Nr. 06/2015 vom 05.02.2015

Im Hotel mit dem digitalen Samurai

Zusammen mit Glenn Greenwald war die Filmemacherin Laura Poitras die erste Vertraute des Whistleblowers Edward Snowden. Ihr Dokumentarfilm «Citizenfour» ist die Chronik einer historischen Zusammenkunft.

Von Monika Dommann

Ein Thriller, der real ist und noch lange nicht vorbei: Kommunikation zwischen NSA-Whistleblower Edward Snowden und Filmemacherin Laura Poitras in Poitras’ Film «Citizenfour».

Scoops sind die Orgien des Journalismus. Wer nicht dabei war, verpasst das Leben. Und wie bei jeder ordentlichen Orgie gehört zum Scoop auch die anschliessende Abstrafung, das Hausverbot, die Ächtung und die Verbannung. Für das Publikum, das zuschauen durfte, folgt auf den Nachrichtenflash die grosse Ernüchterung. Im Fall des Whistleblowers Edward Snowden mündete der Kater nach den atemberaubenden Leaks aus den US-Geheimdienstzentralen in eine kollektive Beklemmung, die inzwischen einer schalen Feigheit gewichen ist. Die Internetparty muss weitergehen.

Achtzehn Monate sind vergangen seit dem legendären ersten Interview mit Edward Snowden in Hongkong im Juni 2013. Der US-Journalist Glenn Greenwald und die US-Filmemacherin Laura Poitras, die zusammen mit dem schottischen Journalisten Ewen MacAskill die Relaisstation für Snowden bildeten, haben inzwischen ihre Dokumentationen des NSA-Skandals vorgelegt. Auf Glenn Greenwalds Bestseller «Die globale Überwachung» im Frühjahr 2014 folgte im Herbst der Dokumentarfilm «Citizenfour» von Laura Poitras, der jetzt in die Schweizer Kinos kommt. Zusammen mit den Interviews, die Snowden den Zeitschriften «Wired» und «New Yorker» gewährte, bildet dieses Quellenmaterial ein wertvolles Kernstück des Snowden-Scoops.

Paranoische Bilder

In «Citizenfour» wird das Publikum durch eine Tunnelfahrt in den Sog der Ereignisse hineingezogen. Die weissen Lichtstreifen der Neonröhren fliegen uns in der Eingangssequenz entgegen, während Poitras aus dem Off Ausschnitte aus dem E-Mail-Verkehr vorliest. Bald sind es statt Neonröhren weisse Computerschriftzeichen einer chiffrierten Korrespondenz, die auf der schwarzen Leinwand aufleuchten. «You asked why I chose you. I didn’t. You chose yourself», schreibt der noch unbekannte Absender mit dem Pseudonym Citizenfour. Was er damit meint: Er habe Poitras und Greenwald nicht auserkoren. Sie hätten sich durch ihre hartnäckigen journalistischen Arbeiten zur US-Politik nach dem 11. September 2001 selbst auserwählt.

Glenn Greenwald beim Interview mit Edward Snowden in Hongkong im Juni 2013.

Das weiss schon jeder Teenager: Wer im Kino im Auto durch dunkle Tunnels fährt, ist auf der Flucht. Im Lauf der 114 Minuten wird klar, dass sich der Mann hinter Citizenfour nicht hastig oder kopflos auf seine Flucht begeben hat. Da hat jemand schon lange überlegt und klug eine folgenreiche Entscheidung getroffen. Das Beeindruckende dabei ist, dass Snowden keinen einzigen Fehler machen wird.

Die Frau hinter der Kamera, Laura Poitras, tritt selbst nie ins Bild. Sie ist die Erzählstimme, die Zeugin, das Auge der Geschichte. Poitras hat verstörend schöne, paranoische Bilder des sichtbar Unsichtbaren geschaffen: Glenn Greenwald zu Hause in seiner brasilianischen Wahlheimat, umgeben von Hunden, bei denen man nicht so sicher ist, ob sie nun eher Schoss- oder Wachhunde sind. Der Fernrohrblick auf die Baustelle der gigantischen Datenspeicherungsanlage der National Security Agency (NSA) in Bluffdale in Utah, einer Überwachungsinfrastruktur, die Daten auf Vorrat speichert, in der Hoffnung, diese Daten für jedes potenzielle Bedrohungsszenario mit einem passenden Algorithmus zu knacken. Das Ausbildungscamp der Occupy-AktivistInnen, die sich vom Hackerguru Jacob Applebaum in die Technik der Chiffrierkunst einweihen lassen.

Da stellt sich schon die bange Frage, ob sich nun wirklich alle BürgerInnen in geheime AgentInnen verwandeln müssen, ganz nach dem Vorbild der NSA? Ist dies die Vollendung des «paranoid style in American politics», von dem der US-Historiker Richard Hofstadter im Herbst 1964 im «Harper’s Magazine» gesprochen hatte? Denn die Paranoia zeichnet sich ja gerade nicht durch einen Mangel an Rationalität aus, sondern durch ihren Exzess und eine überbordende Verselbstständigung der Beweislage.

