Ludwig Hohl : Einsam denkt der Schriftsteller im Notizengebirge

Nr.  18 –

Der Autor als ebenso heroische wie prekäre Lebensform: Ludwig Hohl hat es vorgeführt, unerbittlich seinem Werk hingegeben. Eine Wanderung in eisigen Höhen und hinunter in die Niederungen des Alltags.

Eine Höhle als Welt. Oder die Welt als Höhle. Das Bild ist ein schöner Anfang für Leben und Werk von Ludwig Hohl (1904–1980). Ab 1954 hauste er in einer Kellerwohnung in Genf, überarbeitete seine frühen Manuskripte, ergänzte, verwarf, schrieb um, ordnete sie neu an; verschanzt zwischen und hinter Bergen aus Notizbüchern und Papierstapeln, bis zum Tod 1980, in ärmlichen Umständen, zuweilen aufgesucht von verehrungsvollen Schriftstellern, Jüngern, die überliefert haben, wie sich eine Wäscheleine durchs Zimmer spannte, an der Notizblätter hingen.

Ein schöner Anfang. Zum Anfangen hat Hohl selbst Schönes zu sagen: «Es kommt nur darauf an, irgendwo zu beginnen, nicht, am Anfang zu beginnen: da es ja keinen Anfang gibt» («Notizen», II, 108). Die Höhle ist im Übrigen nicht nur ein unmöglicher, sondern auch ein in die Irre führender Anfang, wie Hohl-VerehrerInnen immer wieder versichern. Denn hinter diesem voyeuristischen Interesse für den Künstler verschwinde dessen Werk.

Epigramm und Literatur

Dieses Werk sind zuerst einmal «Die Notizen». Ludwig Hohl hat sie überwiegend von 1934 bis 1936 in Holland geschrieben, dann immer wieder überarbeitet. 1944 und 1954 sind sie erstmals publiziert worden, zu seinem Leidwesen in zwei Bänden, was dem zweiten Teil seines Erachtens unzulässig einen minderen Rang zuwies. Dann, 1981, ein paar Monate nach seinem Tod, wurden sie endlich in einem Band veröffentlicht, ergänzt und noch von ihm eingeleitet. Insgesamt 800 Seiten, in zwölf Abteilungen: Aufzeichnungen, Reflexionen, Kurzerzählungen, Aphorismen, Beobachtungen, Gedankenstücke – eine Vielfalt an Formen, innerhalb der Abteilungen durchnummeriert. Zuweilen epigrammatisch zugespitzt, zuweilen ausufernd, zuweilen im Ungefähren zerlaufend.

Aus dem Nachlass erschienen 1986 «Nachnotizen», die aber bei weitem nicht so dicht sind wie die «Notizen». Dazu kommen zwei eigenständige erzählerische Werke: «Drei alte Weiber in einem Bergdorf», vor dem Zweiten Weltkrieg entstanden, und «Bergfahrt», wie alles bei Hohl auf früheren Entwürfen basierend, aber 1973 bis 1975 radikal überarbeitet. Beide spielen nicht zufällig im Gebirge. Hohl war in seiner Jugend selbst ein begeisterter und kühner Bergsteiger, und die Bergwelt ist ihm öfter eine Parabel für die menschliche Gipfelstürmerei.

Doch sein Hauptwerk bleiben «Die Notizen», die Hohl in Holland – wie er es formuliert hat – in Zeiten «grösster geistiger Ödnis» geschrieben hat, allerdings nach Zeiten fruchtbarster geistiger Anregungen in Frankreich zwischen 1924 und 1930, die vielfältig in die Texte eingegangen sind.

Metaphysik und Praxis

Hohl gilt als metaphysisch tiefschürfender und hochfliegender Denker. Doch zuerst einmal ist er ein diesseitiger, weltlicher Autor. «Der Mensch lebt nur kurze Zeit», beginnen die «Notizen», und um diese kurze, irdische Zeitspanne drehen sich die Gedanken. Gott ist tot und die Theologie eine «Irrlehre», «wohl das Falscheste, was der menschliche Geist je hervorgebracht hat» (II, 70). Auch der Fortschritt der Geschichte oder ein anderer Weltgeist interessieren Hohl nicht. Es braucht keine Instanz von aussen, wir sind uns selbst genug, in uns steckt, was uns leuchtet und führt.

