Nr. 42/2011 vom 20.10.2011

«Ein wenig Vorsprung habe ich noch»

Ein Nachmittag in Schlieren: zu Besuch beim Schauspieler, Kabarettisten, Schriftsteller und Sprecher Martin Hamburger, der seinen jüngsten Roman neu umschreibt und diesen Sonntag sechzig wird.

Von Adrian Riklin (Text) und Ursula Häne (Foto)

«Ein Schriftsteller muss dichten. Wenn er nur einfach viel und gekonnt schreibt, ist er bloss ein geschickter Schreiber.» Martin Hamburger in Schlieren.

Jahre hatten wir uns nicht gehört. Dann ein Anruf. Er hätte da eine Geschichte zu erzählen. Von einem, der seit Jahren in der gleichen Stadt lebt – und nun wegsaniert werden soll. Der sich durch Stadt und Leben gespielt, gelesen und erzählt hat – und doch zu wenig Geld für eine anständige Wohnung besitzt.

Die Stadt heisst Zürich; und der Mann, der mir ein paar Monate später gegenübersitzt: Martin Hamburger. Zwei Stunden hat er noch Zeit, bevor er ins Studio geht, um Textpassagen für einen Dokfilm über die Schlacht bei Näfels aufzusprechen. Wir blicken von der Terrasse über die Stadt, die Schlieren heisst. Hier wohnt er mit seiner zukünftigen Ehefrau in einer Attikawohnung. Hamburger gefällt es im nahen Exil.

Ende des literarischen Kabaretts

«Vor vierzig Jahren habe ich mich entschieden, das Leben so zu nehmen, wie es kommt. Es ist gut gekommen.»

So spricht einer, der in wenigen Tagen seinen 60. Geburtstag feiert. Martin Hamburger ist am 23. Oktober 1951 in St. Gallen geboren. In seiner Kindheit im Rotmontenquartier, wo seine Eltern eine Drogerie führten, hat er wenig gesprochen. Er war schüchtern. Erste Anregungen auf dem Gebiet der Sprache kamen von den Grosseltern. Die Grossmutter väterlicherseits, jüdischer Herkunft, öffnete ihm ihre Bibliothek; der Grossvater mütterlicherseits, Protestant im weiteren Sinn, prägte ihn mit Vorträgen über Gott, die Welt und gegen den Papst. Auf das Format dieser «Predigten» kam Hamburger in seiner vierzigjährigen Tätigkeit als Schauspieler, Kabarettist, Schriftsteller, Sprecher und Ausbildner immer wieder zurück: «Ein verkleideter Moralprediger aber war ich nie.»

Die Initialzündung für das Interesse an gesprochener Sprache lieferte eine Platte. Eine Tante schenkte ihm «Goethe-Gedichte, gesprochen von Will Quadflieg und Ernst Ginsberg». Vor allem aber war es ein Au-pair-Mädchen, das den Elfjährigen animierte. Er verliebte sich in Stimme und Sprache der jungen Frau aus Deutschland, die ihn und seinen Bruder betreute, wenn die Eltern arbeiteten.

Anfang der siebziger Jahre zog der diplomierte Buchhändler nach Zürich, um an der Schauspielakademie zu studieren. André Kaminski, der Dramaturg und spätere Schriftsteller, ermunterte ihn, ein Stück zu inszenieren. Die Direktion des Stadttheaters St. Gallen war daraufhin von Harold Pinters «Stummem Diener» derart angetan, dass sie Hamburger gleich als Regieassistenten mit Spielverpflichtung engagierten.

Zu dieser Zeit begann seine sprecherzieherische Arbeit. Ein Kollege, der an der Kantonsschule Sprechkurse gab, fragte ihn, ob er ihn ersetzen würde. Bald hatten sich auch seine Sprecherqualitäten herumgesprochen, und so lieh er seine Stimme fortan Tonbildschauen, Dokumentarfilmen und seit 1981 der Blindenhörbücherei. Gleichzeitig begann er als Sprechlehrer an einer Theaterschule.

1982 erschien im Pendo-Verlag sein Gedichtband «Romantik der Kälte», und mit dem späteren Filmregisseur Markus Imboden gründete er das Kabarett Duck dich. «Ich setzte mich ans Telefon, rief bei den Kleintheatern und Kulturbeizen an und sagte: ‹Hallo, wir sind zwei junge Künstler, machen das und das, dürfen wir bei Ihnen auftreten?› Damals zog alles, was spontan war. Heute hätte man damit keine Chance.»

