Nr. 45/2008 vom 06.11.2008

Hinter den Bergen

Seit drei Monaten betreibt der Kanton Graubünden in der kleinen Berggemeinde Valzeina ein umstrittenes Asylzentrum. Der Kanton will die Bewohner isolieren. Die Gemeinde will sie integrieren.

Von Dominik Gross

«Freude den Kommenden, Friede den Bleibenden, Segen den Scheidenden», steht über Stubenfenstern an einer Hauswand in der kleinen Bündner Berggemeinde Valzeina. Viel ist hier nicht los: Die vergilbten türkisfarbenen Jalousien des Dorfladens mit dem alten Rösslistumpenplakat an der Tür wurden schon lange nicht mehr hochgezogen, seit Jahren ist das einzige Geschäftslokal im Dorf verwaist. Nicht weit entfernt trotzt der Schriftzug des ehemaligen Gasthauses Alpenrose auf alten Holzschindeln dem endgültigen Verschwinden. Immerhin sorgen die Kirche und das Schulhaus noch für ein wenig öffentlichen Begegnungsraum.

Valzeina - hoch über dem Eingang zum Prättigau auf 1100 Meter über Meer gelegen - ist eine alte Streusiedlung; das Werk Walser EinwanderInnen, die vor 800 Jahren hier die breiten Sonnenhänge besiedelten. Auf über tausend Hektaren Gemeindegebiet leben heute 140 Menschen. Wer sich hier nicht über den Weg laufen will, tut es auch nicht. Beim Schulhaus ist Endstation für den kleinen Postbus, der Valzeina viermal pro Tag mit Grüsch im Tal verbindet.

Nach einem viertelstündigen Fussmarsch weiter den Hang hinauf und schneebedeckten Kehren entlang erreicht man kurz vor der Krete das ehemalige Ferienheim Flüeli. Die Tannen schwingen ächzend im Föhn, Schneewehen treiben um den Funkturm auf dem Grat. Dahinter fallen die Felsen fast 500 Meter senkrecht zum Rheintal ab. Seit Anfang Dezember vergangenen Jahres betreibt der Kanton Graubünden hier im Flüeli ein Ausreisezentrum für abgewiesene Asylsuchende.

«Wie in einem Ghetto»

Seit die EinwohnerInnen Valzeinas Ende 2006 von den Plänen des Kantons für ein Asylzentrum in ihrer Gemeinde erfahren hatten, kämpften sie dagegen. Sie hielten die Churer Behörden mit ihren Einsprachen, Protestaktionen und alternativen Vorschlägen für einen Zentrumsbetrieb auf Trab und lösten damit eine breite Medienberichterstattung aus. Dabei ging es nicht unbedingt darum, Asylsuchende von ihrer Gemeinde fernzuhalten. Grund des Protestes seien vielmehr humanitäre Bedenken gewesen, wie die zuständige Arbeitsgruppe auf der Website der Gemeinde schreibt - das «Mitgefühl mit den Menschen, die da oben auf dem Berg wie in einem Ghetto leben müssten, ohne sinnvolle Beschäftigung, ohne Arbeits- oder gar Einkaufsmöglichkeiten».

Andererseits, so die Arbeitsgruppe, wäre eine Kleinstgemeinde wie Valzeina überfordert, mit so vielen Asylsuchenden auf «sinnvolle, integrierende Art» zusammenzuleben. Die Bündner Verwaltung liess sich vom Widerstand im Dorf nicht beirren: Fünf abgewiesene Asylbewerber, alle um die dreissig Jahre, sind mittlerweile im Ausreisezentrum angekommen. Bis zu 35 Personen sollen hier untergebracht werden können.

Die ValzeinerInnen haben auf die Eröffnung des Zentrums bereits reagiert: Die Arbeitsgruppe wurde aufgelöst, stattdessen gründete man den Verein Miteinander statt Gegeneinander. Mit Suppenabenden im Schulhaus, einer interkulturellen Bibliothek im Dorf oder Dokumentarfilmvorführungen, die migrationspolitische Themen und Globalisierungsphänomene behandeln, versucht man nun genau das, was vor einem Jahr noch unmöglich schien: mit den Asylbewerbern auf sinnvolle, integrierende Art zusammenzuleben, wie Guido Stirnimann, Churer Zuwanderer und aktives Vereinsmitglied, sagt.

