Nr. 22/2014 vom 29.05.2014

Mit pinkfarbenem Sari und Lathi

Die unerschrockene Sampat Pal und ihre Gulabi Gang kämpfen im indischen Uttar Pradesh gegen Gewalt und Korruption.

Von Ulrike Baureithel

Nach den Massenvergewaltigungen sind die Frauen Indiens ins mediale Weltinteresse gerückt. Was auf- und abschwellende Empörungswellen gegen die traditionelle Witwenverbrennung nicht vermochten, die massenhafte Tötung weiblicher Föten und das zähe Ringen indischer Frauen, durch Kleinstkredite die Subsistenz ihrer Grossfamilie zu sichern, das hat der Aufschrei gegen die alltägliche Gewalt zuwege gebracht: Wir sind da. Wir wehren uns. Mit allen Mitteln.

Meist handelt es sich dabei um Frauen in den Städten. Von der Provinz, zumal von den ärmsten und am meisten zurückgebliebenen Gebieten wie Uttar Pradesh – dem «Nordstaat» – ahnen wir wenig. Uttar Pradesh ist der grösste indische Teilstaat, in dem über 200 Millionen Menschen leben, so viele wie in Deutschland, Britannien und Frankreich zusammen. Er wird auch «Indiens wilder Westen» genannt, weil die Hoffnung auf Recht und Gerechtigkeit längst erloschen ist und das politische Banditenwesen die Macht übernommen hat.

Polizei in Schockstarre

Doch in einer seiner Provinzen, Bundelkhand, wurde plötzlich eine seit langem vernachlässigte Strasse repariert. Und die Polizeistation von Atarra in Schockstarre versetzt. Der Grund: Frauen. Genauer gesagt: eine Frau und ihre Gang. Ihnen hat die aus Pakistan stammende, in Österreich aufgewachsene und in Brüssel lebende Autorin Amana Fontanella-Khan nun ein Buch gewidmet: «Pink Sari Revolution».

Die Frau, um die es geht, heisst Sampat Pal, und der Name der von ihr gegründeten Gulabi Gang geht auf ein Erkennungszeichen zurück: Wer ihr angehört, trägt einen pinkfarbenen Sari – und einen Stock, den Lathi, mit dem sich die Gangmitglieder verteidigen. 2006 tauchte Sampat Pal mit einer Gruppe von Frauen auf der Polizeistation von Atarra auf, weil ein Mann grundlos inhaftiert worden war und seine Ehefrau bei ihr Hilfe gesucht hatte. Es kam zum Handgemenge, der Revierleiter wurde gefesselt, die Frauen erzwangen schliesslich die Freilassung des Manns.

Und bei Sampat Pal verdichtete sich die Erfahrung, dass nur eine zahlenmässige Übermacht und die Einigkeit etwas bewirken können. Sie überzeugte zunächst ein paar Dutzend Frauen, sich zu organisieren, und der Schneeballeffekt sorgte dafür, dass sich bald über 20 000 Frauen aus den ärmsten Schichten, häufig Witwen, der Gruppe anschlossen und sich in den pinkfarbenen Sari hüllten. Die Gulabi Gang wurde zu einem Machtfaktor. Ihr Ziel: Gleichheit und Gerechtigkeit für die Frauen armer Kasten. Ihr mächtigster Gegner: die korrupte indische Polizei.

Im Mittelpunkt des Buchs steht ein Ereignis, das Sampat Pal und die Gulabi Gang auch über die regionalen Grenzen hinweg berühmt gemacht hat. Im Dezember 2010 wird eine junge Frau, Sheelu, verhaftet. Sie lebte, nachdem sie ihrem Vater davongelaufen war, unter etwas unklarem sozialem Status bei einem Abgeordneten. Dwivedi, so der Name des Politikers, hat Sheelu nun vorgeworfen, ihm 4000 US-Dollar gestohlen zu haben. Sampat Pal, inzwischen Anlaufstelle für derartige Notfälle, beginnt zu recherchieren. Sie ist davon überzeugt, dass hier ein schwerer Fall von Korruption vorliegt, in den die schlimmsten Politiker, die mit Gewalt und Schrecken in Uttar Pradesh herrschen, verwickelt sind.

Das Leben in der Provinz

Sheelu, die nach dem Tod ihrer Mutter keine Schule mehr besuchen durfte, sondern den Haushalt führen musste, ist, so stellt sich heraus, vergewaltigt worden. Sampat Pal deckt die Zusammenhänge auf und organisiert mit ihrer Gang den Kampf für Sheelus Freilassung – und gerät dabei zwischen die Fronten. Am Ende wird Sheelu zwar aus der Haft entlassen und Dwivedi angeklagt, doch das Mädchen lebt fortan in ständiger Angst vor Dwivedis Rächern.

In die Geschichte von Sheelu, für indische Verhältnisse eher der Normalfall als die Ausnahme, webt Fontanella-Khan zahlreiche andere Schicksale. Vorab natürlich dasjenige Sampat Pals, die, wie viele Frauen ihrer Kaste, mit zwölf Jahren heiratet und mit Anfang zwanzig bereits fünf Kinder hat, sich aber allmählich aus den Abhängigkeiten befreit – nicht zuletzt, weil sie Nähen gelernt hat: Sie ist, charakterisiert sie die Autorin, «eine schwer fassbare Frau mit Fernweh und grossen Träumen, in denen kein Platz für den Ehemann war». Dass sie ihre eigenen Töchter ebenfalls viel zu früh verheiratete und sich der Familie entzog, ist für die Frauenrechtlerin kein Widerspruch: «Ich bin jedermanns Mutter», wehrt sie die Ansprüche der Familie ab.

Neben Sampat Pal werden noch viele andere AkteurInnen porträtiert, was erzähltechnisch mitunter Verwirrung stiftet, gleichzeitig aber auch etwas von der Vielfalt der indischen Gesellschaft einfängt. Die grösste Stärke Fontanella-Khans jedoch liegt in ihren detaillierten und überaus anschaulichen Beschreibungen des Lebens in der indischen Provinz, wo nicht nur Armut, sondern auch Aberglaube herrschen und es Frauen sehr viel Kraft kostet, aus den traditionellen Gemeinschaften auszubrechen. Die zweijährigen Recherchen und die ungezählten Gespräche, über die die Autorin im Nachwort ausführlich berichtet, gehen weit über das Porträt der Gulabi Gang hinaus. Deren Schwäche leugnet Sampat Pal nicht: «Das Gesetz steht nicht auf unserer Seite.»

Deshalb hatte sie sich 2011, acht Monate nach der Entlassung Sheelus aus dem Gefängnis, entschlossen, für die mittlerweile abgewählte Kongresspartei zu kandidieren. Nicht alle MitstreiterInnen begrüssten das, denn viele haben Angst, auch Sampat Pal könne der allgegenwärtigen Korruption in Indien verfallen. Doch Sampat Pal ist sich ihrer Rolle als Ausnahmefrau bewusst: «Ich bekomme viele Angebote, unrecht zu tun. Aber ich bin nicht unrecht – deswegen kann nicht jeder eine Sampat Pal werden.» Wäre es so, bräuchte es auch keine Gulabi Gang.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch