Nr. 08/2005 vom 24.02.2005

Die Freiheit des Wanderers

In seinem 61. Lebensjahr wollte der Schweizer Schriftsteller «für das Alter üben» und unternahm wöchentlich einen Fussmarsch. In seinem neuen Buch erzählt er nun lapidar-hartnäckig von «52 Wanderungen».

Von Fredi Lerch

Auf dem Grat, der von der Bergstation Schönbühl westwärts über den Arnihaaggen zum Brienzer Rothorn führt, geht Franz Hohler am 4. September 2003 hinter L., seinem 83-jährigen Freund - dem er schon gefolgt ist, als L. noch Deutschlehrer und er selber Kantonsschüler war -, und denkt: «Da vorn gehe ich selbst, in zwanzig Jahren.» Bevor die beiden auf dem Rückweg später den Grat verlassen und zur Bergstation zurückgehen, sei L. stehen geblieben, schreibt Hohler, habe sich umgedreht und gesagt, «er müsse sich noch von der Landschaft verabschieden».

Vom Piz Bernina bis Niederbipp

Als sich Franz Hohler am 1. März 2003 - seinem 60. Geburtstag - für ein Jahr aus der Öffentlichkeit verabschiedete, schrieb er auf seiner Homepage, er wolle nun «für das Alter üben». Diese Formulierung findet sich wieder im ersten Abschnitt seines neuen Buchs mit dem Titel «52 Wanderungen». Nun präzisiert er, er habe sich vorgenommen, ein Jahr lang «keine Auftritte abzumachen, keine Lesungen, keine Schulbesuche, kurz, nichts von alledem, was mich zum Gefangenen meiner eigenen Agenda macht». Am 5. März packt Hohler eine Flasche Zitronenmelissensirup und etwas Dörrobst in den Rucksack, fährt nach Sihlbrugg und marschiert los.

Bis zum 25. Februar 2004 ist er pro Woche einmal zu einer Wanderung aufgebrochen. Er geht auf der Nordseite des Walensees von Weesen nach Walenstadt; begrüsst auf der Rigi die Sonne; fährt mit Lukas Bärfuss’ «Sexuellen Neurosen unserer Eltern» im Gepäck nach Hohtenn, um die Südrampe zu begehen; geht von Flaach zum Rheinfall; von Linn über die Staffelegg nach Rombach oder mit seinen betagten Eltern unter blühenden Kirschbäumen von Nuglar nach Büren. Meist ist er allein unterwegs, ab und zu begleitet ihn seine Frau, selten ein Freund, über den Biancograt auf den Piz Bernina sein Bergführer und dessen Frau. Hohler besteigt an der Ligurischen Küste den Monte Rossola, er durchquert die Insel Worm’s Head in Wales und die Wutachschlucht im südlichen Schwarzwald. Er besteigt das Hörnli, den Speer und die Kleine Windgälle. Er sucht den unterirdischen Gletscher «La Glacière» unterhalb des Mont Tendre, besteigt auf dem Robert-Walser-Pfad die Wachtenegg bei Herisau und pilgert von Rapperswil her zur schwarzen Madonna im Kloster Einsiedeln. Von Balsthal via Hellchöpfli besucht er den ehrwürdigen Schriftsteller Gerhard Meier in Niederbipp, um mit ihm über die am Vortag erfolgte Wahl von Christoph Blocher zum Bundesrat zu reden und das Grab von Meiers Frau zu besuchen. Er geht im tief verschneiten Val Bever bis zum Eingang des Albulatunnels und an der Aare entlang von Thun nach Bern, am Westhang hoch über der Leventina talauswärts und von Kandersteg über die Gemmi nach Leukerbad.

Von den Notaten zum Buch

Nach jeder Wanderung setzt er sich zuhause an den Schreibtisch und notiert seine Eindrücke. In den ersten Wochen habe er diese Aufzeichnungen ohne Publikationsabsicht verfertigt, erzählt er: «Ich schrieb in der einfachen Logik: Heute habe ich das und das gemacht.» Er habe «überprüfbar machen» wollen, dass er tatsächlich einmal pro Woche aufgebrochen sei. So beschreibt er auch den Besuch bei seiner Mutter im Spital Olten und den anschliessenden Spaziergang durch seine Kindheits- und Jugendwelt, weil ihm in diesen Tagen eine nötig gewordene Schulteroperation weitere Wege verunmöglicht; und er beschreibt den Weg von Winterthur Wülflingen nach Oerlikon, den er immer wieder Wasser trinkend und rennend zurücklegt, um den quälenden Schmerz von Nierensteinen loszuwerden.

