29.01.2004

Die Angst spricht

«Osama» von Siddiq Barmak erzählt ein Stück Leidensgeschichte, er geht das heikle Thema der wirtschaftlichen Not afghanischer Frauen ohne falsches Pathos und brutal direkt an.

Von Judith Huber

Das 12-jährige Mädchen, die Hauptperson des Films «Osama», ist überhaupt nicht mutig. Es hat grosse Angst. Das sieht man ihm an: dem Gesichtsausdruck, dem Gang, der Körperhaltung. Die Körpersprache des Mädchens verrät aber noch mehr: sein (soziales) Geschlecht. Das Mädchen hat den unbeholfenen, leicht mühsamen Gang eines Menschen, der sich praktisch nur in der Enge von Haus und Hof bewegt, niemals Weite erfahren hat, dem Angst und Furcht vertraut sind und der es gewohnt ist, sich Fremden gegenüber möglichst unsichtbar zu machen. Deshalb ist die Idee, das Mädchen als Jungen zu verkleiden, von Anfang an zum Scheitern verurteilt. «Die Leute glauben, was sie sehen», sagt die Grossmutter, denkt dabei aber fatalerweise nur an Kleidung und Frisur. Tatsächlich sehen «die Leute», dass dieses Wesen mit kurzen Haaren, Käppchen und Knabenkleidern keinesfalls ein Junge sein kann. Denn die afghanischen Jungen haben ein anderes Körperbewusstsein und ein anderes Verhältnis zum Raum. Sie bewegen sich zwanglos und frei, tollen herum, spielen Fangen und Fussball und lassen Drachen in den Himmel steigen.

Die Verkleidung geschieht gegen den Willen des Mädchens und aus purer Not. Die Mutter darf seit der Machtübernahme der Taliban das Haus nicht mehr ­ohne männlichen Familienangehörigen verlassen, doch die Männer der Familie sind in den langen Kriegsjahren getötet worden. Zurück bleiben drei Generationen von Frauen: Grossmutter, Mutter und Tochter. Um nicht zu verhungern, greifen die Frauen zur List. Der Zopf des Mädchens wird abgeschnitten, der Schleier abgelegt. «Sohn» Osama begleitet die Mutter von nun an bei ihren Krankenbesuchen. Als das Krankenhaus geschlossen wird und die Mutter auch noch eine private Pflegestelle verliert, muss Osama die Familie ernähren. Er kommt bei einem Milchverkäufer als Gehilfe unter. Das bedeutet aber auch, dass er in die Sitten und Gebräuche der Männerwelt eingeführt wird: Er betet in der Moschee, lernt, religiöse Waschungen vorzunehmen und muss die Koranschule besuchen. Doch die Enttarnung lässt nicht lange auf sich warten. Als Osama sich bei den wilden Spielen auf dem Pausenplatz abseits hält und es nicht schafft, ohne Hilfe auf einen Baum zu klettern, werden die Zweifel der Umgebung zur Gewissheit. Dem verkleideten Mädchen wird es in der ungewohnten Höhe schwindlig. «Es ist ein Mädchen», schallt es schon über den Pausenhof. Osamas Täuschung fliegt auf, und das Mädchen wird vor ein Scharia-Gericht gestellt. Es entkommt dem Todesurteil nur durch die Zwangsheirat mit einem lüsternen alten Mann, der schon lange ein Auge auf es geworfen hat.

Vertraute Spielfilmszenen

Schon der kurze Einblick, den das Mädchen in die Männerwelt erhalten hat, hat es auf den Geschmack der Freiheit gebracht. Als es auf dem Schulhof die fröhlich spielenden Jungen sieht, erhellt ein scheues Lächeln sein Gesicht – das einzige Mal im ganzen Film. Es erlebt einen kurzen Moment des Glücks. Kurz vor der Verurteilung setzt der Regisseur Siddiq Barmak die Sehnsucht des Mädchens nach Bewegung, Raum und Freiheit in ein ergreifendes Bild: Es springt lange hinter Gitterstäben und inmitten von kauernden, anonymen Frauen in blauen Burkas Seil.

