Nr. 11/2014 vom 13.03.2014

Überleben in Gaza mithilfe von Theater

Die Situation im Gazastreifen wird immer unerträglicher. Doch viele Menschen lassen sich nicht entmutigen. Manche arbeiten ihre Erfahrungen von Tod und Trennung in Psychodramakursen auf. Und es gibt auch schöne Momente im Alltag.

Von Peter Dammann, Gaza (Text und Fotos)

Nachts ist es ganz leise in Gaza-Stadt. Schon das Maunzen einer Katze dringt bis in den fünften Stock. Nachts sind keine Autos unterwegs. Wegen der Rationierungen gibt es auch keine Strassenbeleuchtung, und die Sterne am Himmel leuchten besonders hell.

Morgens um halb vier beginnen die Hähne zu rufen, erst einer, dann antworten andere aus der Umgebung. Selbst im Zentrum halten viele PalästinenserInnen Hühner. Um vier Uhr mischt sich das Konzert der Hähne mit den Rufen der Muezzins, die aus den Lautsprechern der Minarette klingen. Das ist der Gazasound im Morgengrauen.

Ab acht Uhr gehen Kämpfer der regierenden Hamas durch die Strassen, schwarz gekleidete, bärtige Männer, zusammen bilden sie einen Block aus hundert Mann. Sie lassen zum Rhythmus ihrer Stiefel auf dem Asphalt einen Sprechgesang erklingen – eine unheimliche Truppe. Dagegen klingt der dumpfe Doppelknall der israelischen Flugzeuge, die über Gaza-Stadt die Schallmauer durchbrechen, wie der Auftakt zu Beethovens 5. Symphonie. «Die Flugzeuge grüssen uns», sagt unser Gastgeber, «die Israelis zeigen uns, dass sie noch da sind.»

Wegen der täglichen Stromsperren knattert manchmal irgendwo ein Generator – aber viele Generatoren stehen still, weil sich kaum noch jemand Treibstoff leisten kann. Die Preise haben sich in den letzten Wochen verdreifacht; seit die Schmuggeltunnels im Süden zerstört sind, kommen kaum noch Waren in den Gazastreifen.

Überall in der Stadt sind Esels- und Pferdekarren zu sehen. Ihre Besitzer durchwühlen Müllhaufen nach Verwertbarem, oder sie transportieren Gemüse und Obst zu den Märkten. Oftmals sind diese Gefährte aber auch der Ersatz für fehlende oder zu teure Taxis und Kleinbusse. Wenn die Karren in der Dämmerung an Ruinen und Häusern vorbeitraben, wenn in den Strassen Männer an kleinen Lagerfeuern sitzen und rauchen, dann entsteht eine Endzeitstimmung – als ob sich die letzten Überlebenden eines Kriegs zurück an die Erdoberfläche gewagt hätten.

1,7 Millionen Menschen sind im Gazastreifen eingesperrt, auf einer Fläche von 360 Quadratkilometern, einem Landstreifen von nur 10 Kilometern Breite – kleiner als der Kanton Obwalden. Im Norden und Osten eingezäunt durch Israel, im Süden eingemauert von Ägypten und im Westen das Meer, bewacht von israelischen Kriegsschiffen. Gaza ist das grösste Gefängnis der Welt.

Wer raus will, braucht eine Genehmigung Israels oder Ägyptens und eine Erlaubnis der Verwaltung Gazas. Für eine Erlaubnis durch die regierende Hamas müssen bis zu 2000 US-Dollar Bestechungsgelder aufgewendet werden. Aber damit ist noch nicht sicher, ob man nach Ägypten kommt. Das Nachbarland gestattet nur einer verschwindend kleinen Zahl der täglich an der Grenze wartenden PalästinenserInnen einzureisen. Ein Mitarbeiter des Gaza Community Mental Health Programme verabschiedete sich im Januar jeden Morgen von seiner Familie – um abends wieder vor der Tür zu stehen. Er durfte nicht nach Ägypten reisen.

Die Hamas und die Suppe

Die Hamas sei inzwischen total korrupt, sagen PalästinenserInnen, die die Führer der islamistischen Organisation persönlich kennen. Bis zu tausend Millionäre gebe es mittlerweile unter ihnen. Als die ägyptischen Muslimbrüder – auf die die Hamas ursprünglich zurückgeht – im Nachbarland 2012 die Wahlen gewannen, liess die Hamas in den Strassen Bonbons verteilen. Der Sturz der Muslimbrüder ein Jahr später ist für die Hamas eine Katastrophe. Sie kann nicht mehr am Import von Waren durch die Tunnels verdienen, und es fehlt ihr ein wichtiger Teil der finanziellen Unterstützung. Zuletzt sind aufgrund eines Gerichtsurteils in Ägypten sämtliche Büros der Hamas geschlossen und deren Vermögen beschlagnahmt worden.

