Nr. 01/2018 vom 05.01.2018

Hand in Hand ins neue Jahr

Ruedi Widmer über vergangene und kommende Sturmtiefs

Von Ruedi Widmer

2018 begann mit Burglind und anderen mittelalterlichen Sturmtiefs wie Trump und Blocher, die mit ihren Vorträgen bei Twitter (Ersterer) und in der Turnhalle Wetzikon (Letzterer) Leid und Zerstörung bringen.

Christoph Blocher eröffnete am 2. Januar das Jubiläumsjahr des Generalstreiks von 1918 mit einem Vortrag, in dem er den Zahnradindustriellen und Sklavereibefürworter Adolf Guyer-Zeller (1839–1899), den phonetischen Vorgänger von Johann Schneider-Ammann, rhetorisch aufs Jungfraujoch hievte. Daneben sprach er negativ über Robert Grimm (1881–1958), den Vater des Landesstreiks, um eventuelles Murren in seiner treusten AnhängerInnenschaft über die schmürzlige, fast iranische Abspeisung mit Ghacktem und Hörnli (obwohl doch gerade der treue Wähler des Multimilliardärs Volkskaviar verdient hätte) gleich im Keim zu ersticken.

Das 25-Jahr-Jubiläum des Neins zum EWR ist wenigstens seit dem 1. Januar vorbei.

Der Hauptaspekt der schweizerischen Skepsis gegenüber der EU, und das ist eine Antwort an den Kollegen Gärtner auf der letzten Seite dieser WOZ, wird gerade in Deutschland oft vergessen: die direkte Demokratie. Jene Staatsform also, die von unten, von der kleinsten Zelle, dem Hirn des Bürgers kommt. Jede Schweizerin kann eine Initiative starten, sofern sie es schafft, 100 000 Unterschriften für ihren Quatsch zu sammeln. Die Schweizer Beizen haben Angst davor, ihre Gäste könnten das bei einer EU-Mitgliedschaft nicht mehr tun. Die No-Billag-Initiative sei nämlich nach Aussage der InitiantInnen, so der «Tages-Anzeiger», eine «Bieridee», ausgeheckt 2013 im Restaurant Outback beim Zürcher Bahnhof Stadelhofen, von den Jungfreisinnigen Yves Collet, Florian Maier und Christian Zulliger.

So können wir SchweizerInnen ganz einfach, ohne Bundesverfassungsgericht, unseren öffentlichen Rundfunk abschaffen oder islamischen Frauen durch die Auflage, sexy Kleider zu tragen, ihre Würde zurückgeben. Die Deutschen träumen auch davon, das zeigt mir die Schweizbegeisterung, die die neuen LeserInnenkreise aus Sachsen und Thüringen auf dem Facebook-Account der NZZ hinterlassen.

Wäre nur schon der Nationalsozialismus direktdemokratisch eingeführt worden, hätte er zwar erst zwischen 1965 und 1980 zu greifen begonnen, aber niemand hätte in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg sagen müssen, man hätte von Hitler nichts gewusst, diesen Mann noch gar nie gesehen. Die Vernichtung der JüdInnen wäre mit dem guten Gewissen des demokratischen Entscheids erfolgt und hätte nicht verschämt und versteckt in weit von den Städten abgelegenen Lagern stattfinden müssen, sondern direkt auf den Dorfplätzen, bei den Leuten zu Hause in der gemütlichen Stube.

Ich lehne mich jetzt weit aus dem Stubenfenster, aber ich meine, um die Rechten bei Laune zu halten, wären solche Zelebrationen des Volkswillens auf dem Dorfplatz wohl «SRF bi de Lüt»-mässig auch vom Fernsehen übertragen worden, umrahmt von Blasmusik und Weinköniginnen. Oder – auf die Schweiz angewandt – mit Treichlern und Jassköniginnen. Unser eigentlich urbanes Landesfernsehen hat mit seinen übertrieben vielen volkstümlichen Sendungen die «Wir Schweizer»-Stimmung mitangestachelt, die nun den libertären Jungfreisinnigen aus dem Restaurant Outback so viel Zulauf beschert. Das seltsame Hand-in-Hand-Gehen des Nationalkonservatismus und des libertären Jungfreisinns wird uns im Jubiläumsjahr des koreanischen Olympia-1988-Songs «Hand in Hand» noch beschäftigen.

Etwas Geschichtsunterricht abseits des Historikers Blocher: 1984 fanden die Winterspiele in Sarajevo, 2018 finden die Winterspiele in Seoul statt. Sarajevo wurde darauf kriegerisch zerstört, bei Seoul hat man durchaus Bedenken. Und Historiker Dr. Ganser fügt noch an: «1984 – der Grosse Bruder, 2018 – Kim Jong-Un.»

Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur.

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