Schlicht gespenstisch ist schliesslich das Archivmaterial mit General James R. Clapper, dem Direktor der US-Nachrichtendienste, der in einem Hearing mit Kongressabgeordneten vor laufender Kamera aussagt, dass die NSA «nicht wissentlich» Daten von US-BürgerInnen gesammelt habe. Diese Passagen sind deshalb so beunruhigend, weil sich hier die unangenehme Frage aufdrängt, ob denn die nationale und internationale Politik überhaupt noch in der Lage ist, die ÜberwacherInnen zu überwachen, geschweige denn zur Rechenschaft zu ziehen.

Im Bett mit Snowden

Der zweite Teil des Films beginnt wieder mit einer Tunnelfahrt. Nun ist die Regisseurin in Hongkong auf dem Weg zu ihrem bislang noch anonymen Informanten. Dieser Teil bildet die Essenz von «Citizenfour». Hier offenbart sich die ganz grosse Stärke dieses Dokumentarfilms, der die Anatomie eines sogenannten Augenblicks der Weltgeschichte zur Darstellung bringt. Und hier zeigt sich auch seine kleine Schwäche, dass er nämlich an der Figur Snowdens haften bleibt und damit auch an einem Narrativ, das sich einem Heldenepos nicht entziehen kann.

Der Film operiert nun strikt im Modus der Chronik. Was er in diesem atemberaubenden Mittelteil einfängt, ist das Zusammentreffen von Laura Poitras und Glenn Greenwald, denen die Redaktion des britischen «Guardian» noch den alten Hasen Ewen MacAskill als Aufpasser aufgebrummt hat, mit Edward Snowden. Aus dem zusammengewürfelten Quartett, das sich im schicken Luxushotel in Hongkong um Snowdens weisses Bett versammelt, entsteht in den Interviews eine eingeschworene Gruppe, die bereit ist, den Scoop gemeinsam bis zum Letzten durchzuziehen.

Greenwald ist der Heisssporn, der seine Augen und seine Finger kaum von der Tastatur des portablen Rechners lassen kann und sich im Galopp durch die Myriaden von entwendeten NSA-Dokumenten kämpft. MacAskill, der altgediente Militär- und Sicherheitsexperte des «Guardian», der mit Block und Bleistift dasitzt und den klugen, bescheidenen Whistleblower mit kritischen Fragen routiniert aus seiner Nerdrüstung lockt: «Woher weiss ich, dass Sie der sind, als der Sie sich ausgeben?» Poitras, das Auge und das Ohr der Geschichte, die mit Filmen über den Irakkrieg und Guantánamo bereits Bekanntheit erlangt und dabei auch Snowdens Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Und schliesslich Edward Snowden selbst, der Samurai aus einer US-Militärfamilie, der sich der Weltöffentlichkeit in der mittlerweile weltberühmten Nachrichtenmeldung mit folgenden Worten vorgestellt hat: «Ich bin 29 Jahre alt. Ich arbeite für Booz Allen Hamilton als Infrastrukturanalytiker bei der NSA in Hawaii.»

Scheu, aber angstfrei

Nach Bekanntgabe seiner Identität wird die Hotelzelle für Snowden enger und enger. Mit Blick auf die Skyline Hongkongs schafft Laura Poitras hier Bilder und Töne der Klaustrophobie: Vorhänge, die zurückgezogen werden, Telefone, die ausgesteckt werden, Probealarm der Feuersirene im Hotel, Gesichter und Hände, die beim Schreiben von Passwörtern verdeckt werden wollen. Im Fokus steht der scheue, aber angstfreie Blick Snowdens, der sich im anonymen Hotelmobiliar spiegelt. Hier wird ein junger Mann auf die Leinwand gebannt, der auf beeindruckende Weise selbstbestimmt die Entscheidung einer «Vita Activa» getroffen hatte. Es ist dies ein selbstverantwortliches Denken und Handeln im Dienste des öffentlichen Lebens, wie es Hannah Arendt in den fünfziger Jahren theoretisch formuliert hat. Hier wächst ein Internet-User, der das Netz noch vor Web 2.0 kannte, über die Existenz eines subalternen Angestelltendaseins hinaus.

Zum Schluss des Films, Snowden ist inzwischen mithilfe von Menschenrechts- und InternetaktivistInnen in Moskau zwischengelandet und hat von Russland vorläufiges Asyl erhalten, verlagert Poitras die Position der Kamera vom Innenraum nach aussen. Unser Blick fällt auf Edward Snowden und seine Freundin Lindsay Mills, die ihm inzwischen nach Moskau gefolgt ist. Draussen ist es dunkel, drinnen hell, Snowden und Mills kochen zusammen Spaghetti. Das heisse Wasser dampft in der Küche. Poitras demonstriert damit die Ambivalenz des banalen Privatlebens eines jungen Paars, das in den Fokus einer von aussen eindringenden Kamera gerät. Die Kamera wird zur Chiffre der Überwachung: Es ist der Blick der Überwachungstechnologie, der sich in den Köpfen der Beobachteten einnistet und in ihrem Alltagsleben fortan jederzeit präsent sein wird.

