Nr. 28/2014 vom 10.07.2014

Der Glaube, dass die Götter mächtiger sind als der Markt

Die beiden Filme «Siddharth» und «Faith Connections» erzählen von den drei Eckpfeilern der indischen Gesellschaft: dem Kapitalismus, der Spiritualität und der Armut.

Von Dominik Gross

Wenn der Handel mit Kindern kein Tabu mehr ist: In Richie Mehtas «Siddharth» macht sich Reissverschlussreparateur Mahendra auf die Suche nach seinem Sohn.

Man könnte ja auf Anhieb meinen, Glauben und Geschäften passten nicht zusammen. «Wer glaubt, der kalkuliert nicht», heisst der Schlüsselsatz einer Kritik an den gegenwärtigen Verhältnissen, die die Befreiung aus der umfassenden ökonomischen Verwertung aller Facetten des Lebens in der Abkehr von der Welt und der Hinwendung zu höheren Mächten sucht. Wer sich von der Spiritualität eine Tankfüllung immaterieller Werte für sein vom ökonomischen Pragmatismus der Postmoderne erschöpftes Selbst verspricht, macht am besten mal Pause im Yogakurs und reist an die Kumbh Mela nach Indien (nächste Gelegenheit: 2025).

Am riesigen hinduistischen Badefest geht dann allerdings die Idee, dass der Übertritt aus dem «Falschen» ins «Richtige» nur noch über ein von allen weltlichen Kosten-Nutzen-Überlegungen verschont gebliebenes Nirvana führt, ziemlich schnell den Bach runter. Jedenfalls wenn man dem esoterischen Firlefanz im nordindischen Allahabad, wo die Kumbh Mela am Zusammenfluss der real existierenden Flüsse Yamuna und Ganges und des mythologischen Saraswati alle zwölf Jahre stattfindet, nicht erliegt.

Sauber qua Heiligkeit

Der indische Regisseur Pan Nalin («Samsara») hat sich davon nicht blenden lassen. Zwar ist das gigantische Geschäft, mit dem die Kumbh Mela und Pilgerfahrten im Allgemeinen die indische Tourismusindustrie beglücken, kein Thema in seinem Dokumentarfilm «Faith Connections». Auch lässt Nalin den Umstand aus, dass Mutter Ganga vielleicht nicht trotz ihrer Heiligkeit einer der dreckigsten Flüsse der Welt ist, sondern gerade weil sie qua Heiligkeit gar nicht dreckig sein kann und ergo immer so viel Zivilisationsgift verdaut, wie die Industrie und die Städte Nordindiens von ihr erwarten. Aber die kleinen Geschichten, auf die Nalin mitten im Gewusel des Fests seine Kamera hält, als wäre sie ein Mikroskop, das jedes Individuum vor seinem Verschwinden in den Massen der PilgerInnen bewahren will, zeigen: Auch in Indien sind die weltlichen Existenzen von den spirituellen meist nicht zu trennen.

Ganz im Gegenteil, das Geschäft mit der Transzendenz sichert das Überleben. Wer Geld verdienen will, glaubt auch bei ausgeprägter Geschäftstüchtigkeit noch daran, dass die Götter mächtiger sind als der Markt und verehrt deshalb Lakschmi, zuständig für Wohlstand, Liebe, Erfolg (materiell und spirituell), Schönheit und Glück. So braucht der Yogi Hatha Baba das Geld, das ihm die Pilger zustecken, wenn er stundenlang in Buddhaposition an einem Baum hängt, um den kleinen Bajrangi durchzubringen. Das Baby hat ihm eine Mutter kurz nach dessen Geburt vor die Tür gelegt. Es ist wohl aus einer sozial nicht sanktionierten Liebe hervorgegangen, vermutet Baba. «Ich habe der Welt entsagt, aber durch ihn ist sie zu mir zurückgekommen», sagt der Yogi über den Kleinen, als er für dessen Morgenmilch seine Kuh melkt.

Überhaupt nicht mehr ans Baden denken Mamta Devi und Sonu im Lost and Found Center, wo die Zettel mit den Vermissten, die über die Lautsprecher ausgerufen werden, zu Papierbergen wachsen. Die beiden haben ihren dreijährigen Sohn Sandeep verloren. Gut möglich, dass er einer Entführerbande zum Opfer gefallen ist, die auch den kleinen Sandeep noch zu Geld machen will.

Frei von Ethnokitsch

Um eine Kindesentführung geht es auch im neuen Film des kanadisch-indischen Regisseurs Richie Mehta. «Siddharth» ist nun gänzlich frei von Ethnokitsch und zeigt ziemlich schonungslos, wie die materielle Verwertung aller Dinge umso umfassender wird, je knapper die Ressourcen sind. Diejenigen, die vom entgrenzten Kapitalismus in Indien am wenigsten profitieren, werden gezwungen, seinen Prinzipien am kompromisslosesten zu folgen. Da sind dann auch der Handel mit Kindern und die Verwertung ihrer Arbeitskraft keine Tabus mehr. Weil der Reissverschlussreparateur Mahendra auf den Strassen Delhis zu wenig verdient, um die vierköpfige Familie zu ernähren, schickt er seinen zwölfjährigen Sohn Siddharth ins zehn Busstunden entfernte Ludhiana. Er soll dort in einer kleinen Fabrik arbeiten.

Als Siddharth vier Wochen später zum Lichterfest Diwali nicht nach Hause kommt, macht sich Mahendra völlig ahnungs- und ziemlich mittellos auf die Suche nach ihm. Obwohl er dabei alles gibt, glaubt auch er, dass sein Schicksal letztlich in den Händen Gottes liegt. Stellvertretend für die hinduistische Sicht auf die menschliche Existenz an sich sagt der kleine Kishan Tiwari, der ein Sadhu, ein der Welt Entsagender werden will, in «Faith Connections»: «Ein Sadhu tut nichts Gutes für andere, Gott tut das.»

«Faith Connections» startet am 10. Juli 2014 in den Kinos, «Siddharth» läuft bereits.

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