Anonymer Drohbrief

Vom Küchenfenster der Familie Tanner hat man einen freien Blick auf das Flüeli. Feldstecher, Foto- und Videokamera stehen einsatzbereit auf dem Esstisch. Die BergbäuerInnen sind die einzigen direkten Nachbarn des Asylzentrums. Nachdem sie vor mehr als einem Jahr vom Projekt im Radio erfahren hatten, wären sie am liebsten sofort aus Valzeina weggezogen, erinnert sich Emi Tanner. Eines Morgens war ein anonymer Drohbrief an ihre Stalltüre geheftet, in dem den Valzeinerinnen in schlechtem, vulgärem Deutsch mit sexuellen Übergriffen gedroht wurde, falls das Asylzentrum in Valzeina seine Pforten öffne. «Wir, die bis jetzt die Haustür nie abgeschlossen haben, müssen bald mit Pfeffersprays in der Tasche durch unser kleines Bergdorf laufen», habe sie damals gedacht.

Heute klingt es bei der Familie Tanner anders: «Das sind anständige Menschen, die in einer verzweifelten Lage stecken», sagt Tochter Barbara, eine gelernte Köchin, «wenn ich mir vorstelle, ich erlitte dasselbe Schicksal» Das Ganze habe auch seine guten Seiten, sagt ihre Mutter: «Seit langem gibt es im Dorf wieder etwas, dass alle beschäftigt, die Gemeinde rückt zusammen.» Und sie wisse jetzt wenigstens, wo Algerien liegt. Ihr Mann Gion meint pragmatisch: «Ich brauche nicht unbedingt Asylanten in meiner Nachbarschaft. Aber jetzt, wo sie schon mal da sind, glaube ich, dass es für alle besser ist, einen guten Umgang mit ihnen zu finden, anstatt gegen sie zu arbeiten.»

Der ehemalige Lastwagenchauffeur aus Savognin weiss, was es heisst, in Valzeina nur Zugewanderter zu sein. Die mittlerweile 97 Jahre alte Grossmutter seiner Frau fühle sich als geborene Zürcherin auch nach sechzig Jahren in Valzeina noch nicht ganz heimisch. Sie habe ihm immer gesagt: «Pass auf, was du sagst im Dorf. Du bist nicht von hier.» Für Gion Tanner geht es im Valzeina von heute aber nicht um Heimatrechte: «Das Problem sind nicht die Asylsuchenden, das Problem sind die Behörden in Chur, die uns Valzeiner nie in die Planung und Ausführung des Projektes miteinbezogen haben.»

Schnell aus der Schweiz

In der Tat sind die Interessen des kleinen Bergdorfes Valzeina nicht jene des grossen Kantons Graubünden. So passen auch die neuen Integrationsbemühungen der Valzeiner Bevölkerung nicht ganz ins Konzept der Asylvollzugsbehörden in Chur: Neben den finanziellen Vorteilen hat aus der kantonalen Optik vor allem die abgelegene Lage für einen Asylzentrumsstandort Valzeina gesprochen, wie Beda Egger, Chef des Bündner Asylvollzuges in Chur, bestätigt.

Den Vorwurf, die Gemeinde nicht in die Projektentwicklung miteinbezogen zu haben, lässt Egger nicht gelten: «Ich verstehe den Ärger in Valzeina. Aber auch auf Wunsch der Gemeinden bleibt der gesamte Vollzug des Asylwesens im Kanton Graubünden bei den kantonalen Behörden, viele Gemeinden wären wegen ihrer fehlenden Grösse und finanziellen Mitteln mit einer solchen Aufgabe überfordert.»

Die vier Bündner Asylzentren werden im Unterschied zu den meisten anderen Schweizer Kantonen alle vom Kanton finanziert und betrieben. In Chur will man abgewiesene Asylsuchende nicht integrieren, im Gegenteil: Durch unattraktive Lebensbedingungen in den Ausreisezentren sollen sie zu einem schnellen Verlassen der Schweiz ermuntert werden. Gemäss neuem Asylgesetz, das seit Jahresbeginn in Kraft ist, stellt der Bund den Kantonen einen einmaligen Betrag von 4000 Franken pro abgewieseneN AsylsuchendeN zur Verfügung. Garantieren müssen die Kantone im Auftrag des Bundes damit die gesetzliche Nothilfe bis zur Ausreise. In Graubünden bekommen sie Kost und Logis, kein Bargeld.

«Nicht permanent aggressiv»

Häufig seien die Asylsuchenden in den Zentren an einem Austausch mit der Bevölkerung gar nicht interessiert, sagt Egger, «meistens sitzen sie im Haus und schauen fern». Den Widerstand gegen Asylzentren in mehreren betroffenen Gemeinden führt er vor allem auf eines zurück: «Das sind schlicht Ängste. Asylbewerber haben für viele Bürger grundsätzlich einen negativen Geruch. Ein Teil von ihnen ist in der Tat deliktisch und kriminell. Aber die Mehrheit ist friedlich und nicht permanent aggressiv. Kein Asylbewerber geht raus und vergewaltigt ein paar Frauen. Vielleicht mal ein kleiner Ladendiebstahl hier oder ein Deal da.»

Damit die Asylsuchenden gar nicht erst auf solche Gedanken kommen, möchten die ValzeinerInnen ihnen sinnvolle Beschäftigungen anbieten, sagt Mona El Baradie, Übersetzerin und Valzeiner Gemeinderätin mit ägyptischen Wurzeln. «In unentlöhnter, gemeinnütziger Arbeit im Dorf könnten sie bei der Schneeräumung, der Waldarbeit oder auf den Feldern aushelfen.» Beda Egger ist auch in dieser Frage zurückhaltend: «Gemeinnützige Arbeit ist den abgewiesenen Asylsuchenden prinzipiell erlaubt. Aber nach unseren Erfahrungen nimmt kein Asylsuchender ohne Entlöhnung eine Schneeschaufel in die Hand.»

Der Zentrumsbewohner Rabah B. aus Algerien, der seit sechs Jahren im Bündnerland von einem Asylzentrum zum nächsten geschoben wird, denkt anders: «Ich bin froh um jede Ablenkung hier oben, die dauernde Beschäftigungslosigkeit halte ich nicht ewig aus.» Er steht mit einem Feldstecher in der Hand und einer gedrehten Zigarette im Mund am offenen Zimmerfenster im ehemaligen Ferienheim und beobachtet die SkitouristInnen am gegenüberliegenden Hang. «Eigentlich sind wir hier an einem sehr schönen Ort», sagt er.

Geschenkte Telefonkarten

Die zwei Zimmer, in denen die fünf abgewiesenen Asylsuchenden wohnen, erinnern an vergangene Skilagertage im Ferienheim. Alles ist in gemütlichem Holz gehalten, an der Wand hängen alte Alpenaufnahmen. Nur das Überangebot an veralteter Unterhaltungselektronik, darunter vier Fernsehgeräte, wirkt ein wenig deplatziert. In einem läuft eine deutsche Vorabendserie. Der Iraner Fekri Ali R. liest lieber. Zu Fuss und auf Pferdekarren ist er im Jahr 2002 durch den Iran gereist, dann über das iranisch-türkische Grenzgebirge und durch die weiten Ebenen Anatoliens. Von Istanbul aus hätten ihn Schlepper bis nach Ungarn transportiert, in der Schweiz sei er eher zufällig gelandet.

Seine Zukunftsaussichten seien düster, sagt Fekri Ali R. «In der Schweiz bleiben kann ich nicht, und zurück kann ich auch nicht. Im Iran warten die Revolutionswächter auf mich.» Der ehemalige Filmstudent hält ein Bild aus einer englischen Zeitung in die Höhe, auf dem ein junger Iraner an einem Galgen hängt. So werde man im Iran für eine Liebesbeziehung ohne Ehesegen bestraft. Seine Freundin habe sich nach seiner Flucht das Leben genommen. Mit seiner Familie zu Hause hat er sehr wenig Kontakt. Im Haus stehen den Bewohnern weder Telefon noch Internet zur Verfügung, Geld für Ferngespräche via Mobiltelefon haben sie selten. Manchmal bringt ihnen eine Valzeinerin eine Telefonkarte.

Die Gastfreundschaft der Leute hier helfe ihm, nicht immer an seine Familie denken zu müssen, «so nett waren die Leute an anderen Orten nie». Sieht er doch eine Perspektive für sich? «Wenn der Schnee geschmolzen ist, laufe ich los, so weit über die Berge, wie es geht.» «Schlechte Idee», wirft Zentrumsleiter Ernst Wüst aus dem Hintergrund ein, der die Aussagen der Bewohner auf ihre Richtigkeit überprüfen will, «hinter der nächsten Bergkette wartet schon Österreich.» Vielleicht denkt Fekri Ali R. in diesem Moment auch daran, in der Schweiz unterzutauchen. Sechzig bis siebzig Prozent der abgewiesenen Asylsuchenden haben dies in den letzten Jahren getan, wie Asylvollzugschef Egger bestätigt.

Es ist Freitagabend. Emi Tanner nimmt in ihrer Küche noch einen letzten Schluck Wein, für die Nerven. Gleich beginnt unten im Schulhaus der erste gemeinsame Suppenabend der Dorfbevölkerung und der Bewohner des Ausreisezentrums. Emi Tanner ist ein wenig skeptisch: Gestern Nacht habe ein Streifenwagen vor dem Zentrum gestanden. «Es ist wohl etwas los gewesen. Die Stimmung war angespannt die letzten Tage.» Die Tanners holen Hamid A., Shiralam D. und Rabah B. trotzdem im Zentrum ab. In der vergangenen Nacht sei es zu einer Meinungsverschiedenheit zwischen einem Bewohner und dem Nachtwächter gekommen, erzählen diese, der Wächter habe dann die Polizei aus Grüsch heraufgeholt. Dann schwankt der volle Subaru 4WD ins Dorf hinunter.

Suppe mit Dattelbiscuits

Im Schulhaus herrscht schon geschäftiges Treiben. Grosse Suppenschüsseln werden hereingetragen, die Flüelibewohner haben algerisches Brot mitgebracht, eine Begrüssungsrede wird gehalten. Die Asylsuchenden und um die dreissig Leute aus dem Dorf, meist Jüngere und Familien mit Kindern, versammeln sich um die Tische. «Eigentlich zieht man ja nicht hierher, um unter vielen Menschen zu sein», sagt ein mit seiner Familie nach Valzeina gezogener Baumpfleger aus Chur, «hier sucht man eher die Einsamkeit.» Sie würden sehr selten zu einem Fest zusammenkommen, bestätigt seine Tischnachbarin, «nicht einmal am 1. August oder am Silvester gibt es einen offiziellen Festanlass im Dorf». Am Tisch sagt jemand: «Wenn das Fremde ein Gesicht bekommt, verliert es seinen Schrecken.» Wie es sein wird, wenn in Valzeina einmal dreissig Asylsuchende wohnen, mag sich noch niemand richtig vorstellen.

Hamid A. spielt ein algerisches Raï-Stück. Die Versuche eines interkulturellen Tanzes gelingen nicht immer, trotzdem wird die Stimmung zusehend heiterer. Nur der Afghane Shiralam D. sitzt schweigend da, er mag die Musik nicht. Den Deutschkurs in Chur, den ihm einige ValzeinerInnen organisieren wollten, darf er als abgewiesener Asylsuchender mit dem Status des illegalen Aufenthalters nicht besuchen. Die letzten Dattelbiscuits von Betty Bossi werden verspeist, eine Drittklässlerin dankt dem Raïsänger. Ein Asylsuchender persifliert den Zentrumsleiter beim Apfelznüni. Irgendeiner ruft: «Jetzt gömmer denn öppa no lang nid hai.»

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