Imboden war der Musiker. Das Sprechen verweigerte er. «Da dachte ich mir einen Sketch über die Verweigerung aus: die Bartleby-Nummer. Mitten in der Vorstellung hörte Markus zu spielen auf. Ich bat ihn weiterzumachen. Aber er sagte nur ‹I wott lieber nid› und brach zusammen. Weil ich Herman Melvilles ‹Bartleby› für einen der besten Texte der Weltliteratur halte, ging ich davon aus, dass das Publikum von der Geschichte des Neinsagers ebenso fasziniert wäre. Doch niemand kannte sie.» Heute sei das noch viel krasser: «Die Leute verstehen meine Pointen immer seltener. Und ich weiss immer weniger, warum sie so lachen, wenn heutige Stand-up-Comedians ihre Geschichten erzählen. Das literarische Kabarett ist tot – die Comedy lebt.»

Hamburger, der 1997 sein bislang letztes Soloprogramm zeigte, vermisst an der heutigen Unterhaltung die Auseinandersetzung mit dem Zynismus. Ihm selbst war diese Auseinandersetzung zentral: «Und nun lese ich in der NZZ, dass meine Satire der Realität zwanzig Jahre voraus war. ‹TV-Quiz für Asylbewerber›: Genau das habe ich 1991 durchgespielt. Ein wenig Vorsprung habe ich noch: Bei mir hiess es: ‹Einer darf bleiben.› Heute, im niederländischen TV, bekommt der Gewinner Geld – wenn er geht.»

Ludwig Hohl und zehn Gebote

Die Schauspielerei hat Hamburger schon lange aufgegeben. Bis in die neunziger Jahre war er mit dem Theater 58 unterwegs. Für den Schriftsteller war das Jahr 1987 prägend: Gleich nach dem Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis erhielt er ein Werkjahr von der Pro Helvetia (inzwischen war sein Kurzgeschichtenband «Meinen Sie mich?» erschienen). «Auf einmal hatte ich so viel Geld, dass ich davon unabhängig leben konnte.» So verbrachte er ein Jahr in New York, in dem er nichts Brauchbares schrieb, wie er selbst sagt, dafür aber viele inspirierende Bekanntschaften wie etwa mit dem Schriftsteller Allen Ginsberg machte.

In den letzten Jahren verlagerte sich Hamburgers Haupttätigkeit aufs Sprechen und die Sprechausbildung. Allein für die Blindenhörbücherei hat er gegen 200 Bücher, unzählige Zeitschriften und Abstimmungsvorlagen aufgesprochen. Inzwischen unterrichtet er an mehreren Fachhochschulen und ist in der Lehrerweiterbildung tätig.

In literarischer Hinsicht ist es still um ihn geworden. 1999 sind die New Yorker Erzählungen erschienen («Mut.Anfälle.New York»). 2006 hat er einen autobiografischen Roman fertiggestellt. Eine wichtige Rolle darin spielt sein Grossvater: «Er war es, der mich ins Leben einführte: mein Lehrer, der mir immer mehr zum Vorbild wird – gerade auch in meiner Lehrtätigkeit.»

Trotz positiver Reaktionen von Fachleuten hat bislang kein grosser Verlag ernsthaft Interesse an einer Veröffentlichung bekundet. Er sei nun zum Schluss gekommen, den Roman ein weiteres Mal neu zu schreiben: «Ein Roman sollte nicht allzu autobiografisch sein – sonst kann man ja gleich eine Autobiografie schreiben.»

Während er bereits «Die Schlacht von Näfels» in seine Tasche packt, kommt ihm ein Satz von Ludwig Hohl in den Sinn: «Schriftsteller in der Schweiz werden oft zum Essen eingeladen.» Schriftsteller zu sein, so meint Hamburger, müsse zwar nicht heissen, in Armut zu leben. «Aber für mich ist ein Schriftsteller immer einer wie Hohl gewesen. Er muss das Leben erforschen. Und wenn er schreibt, muss er dichten. Schreibt er nur einfach viel und gekonnt, ist er ein geschickter Schreiber. Darum wird einer wie Hohl zum Essen eingeladen – und Martin Suter in Talkshows.»

Dann steckt er noch ein Blatt für den Unterricht in die Tasche. Darauf hat er die zehn Gebote notiert: «Solche Sätze eignen sich wunderbar fürs Üben einer klaren Sprache. Vielleicht werde ich ja doch noch Moralprediger.»

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