Hohl denkt sich dabei die Welt aktiv, dynamisch. Es geht nicht um eine fixe Position, einen Zentralpunkt, um den alles kreist, sondern um die Bewegung: «Alles wirkliche Denken hat von jeher das Wesen der Welt als Veränderung, Bewegung, einen Fluss begriffen» (II, 70). Davon ist das eigene Werk nicht ausgenommen: «Was an der Produktion Wert hat, ist die Produktivität, nicht das Produzierte» (II, 144).

Hohl ist zudem ein praktischer Denker. Die grosse Idee allein genügt nicht, sagt er, sondern es geht auch um die Details der «Applikation», der Umsetzung. Zur «grossen Idee» müssen die «kleinen Ideen» und die «kleinen Taten» treten (I, 18).

Schliesslich denkt er in sozialen Beziehungen: «Der Mensch lebt in dem Masse, wie er kommunikationsfähig ist» (II, 50). Er gliedert das auf: Kommunikation mit wem und zu welchem Zweck. Grundsätzlich ist das Tun auf ein Aussen angewiesen, darf sich diesem aber nicht unterwerfen.

Diese Bestimmung des Menschen nennt Hohl: Arbeiten. «Vom Arbeiten» ist die erste Abteilung der «Notizen» überschrieben. Der Begriff ist eine bemerkenswerte Wahl. Er reagiert durchaus auf eine zeitgenössische Konjunktur. Anfang des Jahrhunderts hatte der Industrielle Henry Ford die Arbeitsorganisation umgekrempelt und 1929 unter seinem Namen ein Buch mit dem Titel «Philosophie der Arbeit» veröffentlicht. Ernst Jünger antwortete 1932 auf das neue Massenzeitalter mit dem schneidenden anarchokonservativen Pamphlet «Der Arbeiter». Und Hannah Arendt entwickelte damals jene Vorstellungen, die sie nach dem Zweiten Weltkrieg im Werk «Vita activa oder Vom tätigen Leben» publizierte.

Solche Vorgaben tauchen bei Hohl nicht explizit auf. Aber sie wirken untergründig, als Anregung und Fragestellung. Hohl gibt darauf eine besondere Antwort.

Sozialismus und Geistesstärke

Wie halten Sie es mit der Politik?, fragte der Filmemacher und Publizist Alexander J. Seiler 1978 Ludwig Hohl in einem Gespräch kurz vor dessen Tod. Hohl wehrte die Frage nicht als Nebensächlichkeit oder Zumutung ab, im Gegenteil. Politik, meinte er, tauche zwar in den «Notizen» nicht explizit auf, sei aber präsent. Dann erklärte er gar, Sozialismus sei «etwas Unumgängliches, etwas gar nicht in Frage zu Stellendes». Tatsächlich, in den «Notizen» hat er einmal formuliert: «Genie ist eine andere Formel für vollkommenen Sozialismus» (I, 29). Und wiederholt später: «Nocheinmal: Als ich am weitesten gestiegen war, sah ich, dass Genie und vollkommener Sozialismus ganz und gar dasselbe sind» (II, 227 sowie II, 145). Ein gewaltiger Satz. Aber sagt er irgendetwas aus, über das Genie oder gar den Sozialismus? Hohl fällt hier wohl auf einen von ihm selbst geprägten Kalenderspruch herein.

An anderer Stelle wird er deutlicher: «Klassenbewusstsein, ja, die Theorie ist nur allzu richtig. Aber es gibt noch eine dritte Klasse, die des Sokrates, die der Unversöhnlichen» (II, 66). Womit er eine durchaus bekannte Figur ins Spiel bringt: den Geistesarbeiter, den «Geistesstarken». «In dieser Welt, wo alles schwankt» (I, 3), wählt Hohl einen traditionellen Weg. Kunst ist das bessere Leben, ja, das einzig richtige Leben: «Wie klein auch die durch den Geist geschehende Veränderung sei, wir wissen, dass darin doch das ganze Leben, darin allein der Wert ist» (II, 122). Und mit ein wenig koketter Demut verkündet er selbstbewusst: Der Künstler ist zwar «nicht etwas anderes», aber doch «eine grössere Quantität als irgendein Mensch» (II, 119).

Gegenüber der Anstrengung des Geistes sind «Dummheit» und «Faulheit» die Kardinalsünden. Ihnen verfällt die grosse Menge, die der wahren Produktivität und dem Arbeiten nicht zu genügen vermag. Zuweilen relativiert Hohl, das Versagen der Durchschnittsmenschen sei den Umständen geschuldet. Aber letztlich steht es doch in der Kraft und der Verantwortung des Einzelnen, sich zum wahren Wesen zu erheben.