Der afghanische Regisseur hat mit «Osama», dem ersten afghanischen Spielfilm seit dem Sturz der Taliban, den AfghanInnen eine Stimme zurückgegeben. Endlich kommen wieder afghanische Bilder aus dem Land in den Westen, und nicht mehr nur solche, die vom westlichen Blick geprägt sind. «Osama» erzählt ein Stück afghanische Leidensgeschichte und geht ein heikles Thema ohne falsches Pathos und brutal direkt an, manchmal mit fast einfachen Mitteln. Die Entscheidung des Regisseurs, ausschliesslich Laien spielen zu lassen, verleiht dem Film zusätzliche Authentizität. Den Laien waren die Szenen, die zu spielen waren, vertraut. «Sie konnten ihre Erfahrungen und ihre Wünsche einbringen und mir bei vielem helfen», erzählt Barmak, «fast ein Drittel der Dialoge sind aus der Improvisation entstanden. Sie sagten mir zum Beispiel: ‹Die Taliban haben so und nicht anders gesprochen›.»

Die Hauptdarstellerin, Marina Golbahari, hat Barmak auf der Strasse aufgelesen. Sie bat den Regisseur vor einem Kino in Kabul um ein Almosen. Als er sie fragte, ob sie in einem Film mitspielen wolle, wusste sie erst gar nicht, was er meinte. Film und Fernsehen waren ihr fremd. Nur einmal beim Betteln in einem Café hatte sie einen Fernseher gesehen. Marina Golbahari stammt aus einer sehr armen Familie mit dreizehn Kindern. Ihr Vater wurde von den Taliban zum Krüppel geschlagen. Marina geht heute in einem Zentrum für Strassenkinder in Kabul zur Schule, lernt Lesen und Schreiben mit dem Ziel, Schauspielerin zu werden.

Mobiles Kino, getrennte Aufführung

Ähnlich verhält es sich mit den Darstellern der Taliban. Barmak wurde in einem Flüchtlingscamp bei Kabul fündig. «Ich habe sie ausgewählt, weil sie meiner Vorstellung von Taliban entsprachen. Es waren sehr schöne Menschen.» Barmak nahm an, dass es sich um Flüchtlinge aus dem Norden handelt. Erst im Laufe der Dreharbeiten stellte sich heraus, dass seine Darsteller tatsächlich Taliban waren, einfache Soldaten aus der Provinz, die sich den Koranschülern aus wirtschaftlicher Not angeschlossen hatten und später aus Angst vor Rache in die Hauptstadt geflohen waren. Einer der Darsteller habe die Rolle übernommen, um seine früheren Fehler wieder gutzumachen, erzählt Barmak. Der Regisseur, der sich während der Taliban-Zeit Ahmad Schah Massud angeschlossen und die Kämpfe gegen die Taliban mit der Kamera begleitet hatte, plädiert heute dafür, die Taliban nicht in Bausch und Bogen zu verdammen, sondern sie in die Gesellschaft zu integrieren. «Dieser Darsteller hat mich viel gelehrt. Deshalb habe ich dem Film das Zitat von Nelson Mandela vorangestellt: ‹Ich werde verzeihen. Aber ich werde nie vergessen.›» Barmak ist selbst in die Tragödie seines Landes verstrickt. Er nahm nicht nur am Kampf gegen die Taliban teil, sondern kämpfte kurze Zeit auch gegen die sowjetischen Besatzer – obwohl er an der Universität Moskau Regie studiert hat und ausgezeichnet Russisch spricht. Barmak ist heute Direktor der staatlichen Produktionsfirma und des Filmarchivs Afghan Film.

Tatsächlich könnte dieser Film in Afghanistan einiges zur Vergangenheitsbewältigung beitragen, die noch kaum in Gang gekommen ist. Letzten August war Premiere in Kabul. Damit auch Frauen den Film anschauen konnten, organisierte Barmak separate Aufführungen, denn es gehört sich nach wie vor nicht in Afghanistan, dass Frauen ins Kino gehen, wo sie zusammen mit fremden Männern in einem Raum sitzen müssten. «Fast alle haben geweint», sagt Barmak. «Sie haben sich selbst wie in einem Spiegel gesehen und gefühlt, was für eine Tragödie sie durchlebt haben.» Barmak möchte den Film im ganzen Land zeigen. Da nur wenige Städte Kinos haben, soll das mit Hilfe eines mobilen Kinos geschehen. Dafür genügen ein Projektor, ein Generator, eine Leinwand und ein Auto.

