Videokunst im Bergell : Das Schnarchen der Baroness

Nr.  25 –

Zehn KünstlerInnen aus der Schweiz und Italien haben für den historischen Palazzo Castelmur im Bergell Videoarbeiten geschaffen: eine Welt voller bizarrer Geschichten und bewegter Bilder.

Eine Art reales Computergame: Christoph Rütimanns «Corrimano Piz Duan / Handlauf Piz Duan» im Rahmen der «Video Arte Palazzo Castelmur». © Christoph Rütimann und «Video Arte palazzo Castelmur»

24 Stunden müsste man wandern, um von Chur ins Bergell zu gelangen. Zwei Pässe wären auf dem Weg zu überwinden, die Lenzerheide und der Septimer. Der Zug bringt einen in drei Stunden ins Südtal. Geschichtsträchtige Bausubstanz und zeitgenössisches Kunstschaffen werden zurzeit hier an der Grenze zu Italien zusammengeführt: Idylle und moderne Kommunikation, harter ländlicher Alltag und die hohe Kunst der Auseinandersetzung mit der Gegenwart.

Der Palazzo Castelmur in Stampa ist schon von weit her zu sehen. Das war auch die Absicht der Bauherren in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Es galt, die Familienehre wiederherzustellen. Zinnen, rote Fassade und zwei Ecktürme: Ein Schloss steht da auf der Anhöhe über der Maira. Aber der Palazzo Castelmur ist nur zum Schein ein Schloss. Zwar gibt es im Innern einen Ballsaal und einen grossen Speisesaal, alles mit bunten Tapeten und Malereien reich geschmückt, benutzt aber wurden diese Räumlichkeiten kaum je.

Vom Patrizierhaus zum Schloss

Aus dem dunklen Hauseingang sind schrille Töne zu hören. Es scheppert und knallt. Der Bau dient heute als Museum und historisches Archiv und ist im Besitz der Gemeinde Bergell. Im obersten Stock ist eine Ausstellung über die Bündner Zuckerbäcker zu sehen, und in den Kellerräumen wurde ein Lokal für die Bergeller Jugend eingerichtet. Die pompös ausgestatteten Wohngemächer des ehemaligen Barons und der Baronin de Castelmur können besichtigt werden. Regelmässig werden auch Ausstellungen mit Bezug zu Handwerk und Geschichte gezeigt.

Zurzeit ist die «Video Arte Palazzo Castelmur» zu sehen. Unter der künstlerischen Leitung von Luciano Fasciati und dem Kuratorium von Céline Gaillard, in Zusammenarbeit mit Ivana Semadeni und Gian Andrea Walter, wurden zehn KünstlerInnen und KünstlerInnenpaare aus der Schweiz und Italien eingeladen. In sechzehn Videoarbeiten haben sich Judith Albert, Karin Bühler, Evelina Cajacob, «frölicher/bietenhader», Gabriela Gerber und Lukas Bardill, Eric Lanz, Zilla Leutenegger, Sissa Micheli, Christoph Rütimann und Simone Zaugg mit Ort und Geschichte auseinandergesetzt.

Das Scheinschloss war ursprünglich ein schlichtes Patrizierhaus aus dem Jahr 1723. 1850 kaufte es Giovanni de Castelmur, ein Nachfahre eines bis 1600 führenden Geschlechts im Tal. De Castelmurs Ahnen hatten sich im 16. Jahrhundert während der Auseinandersetzungen zwischen den Königreichen Frankreich-Venedig und Österreich-Spanien auf die falsche Seite, die österreichisch-spanische, geschlagen und verloren in der Folge im Tal rasch an Bedeutung. Am Ende des 18. Jahrhunderts wanderte Giovanni de Castelmurs Vater, ein Fuhrmann aus Stampa, nach Marseille aus und erwirtschaftete dort durch Spekulationen und später, wie zahlreiche Bündner, durch eine Zuckerbäckerei viel Geld. 1834 kehrte er ins Bergell zurück.

Nach seinem Tod setzte Sohn Giovanni mit dem Anbau des Palazzo ein Zeichen. Er nannte sich Baron, nachdem er diesen Titel in Frankreich aufgrund wohltätiger Verdienste erhalten haben soll. Andere Quellen besagen jedoch, er habe sich den Titel gekauft. Mit seiner Frau und Cousine, Baronin Annetta de Castelmur, bewohnte er das Haus. Da er als Kaufmann oft unterwegs war, verbrachte die Baronin viel Zeit allein im Palazzo. Das Paar blieb kinderlos. Sporadisch sollen Frauen aus dem Dorf der Baronin im Haushalt geholfen haben. Nach dem Tod des Barons bewohnte Annetta de Castelmur das Haus noch 21 Jahre allein.

