Visions du Réel : 150 Schafe und ein verlorener Baum

Nr.  19 –

Der belgische Regisseur und Anthropologe Pierre-Yves Vandeweerd arbeitet mit seinen ethnografischen Filmen gegen das Verschwinden. Der Grenzgänger war Ehrengast am diesjährigen Dokumentarfilmfestival Visions du Réel in Nyon.

Durch drei bitterkalte Winter: Regisseur Pierre-Yves Vandeweerds neuster Film «Les Tourmentes» zeigt das intime Verhältnis von Mensch, Tier und Natur. Still aus «Les Tourmentes»

«Ich wollte unbedingt diese Leute wiedersehen, bevor sie verschwinden», sagt Pierre-Yves Vandeweerd über die Motivation für seinen ersten Film «Némadis, des Années sans Nouvelles» (2000). Der belgische Filmemacher begibt sich darin auf die Suche nach einer mauretanischen Nomadenfamilie, von der er Jahre zuvor Filmaufnahmen gemacht hatte. Diese will er der Familie nun zeigen – ganz im Sinn des ethnografischen Kinos von Jean Rouch. Es sind die ersten Aufnahmen von diesen Angehörigen einer aussterbenden Ethnie von Jägern und Sammlerinnen, deren Existenzgrundlage durch das Verbot der Grosswildjagd in Mauretanien bedroht ist. Mit seinem Film ermöglicht Vandeweerd einen ebenso informativen wie sinnlichen Einblick in diese verschwindende Lebensform.

Der 44-Jährige hat Journalistik, Anthropologie und afrikanische Zivilisationen studiert, bevor er sich dem Dokumentarfilm zuwandte. Er hat dann längere Zeit «zwischen zwei Geografien» gelebt, zwischen Belgien und Mauretanien. Deutlich wird das im Film «Racines lointaines» (2002), wenn Vandeweerd in Mauretanien nach einem Baum sucht, der in Belgien vor seinem Fenster stand. Das ist zumindest der Vorwand für seine erneute Reise nach Afrika, den er im Abschiedsbrief an seine Lebensgefährtin nennt.

In dieser filmischen Meditation über einen nicht auffindbaren Baum lässt der Regisseur mehrere alte MauretanierInnen sein Ansinnen kommentieren. «Es geht um einen Baum, der sich weigert, gefunden zu werden», meint eine Frau. «Dein Baum ist unsichtbar, Gott hat ihn unsichtbar gemacht», sagt ein alter Mann. Damit hinterfragen sie auch die Lust des Regisseurs am Zeigen und am Konkreten, dem sie ihre Fantasien und Mythen als integrale Bestandteile ihrer Wirklichkeit entgegenhalten. Film als poetischer Vorwand für Begegnungen, als Ort der afrikanischen Oralität und des kulturellen Reichtums – aber auch als Dokument der Harmonie von Mensch und Natur.

Vergessene Geschichte

Auch sonst vermische sich sein Leben zunehmend mit seiner Arbeit, sagte Vandeweerd in Nyon – Kino als Lebenserfahrung, auch für seine ZuschauerInnen. Vandeweerd möchte sein Publikum dazu veranlassen, Gewissheiten loszulassen. Denn er ist überzeugt, dass die poetische Assoziation wie ein beliebiger politischer oder philosophischer Gedanke eine Veränderung in der Welt bewirken kann.

So erinnert Vandeweerd mit seinem Film «Le Cercle des Noyés» (2007) an eine in Mauretanien bis heute tabuisierte und verdrängte Geschichte. Zwischen 1986 und 1994 wurden politisch dissidente Peuls, meist Intellektuelle, die sich für die Rechte der schwarzen Bevölkerung einsetzten, Opfer des Terrorregimes unter Diktator Ould Taya, der von 1984 bis 2005 an der Macht blieb. Die Dissidenten wurden ohne Prozess zu langen Haftstrafen im von der Hauptstadt weit entfernten Fort von Walata verurteilt, wo sie unter grausamen Bedingungen leben mussten. Der Autor hat seinen Film mit dem einzigen Überlebenden realisiert, der bereit war, über die traumatischen Geschehnisse zu sprechen. Mit monotoner, fast erstickter Stimme erzählt er in der ersten Person, spricht aber auch für das Kollektiv der Gefangenen.

Gedreht in Schwarz-Weiss, bleiben Bild und Ton im Film vollständig getrennt, auch zum Schutz des Erzählers. Er berichtet von Polizeiverhör und Folter, während in langen, ruhigen Einstellungen die Fahrtdistanz von der Hauptstadt Nouakchott zum über tausend Kilometer entfernten Gefängnis inszeniert wird. Die Landschaft ist malerisch, die Bilder stehen in Kontrast zur erzählten Grausamkeit. Eine Kamelherde zieht am Gefängnis vorüber, einer Festung aus der Kolonialzeit.

Sand und Schnee

Die Entscheidung, für die Aufnahmen seiner betagten Grossmutter keine digitale, sondern eine Super-8-Kamera zu gebrauchen, führt den Regisseur dann zu einer radikalen ästhetischen Wende: Seit 2008 dreht Vandeweerd nur noch mit Zelluloid im Super-8- oder 16-Millimeter-Format. Seine späteren Filme werden zunehmend fragmentarisch. In «Territoire perdu» (2011) über die Geschichte der Saharaui, die mehr oder weniger in Vergessenheit geraten ist, lässt das grobe Korn die vor Ort aufgenommenen Bilder der Menschen in einem algerischen Flüchtlingslager wie Archivbilder erscheinen. Es ist der Ton, der hier Gegenwart schafft: Frauenstimmen rufen die dramatischen Ereignisse seit 1975 bis heute in Erinnerung.

Der Wind ist allgegenwärtig in Vandeweerds Filmen: in Bildern von Stürmen in der Sahara, vor allem aber in den kratzenden bis dröhnenden Geräuschen, die der Wind auf der Tonspur hinterlässt. In seinem jüngsten Film, «Les Tourmentes» (2014), der in Nyon im internationalen Wettbewerb lief, sind es allerdings nicht Sand-, sondern Schneestürme in der Lozère am südlichen Fuss des französischen Zentralmassivs, wo auch heute noch viel extensive Weidewirtschaft betrieben wird (wenn auch kaum mehr in den rauen Wintern wie noch in früheren Zeiten). Der Regisseur hat deshalb eine eigene Herde von 150 Schafen gekauft, die er im Film nun durch das bitterkalte Schneetreiben ziehen lässt – angeführt von einer im langen Mantel tief verhüllten Hirtin, deren Gesicht kaum zu erkennen ist.

Gegen die Geschwätzigkeit

Pierre-Yves Vandeweerd hat «Les Tourmentes» im Laufe von drei Wintern zwischen Oktober und Mai gedreht, mit einer leichten Super-8- und einer stabileren 16-Millimeter-Kamera. Hier geht es um das intime Verhältnis von Mensch, Tier und Natur. Zu einem auf Okzitanisch gesprochenen Text zur jahrtausendealten Tradition der Transhumanz (Wanderweidewirtschaft) gesellen sich Porträts von PatientInnen aus einer lokalen psychiatrischen Anstalt, die an der titelgebenden Krankheit leiden: Menschen, die sich in der Einsamkeit der menschenleeren Weiten abhandengekommen sind, dazu eine monotone Litanei psychiatrischer Diagnosen.

Kommentare gibt es in Vandeweerds Filmen keine, er realisiert sie gegen die «Geschwätzigkeit» des Kinos und sucht in der Natur Phänomene, für die es keine Worte gibt. In seinen Bildern von den weissen Schafen im weissen Schnee verschmilzt der Mythos der Hirtenlegenden mit der Gegenwart. Die Lozère und die Westsahara hätten viele Ähnlichkeiten, sagte der Filmemacher in Nyon. Immer gehe es ihm darum, einen Film aus einem bestimmten Territorium, einer Landschaft zu kreieren. Wüstenähnliche Orte, wo die Natur ihre integrale Stärke bewahrt hat: Dort sucht er Menschen auf, die «überlebt» haben. «Mein eigentliches Bedürfnis, Filme zu drehen», sagt Vandeweerd, «wurzelt im erlebten Verschwinden des anderen.»