Nr. 24/2016 vom 16.06.2016

Ohne Drehbuch lässt sich leichter reden

Der indische Regisseur Pan Nalin wollte mit «7 Angry Indian Goddesses» einen Kassenschlager über Frauen drehen, die sich ungeschminkt über Kastengewalt und Sexismus äussern. Geht das? Und ob.

Von Anja Suter

Auf zur nächsten Actionszene: Mad (Anushka Manchanda) schnappt sich in Pan Nalins neuem Film ihre Maschine, um ihren Freundinnen zu Hilfe zu rasen. Still: Filmcoopi Zürich

Ein Kick und «kawumm!» , der Bösewicht fliegt durch die Luft. Und die Frau, die hier die Schläge austeilt, knöpft sich den nächsten Gangster vor. In gewohnt knalliger Bollywoodmanier, mit viel Action und übertriebenen Flughöhen der Prügelopfer, eröffnet Pan Nalin seinen neuen Film «7 Angry Indian Goddesses». Doch eine Warnung vorweg: Was als Feelgood-Movie mit mitreissender Musik beginnt, nimmt eine unerwartete Wendung. Den zornigen Göttinnen steht schliesslich Kali Patin, die Göttin der Zerstörung.

Am Anfang ist noch alles schön. Gegen Ende der Monsunzeit, an der indischen Westküste: sattes Grün, die Luft schwer vom Regen. Die erfolgreiche Fotografin Frieda lädt ihre liebsten Freundinnen für ein paar Tage in ihr Landhaus nach Goa, um ihre Hochzeit zu feiern. Die Frauen, die sich bei ihr versammeln, könnten unterschiedlicher nicht sein: Mad, die Musikerin, die auf den Durchbruch hofft, Pam, die unglückliche Ehefrau, die das nicht mehr sein will, Su, die knallharte Managerin und Mutter, Nargis, die Landrechtsaktivistin, Jo, die Schauspielerin mit Ambitionen auf die Grossleinwand, und Laxmi, Friedas Hausangestellte. Im Lauf der Tage und Abende, die die sieben Frauen gemeinsam verbringen, kommen wir ihren Geschichten näher, ihren Wünschen für ihr Leben – und ihren Erfahrungen mit sexistischer Gewalt. Was als harmloses «Sex and the City»-Arrangement beginnt, schraubt sich in zunehmendem Tempo in immer tiefere gesellschaftliche Sedimente.

Zuckerwatte und Geisterbahn

Im indischen Mainstreamkino, so erklärte Pan Nalin in Interviews mit indischen Medien, könnten Frauen nur entweder das leidende Opfer oder die Begleiterin des Helden mimen. «Es gibt noch immer viele Bollywoodfilme, die Frauen zeigen, die nichts mit mir zu tun haben», formuliert es Rajshri Deshpande, die Darstellerin von Laxmi, im Gespräch mit der WOZ. Und stets sähen sie gleich aus: hellhäutig und dünn. Nalin habe reale Alltagserfahrungen indischer Frauen auf die Leinwand bringen wollen – und das in massentauglichem Format. Letzteres ist ihm ohne Zweifel gelungen: Gekonnt spielt der Film auf der Klaviatur des klassischen Bollywoodkinos – die fünf Supermodels in Hauptrollen inklusive. Er nimmt uns mit auf ein gnadenloses Jahrmarktserlebnis, bei dem keine Bahn ausgelassen wird: Es wird getanzt, gestritten, gekreischt (was zuweilen ziemlich nervt), geweint und geflucht – und überzeugend geprügelt. Und auf die Zuckerwatte folgt die Geisterbahn.

Hier kommen «angry young women» der indischen Mittelschicht zu Wort, die in bloss 104 Minuten eine Reihe schwerer Themen diskutieren: vom Landraub durch Grosskonzerne über Kastengewalt bis zur Kriminalisierung homosexueller Liebe, vom Sexismus im Showbusiness über arrangierte Ehen bis hin zur Vergewaltigung. Ja, der Film ist schwer beladen. Und nicht jedes Thema wird mit Tiefenschärfe behandelt. Doch trotz dickem Kitsch und viel voraussehbarem Pathos schlägt Nalin durchaus auch leise Töne an: Immer wieder übt der Film auf subtile Art Kritik an einer Gesellschaft, die etwa sexistische Gewalt als Unterschichtsproblem abtut. Oder an einer (westlichen) Gesellschaft, die das indische Englisch als «Englisch mit Akzent» bezeichnet.

Schwierige Geldsuche

Es sind vor allem diese mal lustigen, mal heftigen Gesprächsszenen, die den Film überzeugend machen. «Wir hatten kein Drehbuch», erklärt Deshpande dazu. Ihre Rollen hätten die Frauen in einer intensiven Workshopwoche komplett frei erarbeitet: «Auf dem Set wurde uns jeweils lediglich die Situation skizziert, sodass wir die Dialoge und Reaktionen selber als Gruppe entwickeln konnten.» Das hat sich gelohnt: Ein Coming-out als erster Überraschungscoup – so viel sei verraten – wird so auf wohltuend leichte und witzige Art inszeniert.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten entstand eine Fülle indischer Filme, die Liebe zwischen Männern oder, weit seltener, Frauen thematisieren. Und doch hatten Pan Nalin und sein Team Mühe, ihre bereits seit 2010 bestehende Idee zu finanzieren. Die Themen und das Label «Frauenfilm» hätten potenzielle Geldgeber abgeschreckt. Das änderte sich erst, als Ende 2012 eine junge Studentin durch eine Massenvergewaltigung ermordet wurde. Dass sie aus der Mittelschicht kam und ihre Mörder aus der Unterschicht, trug damals viel dazu bei, dass der Fall von einer breiten Öffentlichkeit überhaupt wahrgenommen und geächtet wurde. Das war auch im Showbusiness zu spüren: Jetzt fand Nalin doch noch GeldgeberInnen für seinen Film.

Die Jugend weiss es besser

Ein verstörender Anfang für einen Kassenschlager, dem jetzt in Indien wie international Lob zuteilwird. «Die Reaktionen zeigen uns, dass diese Themen nicht nur Indien betreffen. Die einzige negative Reaktion war meines Erachtens jene der Zensurbehörde, die für die indischen Kinos mehrere Szenen rausschnitt», erzählt Sarah-Jane Dias, die die Fotografin Frieda darstellt, im Gespräch. «Aber egal! In unseren Städten wächst längst eine Jugend heran, die weiss, dass Homosexualität nichts Unnatürliches ist, wie es das Gesetz behauptet. Und: Wer will, kann sich den unzensierten Film auch in Indien ohne Probleme online ansehen», sagt sie und zwinkert.

Ab 16. Juni 2016 im Kino.

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