Nr. 22/2014 vom 29.05.2014

Vom Tierarzt zum Elefantenjäger

Schwache staatliche Strukturen begünstigen den Elfenbeinschmuggel. Die Jagd auf das weisse Gold hat stark zugenommen – jährlich werden etwa 40 000 Tiere erlegt.

Von Bettina Rühl, Serengeti-Nationalpark, Tansania

Im Hafen der kenianischen Küstenstadt Mombasa herrscht wie immer viel Betrieb. Die Containerterminals sind erfüllt vom Lärm der Ladekräne, Lastwagen und ArbeiterInnen. Hier werden Waren aus Kenia und den Nachbarländern umgeschlagen, vor allem landwirtschaftliche Produkte wie Tee oder Kaffee. Ausserdem ist Mombasa ein wichtiges Drehkreuz für den Schmuggel von Gold, Diamanten, harten Drogen, Mineralien und Elfenbein. Nicht selten entdecken die Behörden Container voller Stosszähne. Bei einer erfolgreichen Razzia im vergangenen Jahr wurden über drei Tonnen Elfenbein beschlagnahmt. Die SchmugglerInnen hatten die Stosszähne in kleinere Teile zerlegt, um sie besser verstecken zu können. «Wir haben über 444 Elfenbeinstücke gezählt», bestätigte damals Fatma Yusuf, die stellvertretende Leiterin der kenianischen Steuerbehörde. Sie war eigens die rund 450 Kilometer aus der Hauptstadt Nairobi nach Mombasa gereist, um sich die illegale Ware anzuschauen. Deren Wert betrug nach offiziellen Angaben über 1,3 Millionen US-Dollar.

Die kenianischen Behörden werden im Hafen von Mombasa und anderswo immer häufiger fündig. Allein in der ersten Jahreshälfte 2013 wurden in Kenia 7,5 Tonnen Elfenbein sichergestellt, mehr als den Behörden im gesamten Vorjahr 2012 ins Netz ging. Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass der illegale Handel mit Elfenbein blüht. Für die Elefanten ist das dramatisch: Bis zu 40 000 Tiere werden jedes Jahr in Afrika erlegt, schätzt die Frankfurter Zoologische Gesellschaft. Sie geht von einem Restbestand von 300 000 Tieren aus. Hält die Wilderei in diesem Ausmass an, werden die Elefanten in spätestens zehn Jahren ausgerottet sein.

«Wir brauchen grosskalibrige Gewehre»

Einer der Gründe für den Anstieg der Wilderei sei schlicht die Tatsache, dass es immer mehr Wilderer gebe, sagt Paul Mbugua von der kenianischen Wildtierbehörde Kenya Wildlife Service. «Die Preise für Elfenbein sind auf dem Schwarzmarkt sehr hoch, das zieht Wilderer an.» Und immer mehr Hintermänner. «Man darf nicht vergessen, dass hinter der Wilderei und dem Schmuggel mit Elfenbein ein kriminelles Netzwerk steht», sagt Mbugua. «Jeder Einzelne ist nur ein Rädchen im Getriebe.»

«Ein Schuss muss reichen», sagt der Wilderer: Kadaver eines jungen Elefanten. Foto: Nurie Ortega

Eines dieser Rädchen ist der Mann, der jetzt auf seinem einfachen Sofa sitzt, in einem Steinhaus zwanzig Kilometer westlich des Serengeti-Nationalparks in Tansania. Er ist bereit, über alles zu reden, will aber anonym bleiben. Sein Blick ist offen und intelligent. Der Mann ist 56 Jahre alt und jagt seit zwanzig Jahren Elefanten. Davor besuchte er eine höhere Fachschule und wurde Tierarzt, fand aber nie eine Stelle in seinem Beruf. Deshalb hielt er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und versuchte, einen Kleinhandel aufzubauen, bis er von einem viel lukrativeren Geschäft erfuhr. «Damals kamen die ersten Käufer zu uns ins Dorf und fragten nach Elfenbein», erzählt er. Von da an hörte er immer mal wieder, dieser oder jener habe Elfenbein verkauft. Die Rede war von Gewinnen von bis zu 550 000 US-Dollar pro Verkauf.

Solche Summen werden unter allen Beteiligten aufgeteilt, für jeden muss es ein paar Tausend US-Dollar geben. Genaue Angaben macht aber niemand. «Natürlich denkt man sofort, dass man auch so viel Geld verdienen will», gibt der Wilderer zu. Er war damals frisch verheiratet, wurde Vater und hatte grosse Mühe, den Lebensunterhalt für seine Familie zu verdienen. «Die Sache mit dem Elfenbein war vergleichsweise einfach, die Käufer kamen ins Dorf, wir mussten nur liefern.» Der ausgebildete Tierarzt stieg also in den Handel ein. Anfangs hatte er Angst: vor dem illegalen Geschäft, vor den Waffen, vor den Elefanten. «Ich wusste ja noch nicht einmal, wie ich ein so grosses Tier möglichst schnell töten kann.» Doch die Wilderer gehen fast immer in Gruppen auf die Jagd. So lernte er von den anderen zum Beispiel, dass er sich den Elefanten gegen den Wind nähern muss, damit sie ihn nicht riechen. «Aber – ein Elefant bleibt ein Elefant. Der ist immer gefährlich.»

