Nr. 29/2014 vom 17.07.2014

Den Kreislauf aufrechterhalten

Braucht es eine gewaltige Filteranlage, um das Meer vom Plastikmüll zu befreien? Da gibt es doch bessere Methoden, um zu recyceln.

Von Franziska Meister

Das rote T-Shirt mit dem freundlichen Tornado-Maskottchen der Footballmannschaft der Iowa State University war ein Mitbringsel des Vaters. Nur widerwillig überliess es der ältere Sohn seinem Bruder. Inzwischen ziert es, leicht verblasst, die Brust des Nachbarbuben, der es sich eigentlich nur zum Waschen ausziehen lässt.

Rot ist auch die Badewanne, in der mittlerweile über ein halbes Dutzend Babys aus vier Familien geplanscht haben. Und da Plastik mehr als vier Jahrhunderte überdauern kann, dürften noch ein paar Kinder mehr dazukommen. Recycling macht glücklich.

Unterwegs mit dem Leiterwagen

Just im Fall von Kunststoff ist Recycling indes ein Problem: Eine Million Tonnen Plastik landet in der Schweiz jedes Jahr im Abfall – das sind rund 125 Kilogramm pro Person. Andernorts enden Taschen, Trinkflaschen und Verpackungsmaterialien aus Plastik einfach in der Umwelt und damit irgendwann im Meer. Der grösste schwimmende Plastikmüllteppich im Pazifik erstreckt sich mittlerweile über eine Fläche von der Grösse Zentraleuropas. Verantwortlich dafür fühlt sich niemand.

Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, dass mit dem Ölschock in den siebziger Jahren zum ersten Mal die Endlichkeit von Ressourcen – ohne Erdöl kein Treibstoff und auch kein Plastik – ins Bewusstsein drang. Und mit ihm das Thema Umweltschutz: Die industrielle Massenproduktion von Konsumgütern und Verpackungsmaterialien war nach dem Zweiten Weltkrieg förmlich explodiert und hatte die Abfallberge bedrohlich anschwellen lassen. Kam ein durchschnittlicher Haushalt vor 150 Jahren noch mit rund 150 Alltagsgegenständen aus, verfügt er heute über ein Sammelsurium von mehr als 20 000 Dingen – das meiste davon sind Wegwerfprodukte aus Papier, Karton, Glas, Alu, Blech und Plastik.

Und so wurde auch das Recycling in den siebziger Jahren zum Thema. Ich erinnere mich gut an die Papiersammeltage in unserm Dorf: Wir Kinder bekamen schulfrei und mussten dafür mit Leiterwagen das gebündelte Altpapier am Wegrand einsammeln; vor dem Schulhaus beluden wir damit den Heuwagen eines Bauern und wurden zum Schluss obendrauf sitzend mit dem Traktor zum Bahnhof im Nachbardorf gefahren, wo schon ein Güterzug wartete.

MusterschülerInnen

Im Gefolge des Umweltschutzgesetzes von 1983 und des Gewässerschutzgesetzes von 1991 professionalisierte sich das Recycling in der Schweiz. Seit den neunziger Jahren wird im grossen Stil recycelt: Glas, Pet, Alu, Blech, Batterien und Elektroschrott – wir SchweizerInnen gelten weltweit als Recycling-MusterschülerInnen. 2005 verwertete die Schweiz erstmals mehr Abfall wieder, als sie verbrannte.

Man könnte auch sagen: Der Recyclingkreislauf ist noch lange nicht geschlossen. Das ist dort besonders dramatisch, wo nicht, wie im Fall von Erdöl, auf alternative Ressourcen ausgewichen werden kann, in der Landwirtschaft zum Beispiel. Die Phosphatreserven im Gestein werden in spätestens 200 Jahren erschöpft sein. Doch ohne Phosphorverbindungen können keine Nahrungsmittel produziert werden – sie sind für das Wachstum von Pflanzen unentbehrlich. Theoretisch wäre Phosphor beliebig oft rezyklierbar – praktisch verunmöglichen dies die globalisierten Märkte und die mit ihnen einhergehende geografische Trennung von Ackerbau, Tierhaltung und Konsum. Die Mehrheit aller menschlichen und tierischen Ausscheidungen landet in Abwässern, Flüssen und Seen.

Das war nicht immer so. Bereits im antiken Rom sammelte man menschliche Exkremente ein, um sie den Bauern im Umland als Düngemittel zu verkaufen. Heute könnte der Klärschlamm wesentlich dazu beitragen, das Phosphorrecycling zu verbessern – doch ist sein Ausbringen auf die Felder hierzulande verboten, wegen der darin verbliebenen Schadstoffe. Rund 85 Prozent des in die Schweiz importierten Phosphors enden so in der Kehrichtverbrennungsanlage. Verfahren zur Rückgewinnung aus den Schlacken und Aschen sind zwar in Entwicklung, rechnen sich aber noch nicht.

Recycling ist längst zum Geschäft geworden. Was ökologisch sinnvoll ist, muss sich auch ökonomisch lohnen, tönt es aus dem Bundesamt für Umweltschutz. Zumindest, wenn es um das Recycling von Plastik geht. Deshalb steht vorerst nur in Österreich eine komplexe Sortieranlage, die rund fünfzig Prozent der Plastikabfälle neu verwertbar macht – zum Beispiel als Granulat für neue Kunststoffprodukte.

Der Ratschlag der Nachbarin

Im Ökothriller «Soylent Green» (1973), angesiedelt im Jahr 2022, werden Menschen als Nahrungsmittel wiederverwertet. So weit müssen wir wohl nicht gehen. Auf der globalen Ebene zunehmend begehrt sind grosstechnische Lösungen für grosse Umweltprobleme: Meere sollen mit Eisenspänen gedüngt werden, um das CO2 aus der Luft zu recyceln und so den Klimawandel zu bremsen. Ein neunzehnjähriger US-Amerikaner, der in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift «Technology Review» porträtiert wird, will die Meere vom Plastikmüll befreien – mit einer gewaltigen Filteranlage mit zwei je fünfzig Kilometer langen Armen, die das Plastik aus dem Wasser fischen und einer zentralen Sammel- und Komprimieranlage zuführen.

Da halte ich mich doch lieber an meine Plastikflasche, die ich schon seit über zehn Jahren alle paar Wochen in der Drogerie neu mit Duschmittel auffüllen lasse. Oder an den Ratschlag, den die Nachbarin meinem Sohn mitgab anlässlich des wiederholten Verschwindens seines Fussballs: «Nimm dir einfach einen andern, der auf der Wiese rumliegt, das erhält den Kreislauf aufrecht.»

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