Im Hitzesommer 2003 verfestigt sich allmählich der Plan, aus den Aufzeichnungen ein Buch zu machen. Jetzt werden die zuerst aufsatzartigen, privaten Notate («meine Frau und ich») formal zusehends variantenreicher und inhaltlich vielschichtiger: Den «sentiero azzurro» von Monterosso nach Riomaggiore in der Cinqueterre beschreibt er als Theaterstück in vier Akten (nachdem er an einem Kassenhäuschen das Billett Nr. 588352 erstanden hat). Er erzählt von sich ab und zu in der dritten Person, gestaltet eine Aufzeichnung ausschliesslich in Infinitivwendungen oder die traumartige Erfahrung auf einem verwunschenen Weg in einem Endlossatz. Als Einstieg zur «Flusswanderung» mit begleitendem Schlauchboot die Limmat hinunter wählt er den Märchenton; eine Erkundung am Oberalppass wird zur Recherche, die der Ergänzung einer nie fertig gewordenen Erzählung dient; die Übung, wegen des SVP-Wahlsiegs im Oktober 2003 zu Fuss aus der Schweiz zu flüchten, beschreibt er in kurzen chronikartigen Abschnitten (knapp fünf Stunden, nachdem er aus seinem Haus in Oerlikon getreten ist, verlässt er das Land über die Brücke von Kaiserstuhl); ein Marsch von Ziegelbrücke talaufwärts wird auf der Landesbibliothek von Glarus zu einem berührenden Nachtrag zur Novelle «Die Steinflut» (1998); im Föhnsturm am Vierwaldstättersee besucht Hohler auf dem Friedhof von Bauen Pater Albert Zwyssigs Grab, um ihm zu erzählen, dass tags zuvor der Nationalratspräsident erstmals in der Geschichte des Parlaments die Nationalhymne habe singen lassen: Zwyssigs «Trittst im Morgenrot daher».

Die penetranten Dampffahnen

Wer Fussgängerprosa verfasst, stellt sich auch in der Deutschschweiz in eine Tradition. Robert Walser war ein Fussgänger: «Entzückend schön und uralt gut und einfach ist es ja, zu Fuss zu gehen» («Der Spaziergang», 1917). Ludwig Hohl war ein Getriebener, der 1926 in Paris Arrondissement um Arrondissement umrundete («Aus der Tiefsee», 2004). Kurt Marti erkundete zu Fuss sein «Högerland» (1990): «Zwischen aufgebrochenen Äckern, stumpfgrasigen Matten zottle ich von Worb nach Trimstein.» Und nun also Hohler: Weniger poetisch verspielt als Walser, weniger genialisch verbissen als Hohl, weniger enzyklopädisch kenntnisreich als Marti.

Hohlers Qualität ist eine andere: Er sagt lapidar, hartnäckig und wenn es sein muss unaufdringlich aufsässig, was er sieht. Er erwähnt die Dampffahnen der Atomkraftwerke Gösgen und Leibstadt, wenn sie am Horizont erscheinen (und man kann dann jeweils an das ungelöste Atommüllproblem denken und sich über den moralischen Hohler ärgern). Er erwähnt die endlosen Autokolonnen immer wieder, wenn er ihnen immer wieder begegnet (und man kann dann jeweils an die Klimaerwärmung denken und sich über den moralischen Hohler ärgern). Er sagt, was für ihn der Fall ist, und solange Atomkraftwerke dampfen, so lange erwähnt er das. Nicht mehr und nicht weniger.

Am Neujahrsmorgen 2004 registriert er auf dem Weg zum Bahnhof «Feuerwerksfallschirmchen auf dem Trottoir, geschwärzte Raketenstäbe im Rinnstein, leere Champagnerflaschen in den Abfallkörben, Gekotztes hinter dem Billettautomaten». Noch das Alltäglichste schildert er präzis wie eine Zeugenaussage, auch im Persönlichen (sein Blockflötenspiel unterm Vollmond im Averstal) und im Privaten (die Nierensteine).

Immer sind die Sätze einfach, und nur zurückhaltend setzt er eine sanfte Ironie ein. Dafür sind die 52 kurzen Prosastücke durchwirkt von jener pragmatischen Klugheit, die Hohler auch im kulturpolitischen Alltag den intellektuellen Jetsetraketen voraushat. Etwa, wenn er sich, statt über Entschleunigung zu schwurbeln, als Fussgänger Mitte Dezember vor das Bundeshaus in Bern stellt, um - nach Auftritten in Chicago, Boston und New York und vor einer Lesereise in Lateinamerika - das Hirschhorn-hysterische Parlament mit einem handgeschriebenen Plakat lapidar und präzis an das zu erinnern, worum es in diesem Moment geht: «Die Freiheit der Kunst ist gewährleistet (Artikel 21 Bundesverfassung).»

Der Freiheitsbeweis

«Man tut sich einen Gefallen, wenn man sich selber genug Zeit gibt», sagt Franz Hohler auf die Frage, was er gelernt habe während des Jahrs, in dem er für das Alter geübt hat. «Sich selber Zeit zu geben, ist zwar eine banale Weisheit. Aber es ist gut, wenn man einmal erfährt, was sie tatsächlich bedeutet.» Daneben seien die Wanderungen und die Texte darüber auch eine «Hommage an die Kostbarkeit der Zeit»: «Jede Woche eine Wanderung machen und jede Woche jemanden treffen, mit dem man gerne zusammen ist. Das ist eine Perspektive.»

Schliesslich seien die Wanderungen für ihn auch «ein Freiheitsbeweis» gewesen: «Ich habe mir bewiesen, dass ich mir die Zeit nehmen, mich ausklinken und tun kann, was ich tun will.» Er weiss allerdings auch, dass sich einen solchen Freiheitsbeweis nicht alle leisten können: «Mein erstes Privileg ist, dass ich freischaffend bin, und das zweite, dass ich mit meiner Arbeit Echo und Erfolg habe. Für diese zwei Privilegien verneige ich mich dankbar vor meinem Schicksal und hüpfe fröhlich davon.»

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