Nr. 23/2014 vom 05.06.2014

Sieben Tage Teheran

Wenn ein Schweizer Autor an der internationalen Buchmesse in Teheran eine Lesung gibt: Notizen über Eindrücke, Beobachtungen und Begegnungen.

Von Franz Hohler

Franz Hohler in Teheran: «Ich erfahre, dass ich, ob ich das will oder nicht, Botschafter meines Landes bin.» Foto: Archiv Franz Hohler

Die internationale Buchmesse findet in einer Moschee statt.

Die Stände mit religiöser Literatur sind um ein Mehrfaches grösser als die mit Belletristik, sind sozusagen in den Seitenschiffen, aber sie sind leer. Die Leute strömen zu den weltlichen Ständen.

Der Muezzin dröhnt aus Lautsprechern durch die Hallen und ruft so laut zum Mittagsgebet, dass man die Stimme anheben muss, wenn man mit jemandem spricht.

Das Zelt mit den internationalen Verlagen steht ganz am Rand des Moscheegeländes.

Vier meiner Bücher sind auf Persisch übersetzt, und mit Ali Abdollahi, dem Übersetzer meiner «Wegwerfgeschichten», habe ich eine erste Lesung auf der Buchmesse.

Franz Hohler mit Sabine Gruber und David Wagner. Foto: Archiv Franz Hohler

«Ich komme aus Maschhad», sagt eine Schauspielerin nach meiner Lesung.

«Wir sind Armenier», sagt mir eine Frau, die für ihre beiden Töchter um ein Autogramm bittet, mir scheint, mit verhaltener Stimme.

Viele kommen von weither zur Buchmesse, um sich für ein Jahr mit Büchern zu versorgen, die sie in der Provinz nicht bekommen. Die Zahl der Verlage und der Bücher ist erstaunlich, auch die Zahl der Übersetzungen, von Ernest Hemingway bis Franz Kafka, von Max Frisch bis Gabriel García Márquez.

Wer hier ausstellen will, braucht eine staatliche Erlaubnis.

Foto: Archiv Franz Hohler

Der Cheshmeh-Verlag, einer der renommiertesten des Landes, erhielt vor drei Jahren ein zweijähriges Messeverbot, weil er ein Projekt mit einem Buch hatte, das der Regierung nicht genehm war. Dieses Jahr hätte er wieder ausstellen dürfen, aber aus Protest lehnte er ab.



In den Übersetzungen fällt alles, was mit Sex, Alkohol oder Gott zu tun hat, weg. Wenn in einem übersetzten Buch steht: «Sie tranken ein Getränk», wissen alle, dass es sich um etwas Alkoholisches handelt. Allerdings führt das auch dazu, dass man, wenn sich zwei in einem Café treffen und eine ganz normale Cola trinken, vermutet, es müsse Bier oder Wein sein.

Niemand von den Leuten, die ich treffe, Autoren, Übersetzer, Verleger, Journalisten, glaubt, dass sich das unter der neuen Regierung ändern wird. Diese sei, höre ich übereinstimmend, nur an einer aussenpolitischen Korrektur interessiert, wegen der Sanktionen.

Konkret sieht das so aus: Vor dem Haupteingang der Universität Teheran sind eine amerikanische, eine israelische und eine englische Flagge in den Boden eingelassen, sodass man sie zwangsläufig mit Füssen tritt, wenn man das Gebäude betritt. Kürzlich wurde der Haupteingang geschlossen, und ein Pfeil weist einen zum Nebeneingang. Man tritt also nicht mehr auf den Feind, aber die Flaggen sind noch da. Der Haupteingang kann jederzeit wieder geöffnet werden.

Auch ein riesiges Mauergemälde, auf dem Bomben aus den Streifen des amerikanischen Wappens fallen, mit der Aufschrift «Down with the USA!» wurde nicht übermalt.

Der Pessimismus ist gross.

Eine Iranerin, die in der Schweiz aufwuchs und seit zwei Jahren wieder hier lebt, erzählt allerdings, dass eine Satiresendung am Radio, die unter dem ehemaligen Staatspräsidenten Mahmud Ahmadinedschad gestrichen wurde, jetzt wieder im Programm ist, wenn auch mit andern Satirikern.

Mahmud Doulatabadi vergleicht das System mit dem Teppich unter seinen Füssen. Man könne nicht einfach ein Stück daraus ausschneiden. Doulatabadi ist einer der grossen iranischen Autoren, alle sprechen mit Respekt von ihm. Ein Übersetzer fragt mich, ob ich auch etwas von Teheran gesehen hätte, und ich antworte, ich sei mehr mit Menschen zusammengekommen als mit Sehenswürdigkeiten, erzähle von meinem Besuch bei Doulatabadi und sage, das sei für mich mindestens so schön wie eine Moschee, und er ruft aus: «Er IST eine Moschee!»

Doulatabadi wird auf Deutsch im Zürcher Unionsverlag publiziert, der mir auch seine Adresse gab. Als ich ihm sage, die Stelle in seinem Roman «Der Colonel», in welcher der Folterer während der Revolution beim Gefolterten Schutz sucht und auch bekommt, sei eine verrückte Situation, sagt er «Ja», und wenn er dies nicht geschrieben hätte, wäre er verrückt geworden.

Er trägt eine Vergangenheit mit sich herum, war zwei Jahre im Gefängnis, was, wie er sagt, eine grosse Erfahrung für ihn gewesen sei; sein «Colonel» darf im Iran nicht gedruckt werden, die deutsche Übersetzung wurde an der Buchmesse sogar aus dem Regal seines Verlags entfernt. Später kommt er zu einer Lesung, die ich mit David Wagner und Sabine Gruber in einer grossen Buchhandlung habe, er kommt zu spät, der Moderator unterbricht die Lesung und begrüsst ihn, und er wird mit einem warmherzigen Applaus empfangen.

Ein Journalist kann nicht verstehen, warum in meiner Fabel, in der sich ein Pressluftbohrer und ein Ei streiten, wer von beiden der Stärkere sei, der Pressluftbohrer gewinnt. Es sei wie im Leben, sage ich, auch wenn wir hoffen, der Schwächere gewinne, gewinne fast immer der Stärkere. Als der Journalist verständnislos den Kopf schüttelt, füge ich hinzu: «Aber natürlich hoffe ich selbst auch, dass das Ei gewinnt», da ballt er die Faust und sagt leidenschaftlich: «Ja, ja, ja!»

Ein Hauptanliegen der Leute, welche eine Lesung besuchen, ist es nicht, Fragen zu stellen, sondern ein Foto mit sich und den Autoren zu knipsen.



Im Institut für Persische Sprache wird vor der Lesung die persische Nationalhymne gespielt, dazu erscheinen auf der Leinwand iranische Landschaften, sanft überblendet mit einer flatternden Fahne des Landes, und kaum haben sich alle wieder gesetzt, erklingt «Trittst im Morgenrot daher», alle stehen wieder auf, während vorne das Berner Oberland zu sehen ist, vor dem eine Schweizer Fahne weht. Ich komme mir vor wie ein Fussballspieler und erfahre auf diesem Wege, dass ich, ob ich das will oder nicht, Botschafter meines Landes bin.

Die Nationalbibliothek ist ein stolzer Prunkbau auf einem Hügel. Der Prospekt über die Bibliothek beginnt mit der Überschrift «In the Name of God», und überall hängen Porträts der Mullahs, die genau Bescheid wissen über den Namen Gottes. Die Pulte, an denen man sich auf Computern informieren kann, sind in eine Männerreihe und eine Frauenreihe aufgeteilt. Die Männer sind mit «Brüder» angeschrieben, die Frauen mit «Schwestern». So heisst das seit der Revolution. Es gibt deutlich mehr Schwestern als Brüder, auch in den Lesesälen. In der Kantine sind die Männer in der Überzahl.

Viele schwarz gekleidete Frauen, alle mit Kopftüchern oder Schleiern oder mit dem nonnenhaften Ganzkörperanzug. Auf dem Basar allerdings sieht man verschiedenste Auslagen mit Slips und Büstenhaltern von Pink bis Knallgelb, wahrscheinlich findet unter all den schwarzen Gewändern eine Farbexplosion statt. Zu Hause können die Frauen ihre Haare zeigen, aber sobald sie das Haus verlassen, tarnen sie sich, als beträten sie Feindesland.

Im Bus sitzen die Frauen hinten, die Männer vorn. Das Billett wird am Schluss der Fahrt bezahlt, die Frauen steigen in der Mitte aus, gehen aussen am Bus entlang zum Chauffeur, um ihre Fahrt zu begleichen. Zwei Schweizer Iranerinnen, die uns begleiten, setzen sich mit mir in die vordere Hälfte, meine Frau auch, worauf ihr Gegenüber sofort aufsteht und einen andern Platz sucht. Ich denke an Rosa Parks, die in Alabama einen Platz im weissen Abteil eines Busses nicht freigab.



Ein Witz aus der Ahmadinedschad-Zeit: Warum hat Ahmadinedschad einen Scheitel? – Um die männlichen Läuse von den weiblichen zu trennen.

Es ist zwar durchaus üblich, dass sich Männer bei der Begrüssung küssen, aber es gilt als nicht sittsam, dass sie den Frauen zum Gruss die Hand geben, ein Leiter einer Institution kreuzt sogar die Arme über der Brust, um sich vor einem Händedruck meiner Frau zu schützen.

Und der Tanz ist verboten, wie zu Zwinglis Zeiten in Zürich.

Dabei treffen wir auf fröhliche, lebendige, interessierte, gastfreundliche, hilfsbereite Menschen, auf eine wunderbare Küche, die bis in die kleinste Imbissbude wirkt (oh, und der Granatapfelsaft!), und als wir oberhalb Teherans auf eine kleine Wanderung mitgenommen werden, sind wir unter ganzen Gruppen von Wanderfreunden, die mit Teleskopstöcken, Bergschuhen, Wanderhosen und Rucksäcken unterwegs sind, mit ausdauerndem Ernst die einen, mit ausgelassener Picknickfreude die andern, als wären wir auf dem Rigi oder dem Brienzer Rothorn.

Man richtet sich ein. Mit Revolutionen hat man hier keine guten Erfahrungen gemacht, die letzte, als Grüne Revolution bekannt, wurde 2009 erstickt. Wenn er wählen könne zwischen Diktatur und Bürgerkrieg, dann wähle er lieber die Diktatur, in der er abends nach Hause gehen könne, ohne von einer Granate getroffen zu werden, sagt mir einer, den sie wegen seiner Äusserungen als Professor aus der Uni rausgeschmissen haben. Was für eine Wahl, Bürgerkrieg oder Diktatur. Gibt es nichts dazwischen?

So viele Junge, die von ein paar versteinerten Alten regiert werden.

Im Haus der Künstler, wo wir eine Grafikausstellung ansehen, sind meine Frau und ich mit Abstand die Ältesten, während wir uns in Schweizer Museen eher unter unseresgleichen bewegen. Man spricht von siebzig Prozent der Bevölkerung, die unter dreissig sind.

Die längste Strasse Teherans hiess früher Mossadegh-Strasse, nach dem Ministerpräsidenten, der an der Uni Neuenburg doktorierte und einen Schweizer Pass bekam, der dann in den fünfziger Jahren die grosse englische Ölgesellschaft verstaatlichte und mithilfe der amerikanischen CIA gestürzt wurde. Heute heisst sie Vali-Asr-Strasse. Mit Vali Asr ist der zwölfte Imam gemeint, der vor Hunderten von Jahren auf rätselhafte Weise verschwand und auf dessen Wiederkunft die Schiiten bis heute warten. Wenn er kommt, soll er einem trockenen Brunnen entsteigen.

Wann, ist ungewiss.

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