An die Einsamkeit dieser Frau erinnern die subtilen wie witzigen Arbeiten der Zürcher Künstlerin Zilla Leutenegger. Gleich im grossen Hauseingang trifft man auf einen schlafenden Hund. Das gezeichnete Tier ist auf ein samtrotes Canapé projiziert. Real ist neben dem Hundecanapé auch das mit Stacheln besetzte Halsband an der Wand. Ob die Baronin Hunde hielt, ist nicht überliefert. Auch nicht, ob Hundecanapé und Halsband einst ihr gehörten. Aber Zilla Leutenegger reizt das Thema der Einsamkeit noch weiter aus. Im Speisesaal, in dem kaum je Gäste getafelt haben, lässt sie an der Wand einen imaginären Champagnerbrunnen sprudeln. Auf dem Tisch steht ein Gläserturm, ein Spiel mit der Irritation von Schatten und Projektion. Zugleich erscheint im Nebenzimmer wie durch Geisterhand ein Schriftzug an der Wand. Man meint, in den einsamen Räumen das Schnarchen der Baroness zu vernehmen.

Laut, schnell und heftig

Die Geschichte des Hauses ist eng mit der wechselvollen Geschichte des Tals verknüpft. Durch das Bergell verlief zu Römerzeiten einer der wichtigsten Verbindungswege zwischen Norden und Süden. Später, im Mittelalter, kontrollierten die Bischöfe von Chur den Passübergang über den Septimer und setzten im Tal loyale Lehnsherren ein, die die Strassen unterhalten mussten, dafür aber Weggeld erheben durften. Die Castelmurs waren eine dieser Familien.

Im 18. Jahrhundert zwang die Armut viele der TalbewohnerInnen zur Auswanderung. Das enge Tal war umgeben von einem mentalen Geländer, dem nur nach oben über den Septimer oder den Maloja oder unten über Chiavenna zu entfliehen war. Christoph Rütimann hat es quer hindurch angeschnitten. Laut, schnell und heftig – eine Art reales Computergame – ist seine Arbeit. Der 58-Jährige, bekannt für seine «Handläufe», Geländer, die er in aller Welt mit einer Handkamera abfährt, legte einen solchen Handlauf vom Piz Duan oberhalb des Palazzo bis hinunter zum Fluss, der Maira. Mithilfe von Einheimischen wurden so 1325 Höhenmeter überwunden. Auf drei Bildschirmen im Hauseingang ebenfalls auf einem Geländer installiert, kann die rasante Talfahrt der Kamera durch Schneefelder, Maiensässe, Wald, Erdhügel und Wiesen und schliesslich den Palazzo Castelmur selbst verfolgt werden. Die Sogwirkung des Bilds lässt sich mit der jener Videogames vergleichen, bei denen sich die Helden aus der Ich-Perspektive rennend kreuz und quer durch vorgegebene Wege kämpfen müssen.

Strom für das Tal und für die Kunst

Der in Deutschland lebende Bieler Eric Lanz spielt mit seiner schlichten Arbeit auf prähistorische Zeiten an, auf die Formung von Landschaft, Berg und Tal, aber auch auf die Vergänglichkeit und das Zeitgefühl an sich. In einer weiss getünchten Kammer neben dem grünen Schlafzimmer der Baroness zeigt er ein meditatives Video. Lanz liess schwarze und weisse Temperafarbe ineinanderfliessen und trocknen. Bild und Raum gehen ineinander über. Die mit Video festgehaltenen Bilder malen – im Zeitraffer wiedergegeben – sich selbst. Es entstehen hypnotisierende Landschaften, wie sie auch draussen vor der Tür des Palazzo zu sehen sind.

Mit einem gespenstischen Video führt Evelina Cajacob zurück zur Bodenständigkeit und zur Handarbeit der Frau. Während sich zu Auswanderungszeiten viele Männer draussen in der Welt aufhielten und Handel und anderes trieben, sassen die Frauen oftmals zu Hause und besorgten Haus und Hof. Daran knüpft die Bündner Künstlerin mit «Incrésciar-LangeZeit» an. Sie liess sich von einer älteren Frau aus Stampa Coltura – die Frau lebt gleich gegenüber dem Palazzo Castelmur – Schafwolle verspinnen. Den Faden wickelte die Künstlerin in monotoner Arbeit zu einem grossen Knäuel. Das Bild der arbeitenden Hände scheint traumartig aus der Wand einer der alten Stuben im vorderen Teil des Hauses zu steigen. Ursprünglich wollte Cajacob mit dem Faden die Verbindungen vom Tal aus in alle Welt herstellen. Gelungen ist ihr in der Reduktion auf die Schlichtheit der Handarbeit die wohl bewegendste und eindrücklichste Auseinandersetzung mit dem Ort und seiner Geschichte.

Die Verbindungen zur Aussenwelt waren für das Überleben im Tal immer schon fundamental. Heute spülen beispielsweise die Elektrizitätswerke der Stadt Zürich (EWZ) der 1600-Seelen-Gemeinde Bergell einen willkommenen Wasserzins in die Kasse. Symbol für die Wasserkraft ist die Albigna-Staumauer hoch über dem Tal. Die Berner Künstlerin Simone Zaugg hat für die «Video Arte Castelmur» in den kathedraleartigen Räumen der Mauer unter dem Titel «Berg und Beton» eine Performance gefilmt. Unklar bleibt leider, was sie mit ihrer Arbeit aussagen möchte. Natürlich, ohne die Steckdose wäre ihre Videoarbeit gar nicht zu sehen, und ohne die Sponsorengelder der EWZ gäbe es auch diese Ausstellung nicht. Kritische Stimmen gegen die EWZ im Tal sind inexistent. Mit externen GeldgeberInnen möchte es sich im Bergell niemand verderben – auch heute nicht.