Ihre Waffen bekämen sie von Soldaten oder Wildhütern, die für einen Anteil an der Beute oder für Geld mit den Wilderern kooperieren. «Wir brauchen grosskalibrige Gewehre», sagt der Wilderer. Die Zusammenarbeit mit der Polizei sei deshalb für sie eher uninteressant. «Eine Kalaschnikow, mit der man sieben oder acht mal schiessen muss, bis ein Elefant tot ist, macht viel zu viel Lärm.» Ein Schuss müsse reichen. «Wenn die Wildhüter sich noch fragen, ob da was war, sind wir schon wieder weg.» Manchmal stellten auch die Käufer Waffen oder Munition, dann werde die Ware für sie billiger. «In jedem Fall gehe ich erst los, wenn ich einen Auftrag habe», erzählt er. «Das Elfenbein bei mir zu lagern und nach einem Käufer zu suchen, wäre viel zu gefährlich.»

Seine Gewinne hat der Mann gut investiert. Er lebt mit den jüngeren seiner inzwischen acht Kinder in einem Steinhaus mit drei kleinen Zimmern. In dieser Gegend, in der die meisten Leute in Lehmhäusern mit Strohdach wohnen, gilt er als wohlhabend. Durch die Haustür betritt man direkt das kleine Wohnzimmer, in dem eine Couch, ein Schrank und ein Fernseher stehen. Alles ist sehr sauber und ordentlich. An den Wänden hängen laminierte Tierfotos, vielleicht alte Kalenderblätter. Sie zeigen Geparden, Giraffen, Zebras und Elefanten. Vor dem Haus gibt es ein Gehege mit zwanzig Kühen und zehn Ziegen. So viel Vieh kann sich in seinem Dorf niemand leisten, der sein Geld auf ehrliche Weise verdient.

Der Wilderer nimmt eins der Bilder von der Wand, um zu zeigen, wie weit die Stosszähne unter der Haut in den Schädel reichen, wie tief man also hacken muss, um das gesamte Elfenbein herauszubekommen. Das Bild, sagt er, zeige eine Elefantenkuh, ein besonders prächtiges Tier. «Bis zum Ohr musst du schneiden, schon bei einer Kuh», erzählt er, während sein Zeigefinger über das Foto fährt. «Bei einem Bullen noch tiefer, der hat viel grössere Stosszähne.» Trotz seiner tiermedizinischen Kenntnisse präpariert er das Elfenbein nicht sauber heraus, die Wilderer arbeiten mit Macheten oder Äxten, was grossen Kraftaufwand erfordert. Jederzeit können Wildhüter auftauchen und auf die Wilderer schiessen, deshalb muss alles schnell gehen.

Der Weg des Elfenbeins

Er frage sich oft, wohin das Elfenbein gehe, nachdem er es verkauft hat. «Der Markt verändert sich, aber ich durchschaue das nicht», sagt er. «Ich kenne nur die Mittelsmänner, die zu mir kommen. Sie müssen Hintermänner haben, Leute, die in der Lage sind, die Ware ins Ausland zu bringen.» Die Hintermänner wiederum brauchen Netzwerke. Ahnt er denn, wer dahinter steckt? Der Mann lacht kurz auf. «Wie sollte ich das wissen? Das Netzwerk muss weitverzweigt sein. Ich selbst wäre ja nie in der Lage, mein Elfenbein nach Asien zu schaffen.»

Die Verantwortlichen müssen einflussreiche Persönlichkeiten sein. Von denen sehen die Menschen hier allenfalls Schatten. Der Wilderer erzählt, dass bei ihnen im Dorf einmal 200 Stücke Elfenbein entdeckt wurden. Die wertvolle Ware fand man «im Auto eines Bezirksrates, der gleichzeitig Richter war. Er fuhr mit dem Elfenbein herum, es waren mehr als achtzig Kilo.» Bevor der Richter eines Tages aufflog, hatte er schon viele Leute wegen Elfenbeinschmuggels in Gefängnis gebracht. «Er galt als harter Hund. Dabei war er selbst einer der Mittelsmänner.» Er nutzte sein Richteramt, um bequem KonkurrentInnen aus dem Weg zu schaffen.

Den Beteuerungen der tansanischen Regierung, sie wolle jetzt härter gegen Wilderei und den Elfenbeinschmuggel vorgehen, glaubt der 56-Jährige nicht. «Einige Politiker meinen das sicher ernst, andere nicht.» Zudem gebe es viel zu viele Schlupflöcher. «Ein Wilderer, der verhaftet wird, kommt im besten Fall vor Gericht. Dort fragt ihn der Richter nach Geld, der Staatsanwalt will auch welches, und wenn er bezahlt, kommt er frei.» Meist kommt es aber gar nicht so weit, weil ihn schon die Polizei, die ihn verhaftet hat, gegen etwas Schmiergeld wieder freilässt.

Schwache staatliche Strukturen

Doch die Korruption innerhalb des Polizei- und Justizapparats ist nur ein Teil des Problems. «Wenn internationale kriminelle Kartelle in einem Land tätig sind, gerät die Justiz unter zusätzlichen Druck», sagt Gerhard Van Rooyen vom Uno-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC). In vielen Staaten der Region seien Justiz und Polizei ohnehin zu schwach, um die steigende Kriminalität zu bekämpfen. «Wenn in einem solchen Umfeld dann noch Kartelle operieren, sind sie völlig überfordert.» Aus Sicht von UNODC und Interpol geht es beim Kampf gegen Wilderei und Elfenbeinschmuggel nicht nur um den Artenschutz und den Fortbestand von Elefanten und Nashörnern, sondern auch um Menschenleben. Dutzende Wildhüter und Wilderer sterben jedes Jahr bei Kämpfen in der Savanne. Gefährdet sind auch Zeugen, Ermittlerinnen und Konkurrenten. «Solche internationalen Kartelle haben immer wieder bewiesen, dass sie vor gar nichts haltmachen», erinnert Van Rooyen. «Sie sind dafür bekannt, dass sie Zeugen bedrohen und Gewalt anwenden, um ihre Ziele zu erreichen. Damit gefährden sie die Sicherheit innerhalb der Gesellschaft.» Und die Stabilität einer ganzen Region. Doch weder UNODC noch Interpol wissen, wer hinter diesen Kartellen steckt.

Es ist ein Teufelskreis. Der Elfenbeinschmuggel konnte in der Region nur deshalb so stark zunehmen, weil die staatlichen Institutionen so schwach sind. Siebzig Prozent des illegal gehandelten Elfenbeins werden laut Uno über Kenia, Tansania und Uganda verschoben. Zwar leben in diesen Ländern auch die meisten verbliebenen Elefanten, aber das ist nicht der einzige Grund. Die drei Staaten sind wichtige Herkunfts- und Transitländer, weil ihre schwachen staatlichen Strukturen illegale Geschäfte begünstigen. Über die Häfen von Kenia und Tansania wird ein grosser Teil des Elfenbeins verschifft. Die illegale Ware kommt auch aus den Nachbarländern, etwa der Demokratischen Republik Kongo und der Zentralafrikanischen Republik, wo die staatlichen Strukturen noch maroder sind. Das alles findet statt, obwohl der Handel mit Elfenbein und dem Horn von Nashörnern seit Jahren verboten ist. Die Tiere sind über das Washingtoner Artenschutzübereinkommen Cites geschützt. Doch der Preis für Elfenbein ist so drastisch gestiegen, dass die Verbote kaum nützen. Der Mann in seinem Steinhaus hinter der Serengeti bringt es mit ein paar Worten auf den Punkt: «Alle wollen Geld. Alle.»

Ein lukratives Geschäft

Der Wert des weissen Goldes

Der weltweite Umsatz mit Elfenbein und dem Horn von Nashörnern beträgt nach Schätzungen der internationalen Polizeibehörde Interpol jedes Jahr sieben bis acht Milliarden Franken. Das ist mehr als der jährliche Haushalt vieler afrikanischer Länder. Und der Trend ist weiter steigend. Interpol nimmt an, dass sich der Elfenbeinschmuggel seit 2007 verdoppelt hat.

Nach Uno-Schätzungen sind zwei Drittel des Elfenbeins aus Ostafrika für China bestimmt. Dort wird es zu aufwendigen Schnitzfiguren verarbeitet, die viele Tausend Franken kosten. Bei der schnell wachsenden chinesischen Mittelschicht sind die Figuren als Statussymbole begehrt. Wegen der hohen Nachfrage wird das Angebot knapp, die Preise sind drastisch gestiegen. Nach Angaben des Uno-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) kostet das Kilo Rohelfenbein auf dem chinesischen Schwarzmarkt zurzeit 1800 US-Dollar. Noch 2002 waren es nur 100 US-Dollar.

Ein grosses Problem auf dem asiatischen Markt stellt eine neue Regelung dar. Seit 2008 darf in China Elfenbein aus Lagerbeständen bestimmter Länder im südlichen Afrika verkauft werden. Diese Ausnahmegenehmigung wurde im Artenschutzabkommen Cites festgehalten. Das legale Elfenbein kann allerdings nur einen kleinen Anteil des chinesischen Bedarfs decken. So dienen ein paar Dutzend Tonnen Elfenbein, die legal verkauft werden dürfen, als Deckmantel für Hunderte von Tonnen an Schmuggelware, die darüber «gewaschen» und als legal etikettiert werden. Dabei kann die Herkunft jedes Stücks Elfenbein nach Angaben von Interpol inzwischen mithilfe von DNA-Analysen zweifelsfrei bestimmt werden. Die Unterscheidung zwischen legalem und illegalem Elfenbein ist also völlig unproblematisch. «Aber niemand will das», bedauert Artenschutz-Ermittler Bill Clark von Interpol. Denn am Elfenbein hängt in Asien eine ganze Industrie, ob sie nun legal ist oder nicht.

Bettina Rühl

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