Nr. 21/2014 vom 22.05.2014

Die Welt erklingt in vielen Stimmen

Von Ulrike Baureithel

Illustration: Franziska Meyer

«Wer läutet die Glocken?», fragte einst Thomas Mann in der unerschütterlichen Überzeugung, dass es nur der Autor sei, der 
spricht. Der (männlich gedachte) allwissende Erzähler gehört 
mittlerweile ebenso der Vergangenheit an wie eine «reine» Nationalliteratur – das jedenfalls schreibt Catalin Dorian Florescu 
in seinem kulturkritischen Auftaktessay zu dieser WOZ-Literaturbeilage. Florescu will «Literatur» nur noch in der 
Mehrzahl denken und seine Bücher nicht bloss auf «Reiseführer 
für Osteuropa» reduziert sehen.

«Wer spricht?», fragen wir anlässlich der in diesem Jahr unter 
dem Motto «Stimmen – Voix – Voci – Vuschs» stattfindenden 
Solothurner Literaturtage und stellen fest, dass wir es in 
der globalisierten Welt nicht nur mit sprachlicher Polyphonie zu 
tun haben, sondern auch mit Stimmen aus dem Off. Der kosovarische Dichter Shaip Beqiri vermittelt seine Exilierungserfahrungen 
auf Albanisch, während die Ukrainerin Katja Petrowskaja 
ins Deutsche flüchtet, um ihre zum Schweigen gebrachte jüdisch-
polnische Familie vielstimmig zusammenzuführen.

Was geschieht, wenn ein Schriftsteller die enge Schweiz verlässt 
und seine Bücher mit «Welthaltigkeit» füllt, lässt sich in Stefan Howalds Überlegungen zu Lukas Bärfuss’ Roman «Koala» nachlesen. Umgekehrt erhebt aus der scheinbar stummen Schwyzer Diaspora Martina Clavadetscher ihre Stimme. Zu einem Wagnis wird 
das Sprechen schliesslich, wenn es ein lange verstummter Schrift
steller von den Figuren in «die Sache» verlegt, worüber Rolf Niederhauser Auskunft gibt.

Die Illustrationen zu dieser Literaturbeilage, in denen sich 
das Sprechen in unterschiedlichen Formen und in verschiedensten Situationen äussert, hat WOZ-Grafikerin Franziska Meyer 
entwickelt und realisiert.

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