Nr. 23/2014 vom 05.06.2014

«Ich könnte es dir erzählen, aber dann …»

Düstere Armeeabzeichen, Geheimflugzeuge, Spionagesatelliten – der US-amerikanische Fotograf und Künstler Trevor Paglen gibt Einblick in die dunkle Welt der Geheimdienste.

Von Carlos Hanimann

Manchmal dauert es eine Woche Einsamkeit, bis sich Trevor Paglen zufrieden auf den Heimweg macht. Manchmal länger. Er wartete auch schon drei Wochen lang, bis er endlich im Kasten hatte, was er wollte. Er stand jeden Tag vor der Dämmerung auf, irgendwo im Nirgendwo einer amerikanischen Wüste, und schaute in den Himmel, drückte ein paarmal auf den Auslöser, unzufrieden mit dem Licht oder dem Wetter, und legte sich abends schlafen, um am nächsten Morgen wieder aufzustehen und erneut zu warten. Geduld, sagt Trevor Paglen, sei das Wichtigste bei seiner Arbeit. Nicht der Zugang zu geheimen Dokumenten, keine verschwörerische Informanten, sondern schlicht viel Zeit und eine verdammt gute Kamera.

Trevor Paglen ist Fotograf und Künstler. Und sein Thema ist die Welt der Geheimdienste.

«Snowden der Kunst»

Trevor Paglen, US-amerikanischer Staatsbürger, wurde 1974 auf der Andrews Air Force Base im Bundesstaat Maryland geboren. Sein Vater war Augenarzt im Militär, und so wuchs Paglen auf Armeestützpunkten in Texas, Kalifornien und im deutschen Wiesbaden auf. Obwohl er nie viel mit dem Militär anfangen konnte (in seiner Jugend war er Skater und Punk und spielte in einer Band namens Noisegate, die dafür bekannt war, das Publikum zu vertreiben), scheint ihn diese Welt nie richtig losgelassen zu haben: Düstere Armeeabzeichen, versteckte Landeplätze, Geheimflugzeuge, klandestine Gefängnisse, unsichtbare Drohnen – sie alle hat Trevor Paglen in den letzten Jahren aufgespürt und fotografiert.

Als Beweisstücke, sagt Paglen aber, seien seine Bilder unnütz. «Ich will keine eindeutigen Antworten liefern.» Klare, saubere Bilder mag er nicht. Seine Fotografien sind zwar auf den ersten Blick atemraubend schöne Landschaftsaufnahmen – eine Wolke, ein Sternenhimmel mit einer dünnen Lichtspur, ein schwach beleuchtetes Gebäude in der Nacht, ein verschwommenes Flugzeug. Paglens Bemerkungen dazu aber verleihen ihnen eine zusätzliche Bedeutung: Hier verbirgt sich eine Reaper-Drohne, ein Spionagesatellit, eine Überwachungsstation, ein geheimer Gefangenentransport.

Trevor Paglen studierte in den neunziger Jahren Religionswissenschaften an der Universität Berkeley, Kalifornien, machte dort einen Doktor in Geografie und später einen zusätzlichen Master am Art Institute of Chicago. Heute doziert er Geografie in Berkeley. Geografie und Geheimdienste – wie geht das zusammen? Paglen erklärt es so: «In den Neunzigern begann ich, mich für das Gefängnissystem der USA zu interessieren. Die USA betrieben zu jener Zeit die grössten Gefängnisse der Welt. Sie gehören noch heute zu den Staaten, die am meisten Landsleute einsperren. Ich versuchte also zu verstehen, wie das System funktionierte und was das alles bedeutete. Wenn man die Geografie der Gefängnisse studiert, sieht man, dass diese meist sehr abgelegen gebaut wurden – auf Inseln, in der Wüste, an Orten, wo kaum je einer vorbeikommt.» Paglen begann, diese unbekannte Welt zu erforschen. Dann kam der 11. September 2001 und der sogenannte Krieg gegen den Terrorismus. Seine Arbeit erhielt eine neue Bedeutung: «Wer Augen und Ohren offenhielt, wusste schnell, dass die USA daran waren, ein nie da gewesenes System von Geheimgefängnissen aufzubauen.» Von Zeit zu Zeit verkündete das Militär, dass es einen Terroristen festgenommen hatte. Aber niemand wusste, was danach mit diesen geschah. Die Frage war: Wo wurden sie hingebracht? Und wie?

