Nr. 25/2014 vom 19.06.2014

Das Urheberrecht im Brot

Bettina Dyttrich sorgt sich um KleinzüchterInnen

Von Bettina Dyttrich

Gerade haben die Haferwurzeln geblüht in meinem Garten. Fast einen Meter hoch sind sie jetzt, im zweiten Jahr, mit einem Dutzend Blüten an einer einzigen Pflanze. Nach dem Keimen ist die Haferwurzel klein und unscheinbar wie ein Grashalm, wer nicht aufpasst, reisst sie beim Jäten aus. Im Winter des ersten Jahrs kann man die Wurzeln ausgraben. Sie schmecken nach Austern, heisst es, was ich nicht beurteilen kann, weil ich noch nie Austern gegessen habe. Auf jeden Fall schmecken sie wunderbar. Aber nur wer ein paar Pflanzen stehen lässt, kann sich im zweiten Jahr an den purpurroten Blüten freuen. Und danach die Samen ernten.

Die Haferwurzel ist eine von vielen Nutzpflanzen, für deren Erhaltung sich Pro Specie Rara einsetzt. Einer Kampagne der Basler Stiftung ist es zu verdanken, dass die Schweiz die liberalsten Saatgutgesetze Europas hat. In der EU ist das Anmelden sogenannter Nischensorten aufwendiger und teurer (siehe WOZ Nr. 12/2013).

Dank Pro Specie Rara sind alte Sorten in der Schweiz bekannt, fast bekannter als neue. Dabei geht etwas ein bisschen vergessen: Erhaltung ersetzt Züchtung nicht. Nachhaltiger Ackerbau braucht neue Sorten, die an Biobedingungen optimal angepasst sind oder mit Klimaschwankungen umgehen können. Solche Züchtung ist jahrelange Fleissarbeit. Und anders als für Saatgutmultis wie Syngenta ist sie für kleine Firmen kaum lukrativ, gerade im Biobereich. Aber irgendwie muss sie entschädigt werden.

KleinzüchterInnen und SortenerhalterInnen sind sich in vielen Themen einig; zum Beispiel lehnen sie Patente auf Pflanzen ab, weil die Multis damit die Züchtung monopolisieren, und auch aus grundsätzlichen ethischen Gründen. Aber bei diesem Thema geraten sie manchmal aneinander. Denn viele SortenerhalterInnen orientieren sich an der Open-Source-Idee und fordern, dass Saatgut völlig frei erhältlich sein soll. Doch damit ist die Frage der Züchtungsfinanzierung nicht beantwortet. Die Diskussion erinnert an jene über das Urheberrecht: Alles frei zugänglich zu machen, kann keine Lösung sein, wenn die Kulturschaffenden dabei verhungern.

ZüchterInnen sind auf die (befristeten) Lizenzgebühren angewiesen, die ihre Arbeit teilweise finanzieren. Aber für Firmen wie die Getreidezüchtung Peter Kunz reicht das nicht zum Leben. Seit dreissig Jahren entwickelt die Firma Biosorten, die weit über die Schweiz hinaus gefragt sind. Verschiedene Stiftungen unterstützen sie. Der Bund, der in der Züchtung lange eine grosse Rolle spielte, hat dagegen seine Züchtungsprogramme stark reduziert und will auch die Biozüchtung nicht speziell fördern. Vielleicht wird das Postulat für Biozüchtung der grünen Nationalrätin Maya Graf daran etwas ändern. Den Nationalrat hat sie bereits überzeugt.

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin. 
Die Getreidezüchtung Peter Kunz feiert 
am Samstag, 28. Juni 2014, in Feldbach ihr Jubiläumsfest. www.getreidezuechtung.ch

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