Nr. 16/2014 vom 17.04.2014

Die äthiopische Initiative

Ruedi Widmer will der nordostafrikanische Thomas Minder werden

Von Ruedi Widmer

Ostern, das Fest der Liebe und der Triebe, der Fruchtbarkeit und Vermehrung, wird schweizweit gefeiert. Wie lange noch?

Der Fortpflanzungstrieb ist nämlich seit einigen Monaten höchst umstritten. Es gilt als unstatthaft, Nachwuchs auf die Welt zu stellen, vorausgesetzt, man ist nicht SchweizerIn oder evangelikal auffällig. Schuld an der weltweiten Umweltzerstörung sei der Nachwuchs. Das sagt der Auswuchs. Der wohlgenährte dunkelgrüne in der Schweiz, der mithilfe von Excel-Tabellen genau nachweisen kann, wer schuld ist an der sogenannten Überbevölkerung der Erde.

Massenüberbevölkerung mit Huckedichtestress werden wir bekommen, wenn wir die Ecopop-Initiative nicht annehmen. Diese Initiative macht aber nicht einfach die Schweizer Grenzen dicht wie diejenige der SVP, sondern die Frauen, vorab in der Dritten Welt. Da soll nichts mehr herauskommen, was in Egerkingen oder Flaach später für Probleme sorgt. Deshalb soll die Schweiz einen bemerkenswerten Teil ihrer Ausgaben für die Empfängnisverhütung in der Dritten Welt hergeben. Die Einkindfamilie in Afrika, das ist der Traum der neuen UmweltschützerInnen.

Was noch nicht auf der Welt ist, muss nicht geschützt werden. Die Ökoradikalen überholen damit die Linke, die aus Papsttrotz stets eine liberale vorgeburtliche Haltung einnahm, noch viel weiter links, sodass sie voll auf die rechte Spur gelangen. Nie aber würden die rationalen Ecopopperinnen, deren Bewegung auf dem 1972er-Bericht des Club of Rome basiert, etwas mit den vorembryonalen Menschenschützern der evangelikalen Rechten zu tun haben wollen. Doch sie sind trotzdem im braunen und kolonialistischen Morast gelandet.

Wird die Initiative angenommen, wird das Schweizer Volk direktdemokratisch zum Beispiel Äthiopien vorschreiben, wie viele Kinder die dortigen BürgerInnen noch haben dürfen. Nochmals: Nicht die Uno, die Unicef oder so etwas in der Art wird das sagen; auch nicht die USA, die solche Dinge mit Handelsembargos oder militärisch durchzusetzen imstande sind. Sondern die Schweiz. Welcher Bundesrat wird den Schweizer Volkswillen durchsetzen müssen in Addis Abeba? Vielleicht Adrian Amstutz?

Die Ecopop-Initiative muss also nicht in der Schweiz bekämpft werden, sondern in Addis Abeba. Ich habe bereits mit Politikern über meine Idee gesprochen, inwiefern äthiopische Politiker mit Unterstützung von Schweizer BürgerInnen oder einer Schweizer Partei in Addis Abeba verfassungskonform eine äthiopische Volksinitiative lancieren könnten, die in der Forderung gipfelt, das äthiopische Volk soll darüber befinden können, ob die SchweizerInnen noch so viel essen dürfen, wie sie es zurzeit tun.

Bei einer Annahme dieser äthiopischen Initiative müssten hierzulande neunzig Prozent der Lebensmittelläden und Gastronomiebetriebe schliessen. Würste, Koteletts, Torten würden verboten. Da wir direktdemokratisch geschult sind und Volksentscheide grossmehrheitlich akzeptieren, werden wir nicht murren, den äthiopischen Volkswillen in der Schweiz umsetzen und eine Diät biblischen Ausmasses in Angriff nehmen. Das würde ganz problemlos verlaufen, ähnlich wie die Umsetzung der Ecopop-Forderungen in Afrika.

Die Zeit für die Unterschriftensammlung ist äusserst knapp, besonders weil in Äthiopien achtzig verschiedene Sprachen gesprochen werden.

Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur.

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