Die Antwort gab Paglen 2006 im Buch «Torture Taxi», das er mit seinem Freund, dem investigativen Journalisten A. C. Thompson recherchierte und herausgab. Die beiden machten sich auf die Suche nach den Verschwundenen, wühlten im Ungefähren, versuchten, das Unsichtbare sichtbar zu machen – eine Konstante in Paglens Schaffen. Sie wurden fündig bei Aviatikfreaks, die tagelang auf abgelegenen Flughäfen stehen, die Nummern der an- und abfliegenden Flugzeuge notieren und sich mit Gleichgesinnten in Internetforen austauschen. Nicht unbedingt aus politischen Gründen, sondern als Zeitvertreib. Paglen und Thompson verfolgten die Flugzeuge, die in keinem Flugplan registriert waren, zurück zu Firmen, die eigentlich gar keine waren und ihr Domizil in Büros von Anwälten hatten. Paglen und Thompson fanden heraus, wohin die Flugzeuge flogen – nach Marokko, Rumänien, Afghanistan –, sprachen unter anderem mit Khaled al-Masri, einem deutschen Staatsbürger, der aufgrund einer Verwechslung vom CIA entführt worden war, reisten nach Afghanistan und stiessen dank dessen Beschreibungen auf ein stillgelegtes Fabrikgebäude nördlich von Kabul: «Salt Pit» – ein Geheimgefängnis der CIA, in dem Terrorverdächtige verhört und gefoltert wurden. Paglen gelang es, das einzige existierende Foto dieses Geheimgefängnisses zu schiessen.

Die dunkle Welt der Geheimdienste, die «black world», wie sie ExpertInnen nennen, hat Paglen immer fasziniert. Oder vielmehr irritiert, wie er sagt. Rund fünfzig Milliarden US-Dollar soll das «black budget» der USA jährlich betragen, mit dem diese Schattenwelt finanziert wird. Es ist eine abstrakte Welt, die vordergründig gar nicht existiert. Paglen vergleicht diese Welt mit Dunkelmaterie aus der Astronomie: Ihre Existenz lässt sich nur indirekt beweisen, über ihren Einfluss auf die Umwelt. «Wenn man ein geheimes Flugzeug bauen will», erklärte Paglen kürzlich am Kongress des Chaos Computer Clubs in Berlin, «dann kann man das nicht in einer unsichtbaren Fabrik mit unsichtbaren Arbeitern tun.» An diesem Punkt knüpft Paglen an: Er sucht diese Orte, wo die unsichtbare auf die sichtbare Welt trifft.

Man könnte meinen, dass einer wie Paglen, dessen Arbeit darin besteht, ans Licht zu zerren, was andere im Dunklen halten wollen, ein gefährliches Leben führt. Doch Paglen gilt als renommierter Künstler, die «Süddeutsche Zeitung» nannte ihn den «Edward Snowden der Kunst». Er stellte unter anderem im Metropolitan Museum in New York oder der Tate Gallery in London aus. Sein Bild «Salt Pit» wurde in einer Galerie in New York für 20 000 US-Dollar verkauft. Im Juni wird er an der Art Basel zu Gast sein.

Anderen, die wie Paglen an der Aufdeckung von Geheimnissen arbeiten, hat die US-Regierung den Kampf angesagt: Chelsea (ehemals: Bradley) Manning sitzt eine 35-jährige Haftstrafe ab, Edward Snowden steckt im russischen Exil fest, Julian Assange kann seit über tausend Tagen die ecuadorianische Botschaft in London nicht verlassen. Der Unterschied, sagt Paglen, liegt wohl darin, dass er kein Insider ist und deshalb keiner Geheimhaltung unterliegt, die sein künstlerisches und investigatives Schaffen einschränken würde. Als gewöhnlicher Zivilist und US-Bürger pocht er auf seine Freiheit, auf öffentlichem Boden zu fotografieren, was immer er möchte.

