Nr. 05/2012 vom 02.02.2012

Romantik (unzeitgemäss)

Romantik sei etwas für verträumte Schöngeister, die im 19. Jahrhundert stecken geblieben sind. Falsch! Wahre Romantik ist zeitgenössisch, aufklärerisch, radikal.

Von Adrian RiklinMail an Autor:in

«Und das in einem Romantik-Hotel!» Die Direktorin war ausser sich. Ich versuchte, sie zu beruhigen. Da ich journalistisch tätig sei, würde ich nach Möglichkeiten suchen, ihr Hotel an geeigneter Stelle in einem positiven Licht zu erwähnen. Was hiermit auch geschieht.

Nun denn: Aus verkehrstechnischen Gründen verbrachte ich die Nacht unlängst in einem Romantik-Hotel. Es roch nach Fichtenholz und frischer Bettwäsche, und durch das offene Fenster wehte der Duft von Neuschnee. Alles ganz zauberhaft also. Wäre da nur nicht diese Bezeichnung gewesen: «Romantik-Hotel». Und damit dieses Wort, das in meinem Leben wiederholt zu folgenschweren Missverständnissen geführt hat.

Um es vorwegzunehmen: Ich fühle mich der romantischen Weltanschauung verpflichtet. Der Grund, weshalb ich mich trotzdem so echauffiere, wenn ich als «Romantiker» bezeichnet werde, liegt in der Betonung, mit der dieser Titel einhergeht. Immer schwingt darin joviale Abschätzigkeit mit. Immer ist herauszuhören, dass «Romantiker» dabei für etwas wie «naiver Träumer» oder «hoffnungsloser Idealist» steht. Vor Jahren, nachdem ich meiner Kritik am unschönen Zeitgeist einen besonders traurigen Anstrich verliehen hatte und mein Gegenüber daraufhin «Ach, wie romantisch!» seufzte, nahm ich mir vor, einen grossen Aufsatz zu verfassen, in dem ich die wahre Bedeutung der Romantik lehrbuchartig definieren und ein für alle Mal erklären würde.

Und nun also, in dieser schlaflosen Nacht in diesem formidablen Romantik-Hotel, nun also, dachte ich, ist der Moment gekommen, in dem ich dem grossen Missverständnis ein Ende setze. Ich machte das Licht an, setzte mich ans Glastischchen, steckte mir trotz des Hinweises, dass es sich hierbei wie bei jedem zertifizierten Romantik-Hotel um ein zauberhaftes Nichtraucherhotel handeln würde, eine Zigarette an und notierte aufs Papier mit dem romantischen Briefkopf des Hotels den Titel: «Romantik. Ein Klärungsversuch».

Bald war nichts mehr vom Neuschnee in der Zimmerluft. Im mit Wasser gefüllten Plastikglas aus dem Badezimmer, das ich von einer durchsichtigen Verpackungsfolie befreit hatte, schwammen die Zigarettenstummel, und das Wasser im Glas und die Gedanken in meinem Kopf wurden immer schwärzer, derweil es draussen heller wurde.

In einem Vorwort erläuterte ich, dass es sich bei der wahren Romantik um eine radikale Haltung handeln würde, um eine Form von Unversöhnlichkeit mit jeder Gegenwart, dass aber gerade in dieser Gegenwartskritik die Gegenwärtigkeit der Romantik liege, es sich also keineswegs um poetisch verkleideten Konservativismus handle, sondern um die zeitgenössische Verteidigung zeitloser Werte: «Wahre Romantik», schrieb ich, während im Flur des einzigartigen Romantik-Hotels bereits der erste Staubsauger heulte, «wahre Romantik ist eine Grundhaltung, die nicht aufgibt, daran zu glauben, dass es einen tieferen Zusammenhang von Schönheit, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit gibt, auch wenn sie weiss, dass die Zusammenführung derselbigen höchstens annähernd und nur in seltenen Momenten gelingen kann. Romantik widersetzt sich zu jeder Zeit der herrschenden Vernünftigkeit, indem sie das Unmögliche jederzeit für möglich erklärt trotz all der Beteuerungen der Pragmatiker, die sich auf die Aufklärung berufen. Radikale Romantik ist nicht Verklärung, nicht das Gegenteil von Aufklärung, sondern deren Vertiefung. Aufklärung, die sich nicht stetig vertieft, ist tot. Antiromantische Aufklärer klären nicht mehr auf, sie sind nur noch abgeklärt und damit zynisch. Das ist es, was radikale Romantik gerade heute so notwendig macht: ihr Kampf gegen den Zynismus, der sich hinter dem Pragmatismus versteckt. Wahre Romantik lässt sich niemals davon abbringen zu hinterfragen, was Begriffe wie ‹Freiheit›, ‹Brüderlichkeit›, ‹Gerechtigkeit› in Tat und Wahrheit bedeuten und was sie mit der Schönheit zu tun haben könnten.»

Mein romantischer Versuch fand ein jähes Ende, als es an der Zimmertür klopfte. Der Rest ist bekannt.

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