Nr. 23/2014 vom 05.06.2014

Das Herrenmenschenkind

Von Geri Krebs

Kreditblasen und wahnwitzige Spekulationen einer Finanzwelt, die jenseits der Realität operiert: Die zeitgeschichtlichen Hintergründe im Film «Ilo Ilo» erscheinen vertraut, wie auch die Landschaften der Bürotürme und sterilen Shoppingmalls. Doch das Debüt des 1984 in Singapur geborenen Regisseurs Anthony Chen spielt nicht während der Subprime-Krise, sondern ein Jahrzehnt früher, Mitte der neunziger Jahre, als die zuvor hochgelobten Volkswirtschaften der südostasiatischen «Tigerstaaten» im Verlauf der Asienkrise reihenweise an den Rand des Kollapses gerieten. Der Stadtstaat Singapur zählte damals mit rund 2,5 Millionen Menschen gerade mal halb so viele EinwohnerInnen wie heute.

Dass «Ilo Ilo» nicht in der Gegenwart spielt, zeigt sich am deutlichsten in den elektronischen Gerätschaften: graue Mac-Computer, Schnurtelefone, unförmige Handys – und die für Kids unvermeidlichen Tamagotchis. Natürlich hat auch Jiale (Koh Jia Ler), kindlicher Held des Films, so ein elektronisches Küken, das sein Vater irgendwann bei einer Autofahrt gewaltsam behändigt und aus dem Fenster wirft. Dies, weil ihm der Geräuschpegel des Dings auf den Geist geht und er seinem schwierigen Sohn – heute würde man ihn wohl mit dem Kürzel ADHS abstempeln – zu viel Ablenkung ersparen möchte. Doch es ist nicht nur der kleine Jiale, der auffälliges Verhalten an den Tag legt. Viel unangenehmer als der Sprössling ist die Mutter, die die philippinische Nanny Teresa mit übelster Herrenmenschenattitüde behandelt.

Kein Wunder, dass Jiale solches Verhalten zunächst kopiert – bevor inmitten krisenbedingter Turbulenzen eine langsame Annäherung stattfindet in diesem ans Herz gehenden Film, der letztes Jahr in Cannes mit der Caméra d’Or für den besten Erstling ausgezeichnet wurde. Der so schön lautmalerische Titel bezeichnet übrigens eine Stadt auf der philippinischen Insel Panay.

Ab 5. Juni 2014 in den Kinos.

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