Nr. 10/2013 vom 07.03.2013

Die indische Banditenkönigin der Herzen

Sie liess sich nichts gefallen, wehrte sich auch gewaltsam – und war ungemein populär. Jetzt hat der Laika-Verlag Phoolan Devi ein kleines Denkmal gesetzt.

Von Brigitte Matern

«Womit habe ich eine Tochter wie dich verdient, Phoolan? Warum habe ich dich auf die Welt gebracht? Ich schäme mich so», sagte ihre Mutter einst, als sie noch ein Teenager war.

Wenige Jahre später strahlte die Mutter vor Stolz, denn ihre Tochter war in aller Munde, eine Heldin, über die Filme gedreht und Bücher geschrieben wurden. Phoolan Devi, Indiens Banditenkönigin: 1963 geboren, mit 11 Jahren verheiratet, mit 20 im Gefängnis, mit 33 Parlamentsabgeordnete. Sie wurde vergewaltigt. Nicht nur einmal und nicht nur von einem: von Polizisten, Gefängniswärtern, einer Horde Männer einer höheren Kaste und natürlich von ihrem Mann.

Was sie durchleben musste, hat sie zornig gemacht und stark. So zornig und stark sogar, dass die indische Regierung sie mit Tausenden Polizisten jagte, bis sie sich 1983 der Übermacht ergab. Der 13. Band der «Bibliothek des Widerstands» widmet sich dieser legendären Banditin, die elf Jahre ohne Prozess hinter Gittern sass und die am Ende mit ihrer Prophezeiung recht behielt: «Ich wurde in ein gewaltsames Leben hineingeboren. Und glauben Sie mir, ich werde eines gewaltsamen Todes sterben.» 2001 wurde sie ermordet.

Der Griff zur Waffe

Der nun im Laika-Verlag erschienene Band «Phoolan Devi» bietet eine Menge Informationen über die Sozialrebellin, die sich, in eine niedere Kaste hineingeboren, nicht willenlos in ihr Schicksal fügte. Die ihren gewalttätigen Mann verliess, sich gegen Unrecht zur Wehr setzte, vergewaltigt und ausgestossen wurde und schliesslich zur Waffe griff.

Wir erfahren aber auch viel über das Leben indischer Landfrauen – und bei der Lektüre wird verständlich, warum die Banditin Devi bereits früh zur Legende wurde: Das, was sie schon in jungen Jahren erlebte, war für Frauen niederer Kasten nicht aussergewöhnlich. «Ich half den Armen, indem ich ihnen Geld gab, und die Bösen bestrafte ich mit den gleichen Qualen, die sie anderen zufügten, denn ich wusste, dass die Polizei den Beschwerden der Armen nie Gehör schenkte», schrieb sie in ihrer Autobiografie. Und sie war stolz darauf, dass es als Warnung vor Übergriffen – manchmal auch erst danach – oft hiess: «Phoolan Devi wird dich dafür bestrafen.» Immerhin hatte sie sich an vielen ihrer Vergewaltiger, auch ihrem Ehemann, gerächt.

All das schildern die AutorInnen des Buchs, die auch die derzeitigen Verhältnisse in Indien beleuchten. Schade nur, dass Hilmar Königs Beitrag über die heutigen NaxalitInnen vor allem aus lieblos aneinandergereihten Textcollagen besteht: Hier die Zusammenfassung eines Artikels von Arundhati Roy, die 2010 zu den Aufständischen reiste und mit grossem Respekt vor deren Engagement für die Rechte der Landbevölkerung zurückkehrte; dort Auszüge aus kommunistischen Parteiprogrammen und Kommentare indischer Frauengruppen. Wer mehr über die NaxalitInnen erfahren will, findet in den Artikeln des WOZ-Korrespondenten Joseph Keve weitaus bessere Einschätzungen (siehe etwa «Mit Pfeil und Bogen» in WOZ Nr. 7/05).

Aber dafür enthält der Band – wie alle Bücher der «Bibliothek des Widerstands» – DVDs mit Dokumentarfilmen. Der Film «Phoolan Devi – Rebellion einer Banditin» (1993 gedreht) spürt den Legenden nach, die sich bereits zu Lebzeiten um diese Frau rankten. Und zeigt historische Aufnahmen eines Interviews: Da sehen und hören wir die Frau, die die Armen und Unterdrückten wieder an Gerechtigkeit glauben liess.

20 000 Unterhosen

Im zweiten Film, «Pink Saris» (2010), steht ebenfalls eine starke Frau im Mittelpunkt: Sampat Pal, die Gründerin der inzwischen indienweit bekannten Gulabi Gang, einer Gruppe von Frauen, die in pinkfarbener Kleidung sich und anderen zum Recht verhelfen. Dieser Film konzentriert sich jedoch nur auf eine Person – und so ist es gut, dass man in einem Buchbeitrag erfährt, dass die Gulabi Gang keine One-Woman-Show ist, sondern bereits die Mittelschicht erreicht hat: Als im Jahr 2009 Anhänger der fundamentalistischen Hindugruppierung Sri Ram Sena Schülerinnen krankenhausreif prügelten, rief eine «Pink Underwear Resistance» per Internet zum Protest mit pinkfarbenen Schlüpfern («wenn möglich schon benutzt») auf. Das Sri-Ram-Sena-Büro versank darauf in 20 000 pinkfarbenen Unterhosen.

«Phoolan Devi» bietet viele interessante Einblicke. Und auch wenn man sich da und dort eine lektorisch ordnende Hand gewünscht hätte: Der Band mit seinen Filmen ist überaus empfehlenswert.

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