Nr. 21/2014 vom 22.05.2014

«Tschau-Tschinggeli, ich schlag dich tot»

Die Ermordung eines «Gastarbeiters» 1968 in St. Moritz erinnert an die dunkle Zeit des Saisonnierstatuts. Sie ist Thema an einer Geschichtstagung in Maloja, die am Auffahrtswochenende Bündner und Veltliner Migrationsgeschichten nachgeht.

Von Jürg Frischknecht

Empörung in Italien: Cover des Songs «La storia di Attilio Tonola».

November 1968, St. Moritz in der Zwischensaison, kurz nach Mitternacht. Ostschweizer Hilfsarbeiter kommen von einer Geburtstagsfete, italienische «Gastarbeiter» von einem Aufrichtfest, sind auf dem Heimweg und mehr oder weniger betrunken. «Tschau-Tschinggeli», ruft ein St. Galler dem Italiener Attilio Tonola entgegen, ein beleidigendes und diskriminierendes Schimpfwort.

Tonola protestiert, versetzt dem Ostschweizer einen Schlag. Beide fallen auf der glitschigen Strasse um, stehen aber gleich wieder auf. Darauf traktieren der St. Galler und ein Appenzeller den Maurer aus der Valchiavenna mit heftigen Faustschlägen auf den Kopf. Das Opfer sackt zusammen und bleibt liegen. «Ich schlag dich tot», habe einer der Täter gerufen, sagt ein Augenzeuge.

Die NZZ wird später in ihrem Prozessbericht schreiben: «Nasenskelett zertrümmert, was zu starken Blutungen führt. Karotissinus-Schock (Boxer-Syndrom) durch einen Schlag auf die obere rechte Halsregion, ausreichend, um den Eintritt des Todes zu erklären, zusammen mit der schweren Blutaspiration in die Luftwege.»

Die Täter geben dem nur noch schwach atmenden Italiener ein paar Fusstritte, bevor sie ihn vor eine Garage schleifen, dort bei fünf Grad minus liegen lassen und abhauen. Der alarmierte Arzt stellt den Tod des «Gastarbeiters» fest. Wäre eine Begegnung zwischen zwei angeheiterten Schweizer Grüppchen ähnlich verlaufen?

Fremdenhass dementiert

Die Schweizer Presse behandelt den Fall vorwiegend diskret, schliesst Fremdenhass vorsorglich und pauschal aus, so wie später auch das Gericht (ohne dafür nähere Belege anzuführen) – während die italienischen Medien den tragischen Tod des vierfachen Familienvaters gross aufmachen und der italienische Botschafter in Bern eine öffentliche Stellungnahme des Bundesrates verlangt.

1968 ist auch das Jahr, in dem James Schwarzenbach mit seiner Nationalen Aktion das «Volksbegehren gegen die Überfremdung» lanciert (Masseneinwanderung gehört damals noch nicht zum Wortschatz). Dessen zentrale Forderung lautet: In jedem Kanton ausser Genf sind die AusländerInnen auf zehn Prozent der schweizerischen Wohnbevölkerung zu reduzieren – 300 000 Menschen hätten bei einer Annahme der Initiative die Schweiz verlassen müssen.

Der Fall Tonola ist eine der Migrationsgeschichten, die am Auffahrtswochenende vom 29. Mai bis zum 1. Juni an der Salecina-Tagung «Einwanderer im Auswanderungsland» vorgestellt werden. Organisiert wird sie vom Institut für Kulturforschung Graubünden (ikg) und der Associazione Storie di frontiera, die bereits drei Geschichtstagungen im Bildungszentrum auf dem Malojapass organisiert hat.

Längst hat die Zuwanderung ins Engadin und ins Veltlin die frühere Auswanderung abgelöst. Mehrere Referate befassen sich mit dem aktuellen Forschungsstand. Andere Tagungsbeiträge greifen einzelne Aspekte heraus: die Veltliner Frauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Graubünden in Haushalten und der Hotellerie arbeiteten, oder die satirische Zeitschrift «I passatempi del Macil», in St. Moritz von lombardischen Zuwanderern herausgegeben.

«Siamo italiani» bis «Life in Paradise»

Eröffnet wird die Tagung mit Alexander J. Seilers «Siamo italiani», 1964 ein Meilenstein in der Schweizer Filmgeschichte. Zu sehen ist auch der Film «Life in Paradise», ein halbes Jahrhundert später von Roman Vital realisiert. Hautnah zeigt er den Alltag im Ausreisezentrum für abgewiesene AsylbewerberInnen im Prättigauer Dorf Valzeina. Die Situation und besonders das Engagement von zugewanderten Frauen in Graubünden schildern Ursula Brunold-Bigler und Silvia Conzett, Autorinnen des höchst lesenswerten Buchs «Frauen schaffen Heimat».

Am Samstagabend begegnen sich im Mehrzwecksaal Maloja der italienischsprachig aufgewachsene Bündner Schriftsteller Vincenzo Todisco und der ebenfalls schreibende senegalesische Migrant Cheikh Lo Mbacke, der im Veltlin lebt: «Raccontare la migrazione. Die Migration erzählen».

Einen weiteren Schwerpunkt bildet die grösste Baustelle, die das Bergell je erlebt hat, die Entstehung der Albigna-Staumauer in den 1950er Jahren. Florian Hitz vom ikg wirft einen sozialhistorischen Blick auf jene Hälfte der tausend Arbeiter (fast alle Italiener), die auf über 2000 Metern Höhe lebten und arbeiteten. Dies hat der bekannte Berner Künstler Emil Zbinden in zahlreichen Bildern festgehalten, die Jürg Spichiger in einer Diaschau vorführt. Der selten gezeigte Kurzfilm «Un metro lungo cinque» des damals jungen Ermanno Olmi dokumentiert ausserdem den Bau der Staumauer im Valle di Lei (Avers).

Auch der Maurer Tonola hat für die Bergeller Kraftwerke der Stadt Zürich gearbeitet, nicht oben auf der Albigna, sondern unten bei der Zentrale Löbbia. Sein Name ist nicht vergessen, auch dank des Songs «La storia di Attilio Tonola», komponiert in den sechziger Jahren. In diesem Jahr hätte Tonola seinen 80. Geburtstag feiern können.

«Einwanderer im Auswanderungsland» in: Maloja Salecina, 29. Mai bis 1. Juni 2014. Mehr Infos unter www.kulturforschung.ch und www.salecina.ch. Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei.

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