier Einblicke in die normalerweise gut abgeschotteten Privatsphären von japanischen Haushalten. Der Hintergrund der Geschichte ist zwar derselbe geblieben, aber das Leben ein komplett anderes. Und Fukushima ist passiert.

Die Eltern kommen im Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen in Shinagawa, dem grössten Umsteigebahnhof Tokios, an. Sie warten verloren in der grossen Halle, sind zum Glück über ein Mobiltelefon erreichbar. Als ihr Enkel erfährt, dass er sein kleines Zimmer als Schlafzimmer für die Grosseltern zur Verfügung stellen muss, freut er sich: «Dann kann ich nicht lernen, was für ein Glück, ich kann in der Schule durchfallen.» Es sind solch feine Beobachtungen, die «Tokyo Family» ausmachen und die zeigen, wie sich die Megalopolis aus der Perspektive der Eltern vom Land präsentiert.

Ein besonderes Zückerchen noch: Im Rahmen von «Tokyo Family» kommt es auch zu einigen Aufführungen von «Tokyo Monogatari», den Filmschaffende heute als einen der wichtigsten Filme weltweit bezeichnen.

Ab 6. März 2014 in den Kinos.

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