Mit Mut gegen die Beklemmung

Detaillierte Einblicke in Snowdens Zusammenarbeit mit Greenwald, Poitras und MacAskill findet man in Greenwalds Buch «Die globale Überwachung», einer zeitnah geschriebenen Chronik der Ereignisse, noch beflügelt von der Dramatik des Scoops. Greenwalds Report liest sich wie ein Politthriller, da und dort wäre es dem Text gut bekommen, eine Lektorin hätte ihn von Greenwalds eigenen Heldenepen entrümpelt. Das Buch hat den Charakter eines Zeugnisses dessen, der dabei war. Und während der Kontext der NSA-Affäre in «Citizenfour» nur holzschnittartig angerissen wird, führt Greenwald den Leser auf klare und verständliche Weise an die von Snowden entwendeten Berge von Dokumenten zu den Überwachungssystemen der NSA heran.

Greenwalds Buch ist auch ein Plädoyer dafür, sich Einschüchterungen zu widersetzen und sich von Snowdens Mut anstecken zu lassen. Dieser Mut könnte auch die Schweiz erfassen. Die Schweiz, dieser neutrale Kleinstaat mit einer ins 19. Jahrhundert zurückreichenden Tradition von humanitären Organisationen und guten Diensten, sollte Edward Snowden Asyl gewähren. Damit könnte die kleine Schweiz eine grosse Tat vollbringen. Snowdens Odyssee, die ihn von einer Grossmacht zur nächsten getrieben hat, würde ein vorläufiges Ende nehmen. So könnte er, inzwischen längst zum Ronin, also herrenlosen Samurai mutiert, zumindest davor bewahrt werden, in autokratischen Ländern Zuflucht suchen zu müssen.

Von uns ganz normalen Computer-UserInnen wiederum sind nun Wachheit, Aufmerksamkeit und auch Zivilcourage gefordert im Umgang mit unseren liebsten Spielzeugen – und im Umgang mit den Begehrlichkeiten der Behörden, die vorgeblich für unsere Sicherheit besorgt sind. Sonst könnte uns der Kater nach der Internetparty noch teuer zu stehen kommen.

Monika Dommann (48) ist Professorin für Geschichte an der Universität Zürich. Zuletzt ist von ihr erschienen: «Autoren und Apparate. 
Die Geschichte des Copyrights im Medienwandel». S. Fischer Verlag. Frankfurt am Main 2014. 432 Seiten. Fr. 37.90.

Vorpremiere von «Citizenfour» ab 5. Februar 2015 in Zürich im Lunchkino im Arthouse Le Paris. Ab 19. Februar 2015 in den Kinos.

Whistleblowerinnen

Verfolgte PatriotInnen

Nicht jedeR WhistleblowerIn wird zu einer Ikone wie Ed Snowden. James Spiones Dokumentarfilm «Silenced» (2014), der jüngst an der Transmediale in Berlin gezeigt wurde, lässt drei weniger Prominente erzählen, wie sie wegen ihrer Zivilcourage von der US-Justiz mit brutaler Härte verfolgt wurden: die Anwältin Jesselyn Radack, die sich als Ethikberaterin des Justizministeriums weigerte, die massiv unrechtmässige Behandlung von John Walker Lindh, bekannt geworden als «amerikanischer Taliban», zu decken; den NSA-Mitarbeiter Thomas Drake, der die grenzenlosen Überwachungsprogramme der Abhörorganisation öffentlich machte; und John Kiriakou, der als ehemaliger CIA-Agent dazu beitrug, dass die Existenz von geheimen Foltergefängnissen in Drittstaaten ans Licht kam.

Alle drei haben aufgrund ihrer mutigen Enthüllungen die Stelle verloren. Den tiefgläubigen Christen Kiriakou traf es am härtesten. Er wurde Anfang 2013 zu einer dreissigmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt, seine Familie lebt von der Sozialhilfe. Die Anklage gegen Thomas Drake wurde schliesslich fallen gelassen, aber er hat mehrere Hunderttausend Dollar Schulden wegen seiner Gerichtsverfahren, seine Familie hat ihn verlassen. Radack setzt sich heute für die Rechte von WhistleblowerInnen ein: Sie arbeitet bei einer nichtstaatlichen Organisation und vertritt dabei auch Snowden.

Regisseur James Spione interessiert sich in «Silenced» weniger für die politische Tiefe der geschilderten Fälle als für ihre menschlichen Konsequenzen. In den Gesichtern seiner enttäuschten (und etwas blauäugigen) PatriotInnen spiegelt sich die Fassungslosigkeit darüber, wie ein völlig aus dem Ruder laufender Justizapparat sie zu ausgegrenzten, überwachten, gejagten Kriminellen, Landesverräterinnen, Sympathisanten des Terrors machte. Obwohl sie als «gute Amerikaner» doch nur «das Richtige» tun wollten.

Daniela Janser

www.silencedfilm.com

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch