Nr. 21/2014 vom 22.05.2014

Irren (ist menschlich)

Hiermit endet die kleine ideologiekritische Serie. Die Widerlegungen von 49 Irrtümern unserer Zeit sind demnächst gesammelt zu lesen.

Von Adrian Riklin

Irren ist menschlich. Heisst es seit den alten Römern. Was wiederum einer der grössten Irrtümer der Menschheit ist. Ist es nicht gerade dieses geflügelte Wort, das uns weismachen will, alle Irrtümer dieser Welt seien auf die Unvollkommenheit des menschlichen Wesens zurückzuführen – und somit rein menschlich zu entschuldigen? Wo doch viele Irrtümer weit mehr sind als der Ausdruck menschlicher Unvollkommenheit: zuweilen gar das Produkt einer willentlich hergestellten und gezielt verbreiteten Irrlehre.

Die Idee der «Enzyklopädie der zeitgenössischen Irrtümer», mit der die WOZ im Januar 2012 startete und die nun mit dieser 49. Folge abgeschlossen wird, bestand vor allem darin, populäre Falschaussagen und Behauptungen zu widerlegen, mit denen nicht selten ein Verhalten, eine Regel oder gar eine Politik gerechtfertigt wird, die durchaus unmenschlich sein können. Irren, so lehrt uns die Geschichte der Menschheit, kann durchaus unmenschlich sein – vor allem dann, wenn sich verschiedene Irrtümer in einer in sich geschlossenen Logik zur grandiosen Irrlehre verdichten.

Viele Irrtümer sind das Resultat von leichtfertigen Übersetzungen vom Kleinen ins Grosse oder vom Grossen ins Kleine. Doch nur weil Irren mitunter auch menschlich sein kann, heisst das noch lange nicht, dass sich die Menschheit kollektiv verirren muss.

Irrlehren wiederum schöpfen gern aus dem Irrglauben, dass es sich beim menschlichen Wesen um ein widerspruchsfreies Wesen handle. Überhaupt zeichnet sich manche Irrlehre dadurch aus, dass sie den Widerspruch ausschliessen will. In diesem Bedürfnis nach widerspruchsfreier und damit höchst unmenschlicher Wahrheit liegt der Hund besonders tief begraben (vgl. «Ideologie und Paradoxie», Text online nicht verfügbar).

Die erkenntnistheoretische Abteilung der WOZ freut sich, Ihnen jetzt die Resultate ihrer zweieinhalbjährigen Dekonstruktion zu präsentieren. Die tiefschürfenden 49 Widerlegungen von 49 grösseren oder kleineren Irrtümern unserer Zeit können Sie demnächst als vollständige Sammlung lesen, für die es sich empfiehlt, sie chronisch bei der Hand zu haben – um sie bei jeder sich anbahnenden Debatte umgehend zu zücken und, mit brillanten Argumenten ausgerüstet, jegliches Wiederaufblühen haarsträubender Irrtümer vorzeitig zu verhindern.

Beachten Sie dazu folgende Gebrauchsanweisung: Kehren Sie populäre Falschaussagen, die negativ konnotiert daherkommen, wenn immer möglich unwiderruflich in positiv konnotierte Wahrheiten um. Lamentieren Sie also nie, der Klassenkampf sei doch nicht etwa veraltet. Sondern sagen Sie laut und fröhlich: «Der Klassenkampf lebt!» Hauchen Sie nicht, Romantik sei doch am Ende gar nicht unzeitgemäss. Sondern diktieren Sie unmissverständlich: «Romantik jetzt!» Wiederholen Sie nicht gebetsmühlenartig, gute Dinge würden noch lange nicht die Welt retten können. Sondern beteuern Sie provokativ: «Schlechte Dinge retten die Welt!» oder «Gute Dinge verschlechtern die Welt!» Relativieren Sie nicht, Kapitalismus sei doch nicht gleich Marktwirtschaft. Sondern enthüllen Sie die volle Wahrheit: «Kapitalismus ist legitimierte Ausbeutung!»

Geben Sie nie halbherzig zu bedenken, Enttäuschung sei nicht zwingend resignativ. Sondern vermelden Sie glasklar: «Enttäuschung macht klar!» Murmeln Sie nie, Arbeit aufschieben sei doch nicht unproduktiv. Sondern halten Sie fest: «Arbeit aufschieben ist produktiv!» Schwadronieren Sie nie, Digitalfotografie sei kein Segen. Sondern brüllen Sie unwiderruflich: «Digitalfotografie ist ein Fluch!» Räsonieren Sie nicht, Lateinamerika sei nicht magisch. Sondern geben Sie offiziell bekannt: «Lateinamerika gibt es wirklich!»

Leisten Sie damit Ihren Beitrag zur fortschreitenden Entlarvung der vielen Irrtümer, die sich tief in die Köpfe der Menschheit eingenistet haben! Wagen Sie sich in die Debatten, und vertreiben Sie all die Hirngespinste aus den Stuben, Sälen, Hallen, Plätzen und Parlamenten.

Vor allem aber: Verbreiten Sie nie mehr den Irrtum, Irren sei menschlich. Sondern sagen Sie stattdessen: «Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.»

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