Auf einmal hat die Hamas nicht mehr genug Geld, um die 42 000 Verwaltungsbeamtinnen, Polizisten, Soldaten und Lehrerinnen zu bezahlen. Die Lohnauszahlungen sind seit Monaten ins Stocken geraten. Da ein Gehalt oft zehn bis fünfzehn Familienmitglieder ernähren muss, sind davon mehr als eine halbe Million Menschen betroffen. Die Hamas-Regierung hat Angst. Ihre Gefolgschaft wird bröckeln, wenn sie keine Gehälter mehr zahlt. Sie hat nach 2007 viele PalästinenserInnen ermordet, gefoltert oder gezwungen, als Spitzel zu arbeiten – es gibt viele offene Rechnungen von VerliererInnen dieser Politik. Deswegen führt die Hamas geheime Verhandlungen mit der Fatah und nichtstaatlichen Organisationen. Die Hamas will sie an der Regierung beteiligen – aber niemand will mitmachen. Niemand will die Suppe auslöffeln, die sich die Hamas-Führung eingebrockt hat.

Aber auch die vielen Hilfsorganisationen haben es schwerer als in den Jahren zuvor. Ihre Budgets werden gekürzt, weil viele der internationalen Hilfsgelder jetzt für die Unterstützung syrischer Flüchtlinge gebraucht werden. Eine der grössten palästinensischen Hilfsorganisationen, Medical Relief, musste siebzig Prozent ihrer Mitarbeitenden im Gazastreifen entlassen; dadurch hat sich die medizinische Versorgung dramatisch verschlechtert.

Das neue Desaster in Gaza sehen einige PalästinenserInnen als Zeichen der Hoffnung. Sie hoffen, dass die Hamas dadurch geschwächt wird. Es gibt jetzt mehr Menschen, die die Hamas kritisieren – aber den eigenen Namen in einer Zeitung lesen, das will keineR der KritikerInnen, das sei zu gefährlich.

Tod und Trennung im Psychodrama

Vor diesem brisanten Hintergrund findet ein Kurs der Psychodramatikerinnen Ursula Hauser und Maja Hess statt. Die beiden Frauen, deren Arbeit von der Hilfsorganisation Medico International Schweiz finanziert wird, arbeiten seit 2002 im Gazastreifen. Unter dem Dach des Gaza Community Mental Health Programme bilden sie Psychologinnen, Ärzte, Sozialarbeiterinnen und Erzieher aus. Im Januar wird bei ihrer Arbeit mit zwanzig PalästinenserInnen deutlich: Themen wie Tod und Trennung gehören zu den grössten Problemen der KursteilnehmerInnen.

Als eine Frau vom Tod ihrer Mutter erzählt, wird ein Dialog mit der Mutter im Rollenspiel aufgenommen. Daraufhin weint die halbe Gruppe: Alle haben sie Verwandte durch Krankheiten, wegen der schlechten medizinischen Versorgung oder durch Attacken der israelischen Armee verloren; oder sie müssen Trennungen wegen der undurchlässigen Grenze verarbeiten. Und noch etwas wird in dieser Psychodramagruppe deutlich: Es sind vor allem die Frauen, die hier eine grossartige Kraft entwickelt haben – aber das macht ihr Leben mit weniger robusten Männern nicht einfacher. Eine der Frauen war an einen drogenabhängigen Mann verheiratet worden, der sie schlug und beraubte. Nur mit grosser Mühe konnte sie sich nach einem Jahr von ihm scheiden lassen – und wird jetzt als geschiedene Frau von der Gesellschaft in Gaza verachtet.

Der Mann einer anderen Teilnehmerin ist arbeitslos und kommt nur schwer damit zurecht. Der Partner einer weiteren Teilnehmerin war lange in israelischer Gefangenschaft und findet ebenfalls keine Arbeit, und beide Männer sind nicht in der Lage, ihren Frauen auf Augenhöhe zu begegnen. Ein Ehemann hat sich nach dreissig Jahren eine jüngere Zweitfrau gesucht, weil das Paar keinen Jungen zur Welt brachte.