Einmal ging er gar so weit, die NSA direkt zu kontaktieren. Letztes Jahr wollte er eines ihrer Gebäude im Helikopter überfliegen und aus der Luft ablichten. «Aber es lag in einer Flugverbotszone.» Also rief Paglen an und bat die NSA, ihn nicht abzuschiessen, wenn er über das Gebäude flöge. Die NSA willigte ein, wohl auch, mutmasst Paglen, weil sie letztes Jahr nicht eben die beste Presse hatte. Zwei Flüge machte Paglen, einen im August 2013, einen Ende des Jahres – beide Male wurde er dabei vom Secret Service begleitet. «Sie liessen es zu, aber sie waren dabei ziemlich nervös.»

Trevor Paglen befindet sich gerade irgendwo in einem Wald im US-Bundesstaat Pennsylvania, als er diese Geschichte am Telefon erzählt. Er ist allein, atmet schwer, er versucht, einen guten Aussichtspunkt zu finden, um eine geheime Kommunikationsanlage der NSA zu fotografieren. Aber er kommt nicht weiter, ein breiter Fluss hindert ihn daran, zum gewünschten Ort zu gelangen. Also kehrt er zurück zum Auto, um das Telefonat in Ruhe weiterführen zu können. In seiner Stimme tönt nicht die geringste Spur von Beunruhigung. «Nein, Paranoia habe ich nie. Dafür mache ich das schon viel zu lange. Ausserdem befinde ich mich auf amerikanischem Boden mit amerikanischen Gesetzen. Alles ist ziemlich vorhersehbar.» Wirklich gefährlich sei seine Arbeit nicht, höchstens ärgerlich, etwa wenn er mit platten Reifen irgendwo in der Wüste stecken bleibt.

Es geht um die Kabel

«Die USA sind ein sehr seltsamer Ort», sagt Paglen. «Wir Amerikaner leiden an einer Art kultureller Amnesie. Ein enormer Teil dieses Staats ist sehr geheim und sehr gewalttätig. Und ab und an gelangt etwas davon an die Oberfläche: Abu Ghraib, der Drohnenkrieg. Aber danach vergessen die Leute das wieder.» Die Enthüllungen von Edward Snowden, hofft Paglen, werden dies ändern. «Die Leute erahnen erstmals das wirkliche Ausmass dieser geheimen Welt.»

Derzeit arbeitet Paglen an einem neuen Projekt. Die Details will er nicht verraten, es geht um die flächendeckende Überwachung durch die NSA und andere Geheimdienste. «Wir haben eine falsche Vorstellung davon», sagt er. «Clouds, Cyberspace – das sind irreführende Metaphern. Am Ende geht es vor allem um Kabel. Die Leute, mich eingeschlossen, haben das Ausmass der Überwachung nicht richtig begriffen: Die NSA sammelt alles, wirklich alles. Sie will ihre Finger in jedem einzelnen Telefon, in jedem einzelnen Chip haben. Und das ist nicht so leicht zu erfassen.» Anfang dieses Jahres veröffentlichte Trevor Paglen das Abzeichen einer Abteilung des US-Militärnachrichtendiensts NRO: Es zeigt eine Krake, die die Welt mit ihren Tentakeln umschlingt. Darunter steht der Slogan «Nothing is beyond our reach» – nichts ist ausserhalb unserer Reichweite.

In diesen Tagen ist er wieder unterwegs, um das Unsichtbare sichtbar zu machen, den Überwachungsstaat abzulichten. Die transatlantischen Kabel, die die NSA angezapft hat, sind seine neuste Faszination. Wahrscheinlich wird man auf den Bildern nicht viel sehen, schönes, blaues Wasser vielleicht oder einen sandigen Küstenabschnitt. Aber Paglens Beschriftung wird dem Betrachter von etwas anderem erzählen, von einer tieferen, einer dunkleren Wahrheit. Seine Bilder sprechen eine ähnliche Sprache wie diese Militärabzeichen, die er früher sammelte und 2007 in einem Buch veröffentlichte: «I could tell you, but then you would have to be destroyed by me.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch