Nr. 11/2014 vom 13.03.2014

Hals über Brust

Von Adrian Riklin

Da spricht sie wieder, diese lakonische Erzählstimme, die man zuletzt im Erzählband «Mut. Anfälle. New York» hörte.

Vierzehn Jahre sind seit Martin Hamburgers brillanter New-York-Prosa vergangen. Vierzehn Jahre, in denen sich der ehemalige Schauspieler und Kabarettist als Sprecher und Sprechausbildner betätigt und nebenbei an einem Roman gearbeitet hat.

Nun also, ehe man die erste Seite von «Die Fahrt aus der Haut» fertig gelesen hat, befindet man sich mitten in der Welt des Ich-Erzählers. Und damit auch in der «Haut» des Nachrichtensprechers Dieter Lantmann, der sich als «Krüppel» wahrnimmt: «Vielleicht müsste ich mich auserwählt fühlen als einer, der mit seiner Krüppelhaftigkeit auf die verkrüppelte Welt hinweist, auf die unsichtbaren Verkrüppelungen meiner Mitmenschen.» Um daraufhin die LeserInnen in die spezifische Beschaffenheit seines Gebrechens einzuweihen: «Mein Brustkorb sieht aus wie eine Burgruine oder eine umgekippte Achterbahn oder ein langgezogener Mondkrater.»

Pectus picassoensis, Picassobrust, wird die höchst seltene Kombination von Pectus carinatum und Pectus excavatum von Lantmanns Hausarzt in einer feierlichen Stunde bezeichnet. Worauf Lantmann diese Picassobrust würdevoll und zuweilen artistisch durch den Roman trägt. Wir begleiten den tragikomischen Helden durch Kindheit und Jugend im St. Gallen der fünfziger und sechziger Jahre, erhalten auf unterhaltsame Weise Einblick in eine protestantische Familie, die sich mit ihren jüdischen Hintergründen schwertut, verbringen zwei Jahrzehnte später aufregende Tage und Nächte in Zürich, wo wir auch die junge Tschechin Lina kennenlernen, eine Prostituierte, die eines Tages vor Lantmanns Haustür steht und mit der dieser sich entgegen seinen persönlichen Verhaltensregeln Hals über Brust einlässt.

Womit der Roman erst recht in Fahrt kommt: Lantmann fährt aus seiner Haut – und kommt mit Lina in Prag am Ende gar noch spektakulär auf die Welt.

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