Der Film ist jedoch nicht nur für ein afghanisches Publikum gemacht. Obwohl er ein paar sattsam bekannte Bilder reproduziert – die Massenszenen mit Frauen in blauen Burkas beispielsweise –, macht der Regisseur wenig Zugeständnisse an einen westlichen Publikumsgeschmack. Er zeigt keine malerischen, stolzen Afghanen mit Gewehren, lässt keine schönen Frauen in farbigen Gewändern auftreten und keine ausgeruhten, gut genährten SchauspielerInnen gutherzige Arme spielen. Das Afghanistan, das er zeigt, ist karg, einfach, herb und kompromisslos grausam. Die Menschen sind verhärmt, abgearbeitet, schmutzig und verlebt. Und die Symbolik ist einfach, direkt, fast etwas simpel, aber deshalb keinesfalls weniger eindrücklich.

Das andere Gesicht der Taliban

Die AfghanInnen sind fotoverrückt. Das zeigt bereits ein kurzer Rundgang durch Kabul: Unzählige Fotostudios säumen die Strassen, manche Fotografen haben mangels neuer Sujets Bilder von Hippies aus den siebziger Jahren in die Schaufenster gestellt. Die PaschtunInnen aus dem Süden – der Heimat der Taliban – sind vielleicht noch fotoverrückter. Auch andere Künste wie Musik und Spiel spielten in Kandahar, der Stadt im Süden und Hochburg der Taliban, seit je eine wichtige Rolle. Die Männer von Kandahar zeigten eine fast feminine Freude am «süssen orientalischen Leben», schreibt der Magnum-Fotograf Thomas Dworzak zu den Fotos von Taliban, die er gefunden und in einem Bildband veröffentlicht hat. Nach dem Krieg gegen die sowjeti­schen Truppen blieb von jenen Lustbarkeiten nur wenig übrig. «Doch noch immer tragen die grimmigen paschtunischen Soldaten die Chablis, bunte Sandalen, zwei Nummern zu klein, da das hervorquellende Fleisch als sexy empfunden wird; noch immer schminken sie sich die Augen mit Khol oder stecken Blumen in die Läufe ihrer Waffen», so Dworzak. Die Frauen sind weggesperrt, die Männer bekommen nie andere Frauen als die Mutter, die Schwestern und Ehefrauen zu Gesicht. Sinnlichkeit leben viele dieser «grimmigen Paschtunen» mit anderen Männern aus.

Auch die strengen Gesetze der Taliban, die jegliche Fotografie und jegliche Abbildung von Menschen und Säugetieren verboten, konnten diese Traditionen nicht völlig unterdrücken, doch die Freude an der Fotografie und an femininer Ästhetisierung liessen sich die Männer von Kandahar nicht nehmen. Nachdem das Fotografieren für Ausweise und Reisepässe wieder erlaubt worden war, liessen sich Taliban in Hinterzimmern der Fotostudios ablichten. Die Fotos wurden vom Fotografen retuschiert und koloriert. Bei der billigeren Variante liessen sich die Kunden – einfache Männer mit wettergegerbten Gesichtern – vor einer westeuropäischen, idyllischen Landschaft ablichten, zusammen mit ihren stolz präsentierten Gewehren und Plastikblumen. Es sieht aus wie die afghanische Variante von Pop-Art mit einem homoerotischen Touch. Die meisten dieser Bilder entstanden Anfang November 2001. Die Taliban konnten sie nicht mehr beim Fotografen abholen, da sie vor dem anrü­ckenden Gegner fliehen mussten. Zusammen mit den Fotografen sortierte Dworzak die Fotografien aus, auf denen sie die Porträtierten als Taliban erkannten. Und er trug die irritierenden Bilder in die Welt hinaus. Sie sind der Beweis dafür, dass die Taliban den Wunsch nach Schönheit, Sinnlichkeit und bildlicher Darstellung nicht abtöten konnten. Nicht einmal in sich selbst.

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