Israelische Bomben im Theaterstück

Es gibt so viel Unrecht, das auf den Schultern dieser Frauen lastet. Und doch gehen diese Frauen aufrecht durchs Leben, mit Geduld, Empathie und Verständnis für ihre Lebenspartner. Das Psychodrama ist dabei eine Hilfe, um die aufgestauten Gefühle wenigstens entladen zu können, um neue Strategien für die Zukunft zu entwickeln. Aber die Zukunft ist unsicher. Keine und keiner weiss, wie lange es noch eine bezahlte Arbeit gibt oder wann die nächste Bombardierung durch die israelische Luftwaffe kommt.

Wenn israelische Flugzeuge den Gazastreifen angreifen, müssen sie im Kreis fliegen – die Fläche wäre sonst zu schnell überflogen. Die Hamas-Kämpfer graben sich vor solchen Attacken tief in die Erde ein, wie Maulwürfe. Und sie nehmen die Bevölkerung als Geisel: Sie graben Tunnels unter Häusern, in denen Kinder leben; Beschwerden der BewohnerInnen ignorieren sie.

Beim letzten grösseren Angriff auf Gaza im November 2012 habe Israel eine neue Art von Bomben verwendet, erzählt der holländische Theatermacher Jan Willems, der hier seit zwanzig Jahren ein Theater leitet und Workshops für Kinder und Jugendliche anbietet. Die Bomben werden auf freie Flächen abgeworfen und schrauben sich tief in die Erde. Wenn sie explodieren, dann wackeln die umliegenden Gebäude wie bei einem starken Erdbeben. Kinder haben diese Erlebnisse in einem Theaterstück umgesetzt: Die ganze Familie läuft in der Küche zusammen, und alle beten, dass, falls Gott sie jetzt sterben lässt, er sie alle holt und nicht nur ein paar Familienmitglieder.

Früher seien vor allem Männer durch die Angriffe traumatisiert worden, sagt Willems, seit den Angriffen im November 2012 sind es vor allem Frauen und Kinder.

Traumata und posttraumatische Belastungsstörungen haben sich in Gaza seit dem November 2012 mehr als verdoppelt; 42 Prozent der vom Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten UNRWA wegen Traumata behandelten PatientInnen sind unter neun Jahre alt.

Orangen im Sonnenschein

Aber im Gazastreifen gibt es nicht nur Schrecken. Als ich allein in Gaza-Stadt herumlaufe und fotografiere, lächeln mir viele Menschen zu. Sie sagen: «Welcome in Gaza», und schütteln mir die Hand. «Was gehört zum Schönsten in Gaza?», fragt mich Ola Abo-Hasaballah, eine Teilnehmerin des Psychodramakurses. Das Schönste sei, beantwortet sie ihre Frage selbst, wenn sie mit der ganzen Familie auf dem Dach ihres Hauses in der Sonne sitze und Orangen esse.

Es gibt im Gazastreifen eine Direktheit und Herzlichkeit gegenüber BesucherInnen, eine Gastfreundschaft, wie wir sie in Westeuropa nicht mehr kennen. Und es wird viel gelacht. Das Lachen und viel schwarzer Humor machen es möglich, unter solchen Bedingungen zu überleben.

Gaza hat einen schönen Strand am Mittelmeer. Vor allem kurz vor dem Sonnenuntergang um halb fünf Uhr. Dann sind Strand und Hafen ein Treffpunkt vieler Familien; hier wird gespielt und gepicknickt. Über Pferdekarren mit rauchenden Öfen werden gebackene Süsskartoffeln angeboten, bunte Luftballons werden verkauft, und kleine Jungen rasen, manchmal auf nur einem Reifen ihres Fahrrads fahrend, zwischen den Flanierenden auf den Kaimauern herum. Hinreissend sind die Jungs, die ihr Training am Strand zum Besten geben. Sie führen artistische Sprünge von Mauern und über in den Sand gebuddelte Reifen vor. Sie haben riesigen Spass dabei. Und immer gibt es Pferde am Strand. Die Besitzer bieten allen an, für wenige Schekel am Strand zu reiten. Und das Fotografieren der Pferde, das ist umsonst.

Peter Dammann lebt als freier Fotograf in Hamburg und Bern 
(www.dammann-lookat.ch). Mit seinen Bildern hat er neben anderen Preisen einen World Press Award gewonnen. Für diese Reportage 
arbeitete er mit Medico International Schweiz zusammen 
(www.medicointernational.ch).

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