Nr. 14/2014 vom 03.04.2014

Die sexuelle Energie ist grösser als die politische

In seinem Roman «Der Garten der Dissidenten» fächert der US-Schriftsteller Jonathan Lethem ein gewaltiges Panorama um eine Familie von LinksaktivistInnen auf. Doch das Politische erstickt dabei am Busen des Privaten.

Von Daniela Janser

Die meist schön gradlinig erzählten TV-Serien sind das neue Opium des Volks. Der Roman muss heute unkonventionellere Wege suchen, um uns zu packen und seinen Platz zu behaupten. Der New Yorker Jonathan Lethem greift deshalb in seinem neusten Buch «Der Garten der Dissidenten» in eine ähnliche Trickkiste wie vor ihm schon Tom Rachman («Die Unperfekten») und Jennifer Egan («Der grössere Teil der Welt»). Er zerstückelt seine Geschichte in kapitelgrosse Einzelteile, mischt sie chronologisch wild durcheinander und gruppiert jedes Kapitel um eine seiner Hauptfiguren oder eine Begegnung.

Die zeitliche Abfolge und die Verbindungen zwischen Figuren und Erzählungen ergeben sich beim Lesen erst nach und nach, die Form erzeugt das Gefühl einer fundamentalen Fragmentierung. Das oberflächlich durch familiäre und andere Beziehungsbande miteinander verknüpfte Personal erscheint als eine Ansammlung von Vereinzelten, Ausgestossenen, Unangepassten: Jeder Mensch ist eine Insel.

Durch alle Revolten

«Der Garten der Dissidenten» handelt so von einer immer schon aufgelösten Familie, die gewisse Parallelen zu Lethems eigener aufweist. Die verschiedenen Generationen engagieren sich in linken US-Protestbewegungen zwischen 1950 und heute. Rose, die Älteste, ist eine aus Polen eingewanderte jüdische Kommunistin, ihr Mann wird von der Partei zurück nach Europa geschickt, weil seine hölzernen politischen Reden in den USA nicht verfangen. Als wir sie kennenlernen, Anfang der fünfziger Jahre, wird Rose gerade aus ihrer Zelle ausgeschlossen, wegen einer Affäre mit einem schwarzen Polizisten, der Eisenhower wählt. Ihre einzige Tochter Miriam heiratet sehr jung einen glücklosen Folksänger. Die beiden leben in New Yorker Hippiekommunen, bis die Sehnsucht nach einer richtigen Revolution sie Ende der siebziger Jahre zu den SandinistInnen nach Nicaragua verschlägt.

Miriams hauptsächlich von QuäkerInnen grossgezogener Sohn Sergius wiederum bandelt zum Schluss mit der Occupy-Bewegung an. In einer der schönsten Szenen des Romans deutet der streng gewaltfrei erzogene Teenager Sergius ein Ballerspiel pazifistisch um und fliegt mit seinem Flugzeug ewig lange wie in Trance durch eine Luftschlacht, ohne einen einzigen Schuss abzufeuern. Zum weiteren Familienkreis gehört Cousin Lenny (benannt nach Lenin), ein passionierter Schachspieler und Münzensammler, der mit der IRA in Clinch gerät. Dann ist da noch Cicero, der schwule Sohn des Liebhabers von Rose, der als eine Art schwarzer Foucault an der Universität von Princeton Karriere macht und dabei von der Bürgerrechtsbewegung zum Poststrukturalismus – aber mit Gefühl! – wechselt.

Lächerlich und heuchlerisch

Das politische und historische Panorama, das Lethem hier auffächert, wäre durchaus imposant, und der amerikanische Verlag bewirbt das Buch als Reise aus unserer eklatant unradikalen Zeit zurück in das Hochgefühl und die Blütezeit politischer Bewegungen. Verschwiegen wird dabei allerdings, dass Lethem allen radikalen Protestbewegungen in seinem Buch die Spitze bricht, indem er sie von Beginn weg als überholt, etwas lächerlich und nicht selten als heuchlerisch darstellt.

Auch die Form seines Romans lässt kaum ein Gemeinschaftsgefühl aufkommen, sondern gebiert lauter versprengte, unglückliche AntiheldInnen: Zellen «mit einem Mitglied und dem Pulsschlag eines Herzens». Die Politik dient zwar dazu, die Figuren zu beleben und zu verorten, was in Lethems früheren Romanen noch über die Welt der Comics funktionierte – gleichzeitig aber erstickt dieser Roman jede echte politische Äusserung und jede Vehemenz am Busen des Privaten. Die Energie der familiären Zusammenstösse und der sexuellen Anziehung überstrahlt diejenige der politischen bei weitem. Der Geschlechtsakt sei etwas, «das die menschliche Geschichte in den Schatten stellte», heisst es sogar an einer Stelle.

Was bleibt, sind Jonathan Lethems originelle, schwer zu übersetzende Sprachbilder. Von einer «Bezirksphobie», einem «Katerständer» und «geschichtsbetäubten Juden» ist da die Rede, von einem «faszinierten Sympathiemangel», der zwei Menschen auf mysteriöse Weise aneinanderbindet, und von einem dreizehnjährigen «Monsterskeptiker», der aber an Schach glaubt, «diesen Geheimgarten rationaler Unbedingtheiten». Wenigstens in der Sprache rumort manchmal jene Gewalt und Gemeinschaft stiftende Radikalität, für die sich der Roman sonst zu wenig interessiert.

Jonathan Lethem ist am Freitag, 4. April 2014, um 19.30 Uhr zu Gast im Literaturhaus Zürich.

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