Darin wird der jugendliche Überschwang spürbar, den die Nietzsche-Lektüre hinterliess. Nietzsche bleibt auch in der heftigen kulturpessimistischen Kritik präsent, die weite Teile der «Notizen» einnimmt. Hohl wettert gegen die sprichwörtlichen «Apotheker», die nur ihre eigene Beschränkung kennen und alles Höhere ablehnen. «Von Narren, Redaktionen, Hund, Sonn- und Feiertagen, Dummheit, Hässlichkeit, Faulheit» heisst der Untertitel der entsprechenden Abteilung VIII. Er verspottet Herrn und Frau Meyer, wütet gegen den Schweizer Mief, die Holländerinnen – die Frauen generell, die ihre Geistlosigkeit mit der Aufzucht von Kindern kompensieren –, die Kunstphilister. «Der häufigste Gedanke, der mir beim Anblick eines Menschen aufsteigt: ‹Wie das nur leben kann›» (VIII, 11). Daraus spricht nicht Mitleid, sondern Missachtung. So verirrt sich Hohl in den eisigen Höhen seiner Notizengebirge: nicht eben originell und auf die Dauer ermüdend.

Fragment und System

Ertragreicher sind Hohls Analysen zu Kunst, zu Literatur, Malerei und Musik. Scharfsinnig seine Bemerkungen, wie künstlerische Formen überholt werden und Neuem Platz machen. Fürs 20. Jahrhundert sieht er das klassische Erzählen endgültig zerbrochen. Um 1900 hatte die Dezentrierung des Subjekts durch Charles Darwin, Sigmund Freud und den Physiker Ernst Mach auch die Literatur in die Krise gestürzt. Die Gewissheit kausaler Zusammenhänge war zerbrochen; das Subjekt aus dem eigenen Haus vertrieben. Hohl illustriert das an zweien seiner Geistesheroen: Marcel Proust zerfasert die Beschreibungen seiner Figuren in feinste psychische Verästelungen; André Gide umkreist die Geschehnisse essayistisch und dialogisch.

In seinen eigenen erzählerischen Werken vollzieht Hohl diese Bewegung nur teilweise nach. Zwar wird die Handlung weitgehend aufgelöst, ins reflexive Porträt hinein. «Drei alte Weiber in einem Bergdorf» ist überwältigend geschrieben, in gestanzten Sätzen, eisig, archaisch. «Die Bergfahrt», ungleich schwächer, erkundet den Tod als Ausdruck zweier Lebensprinzipien. Doch dabei zerschellt die Welt nicht, im Gegenteil. Die Landschaft macht die seelische Bewegung mit. Das Typische wird zum Archetypischen.

Dagegen präsentieren sich die philosophischen Notizen von vorneherein als Fragmente. Die Romantik hatte provokativ dem Fragment einen eigenen Wert und eine eigene Kunstform gegen die klassische Geschlossenheit zugewiesen. Auch Hohl tritt gegen das Systemdenken an. Das «Denkgebäude» ist ihm ein verhasstes Stichwort, dagegen sind «die ewigen Fragmente, die immer neue Lücken zeigenden Teile, die aus dem Berg gebrochenen Gesteinsstücke die Wahrheit» (II, 235).

Zugleich hält Hohl seinen Aufzeichnungen eine «Einheitlichkeit des Ganzen» zugute. Das muss kein Widerspruch sein. Einheitlichkeit kann sich durchaus in einer Haltung, einem Gestus äussern, die sich inhaltlich offen gibt. Doch bei Hohl zeigen sich hinter den Fragmenten immer wieder Grundpositionen, unverrückbare Meinungen – eine Weltanschauung eben.

Es gibt in Hohls Reflexionen vielfach eine Doppelbewegung: Detail und Verallgemeinerung. Das gloriose Leuchten des eigenständigen Phänomens. Die schneidende Klarheit des geordneten Systems. Das Fragmentarische kann ihm offenbar nicht genügen. Drängend melden sich Fragen: Liessen sich die Teile vielleicht doch zusammenfügen? Wäre nicht doch wünschenswert, die Dinge in eine geordnete Hierarchie zurückzuholen? Ludwig Hohl stösst sich vom Systemdenken ab und verfällt dessen Verlockungen doch immer wieder.