Nr. 41/2019 vom 10.10.2019

Klimaneutraler Müll

Dreissig Kehrichtverbrennungsanlagen in der Schweiz verursachen rund 4,2 Millionen Tonnen CO2, das sind beinahe zehn Prozent der inländischen Emissionen an CO2. Nun beabsichtigen die Betreiber, den Müll klimaneutral zu machen, allerdings zu enormen Kosten.

Von Christoph Keller (Text) und Ursula Häne (Foto)

Walter Furgler (stehend) in der Schaltzentrale der Kehrichtverbrennungsanlage Linth: «Will man, dass KVAs noch mehr CO2 einsparen oder sogar mehr kompensieren, als sie ausstossen, muss das politisch entschieden werden.»

Vor einiger Zeit rief meine Freundin Anja über die sozialen Medien dazu auf, ein paar Wochen lang gar keinen Müll zu produzieren. Jedes noch so kleine Plastikteil zu recyceln, jedes Kartonfitzelchen in die Papierabfuhr zu legen, kein Gramm Grünabfall wegzuwerfen und selbstverständlich alles Verwertbare auch wiederzuverwerten. Endlich mit «Zero Waste» anzufangen.

Folgten alle BewohnerInnen des Landes Anjas Aufruf, stünden bald dreissig Kehrichtverbrennungsanlagen (KVAs) still, rund 450 000 Haushalte erhielten keinen Strom mehr, bei Hunderttausenden schalteten sich Heizung und Warmwasser aus, die kommunalen Mülllastwagen stünden still. Aber die CO2-Bilanz der Schweiz verbesserte sich schlagartig um rund zehn Prozent.

Kein Szenario für Walter Furgler. Er sitzt in seinem geräumigen Büro, im Rücken die Linthebene, die Streusiedlungen von Ziegelbrücke und Niederurnen, den Mürtschenstock. Walter Furgler, Leiter der KVA Linth, legt Tabellen auf den Besprechungstisch, die zeigen, wie die Menge an Haushaltsmüll in der Schweiz zugenommen hat. Ein Anstieg um sieben Prozent allein 2017. Mit 716 Kilogramm Abfall pro Person und Jahr liegt die Schweiz an zweiter Stelle der europäischen Länder, nur die DänInnen produzieren mehr Abfall.

So schnell nehme die Abfallmenge in der Schweiz nicht ab, betont Walter Furgler, und es gibt noch zusätzlichen Abfall aus dem Ausland. Bereits heute werden etwa 430 000 Tonnen importiert, etwa ein Zehntel der 4,1 Millionen Tonnen Abfall, die jährlich in den KVAs verbrennen. An Müll fehlt es in Europa nicht.

Seltsame Rechnungen

Die KVA Linth wurde wie die anderen KVAs in der Schweiz dereinst gebaut, um den wilden Deponien im Land ein Ende zu setzen. Nicht freiwillig, sondern weil das Gewässerschutzgesetz von 1971 die Kantone verpflichtete, Abfälle «ohne Schäden für die Umwelt» zu entsorgen. Die KVA Linth war aber (wie alle anderen KVAs auch) weit davon entfernt, Abfälle «schadlos» zu verbrennen. Vielmehr gelangten durch den Kamin jahrelang giftige Dioxine und Furane, Schwermetalle, Stickoxide und Flugasche in die Luft, erst auf Druck auch von Umweltorganisationen wurden die KVAs mit modernen Rauchgasreinigungen ausgerüstet.

Walter Furgler führt mit federndem Gang durch die Anlage, zeigt den modernen Schaltraum, den Schacht, wo der Abfall zum Verbrennen gemischt wird. Furgler erläutert die Funktionsweise der Brennöfen, er führt in die Halle, wo zwei Dampfturbinen Strom erzeugen, Tag und Nacht. Denn eine KVA sei heute eine Energiezentrale, sie erzeuge Strom und Fernwärme und liefere aus der Schlacke jede Menge Rohstoffe, vor allem Metalle, Aluminium, Kupfer, Eisen. Man sollte besser von einer Kehrichtverwertungsanlage sprechen, sagt Walter Furgler, während wir durch blitzsaubere Gänge gehen, vorbei an funkelnden Armaturen, um schliesslich in die Rauchgaswaschanlage zu gelangen. Mit ihren riesigen Tanks, Filtern und Schächten ist die Waschanlage fast gleich gross wie die Verbrennungsanlage. Hier wird jedes Gramm an Schadstoffen herausgefiltert, mit Sonden gemessen, protokolliert. Nur das CO2 geht ungefiltert in die Luft.

WOZ: Und das liesse sich ändern, Herr Furgler?
Walter Furgler: Technisch ist die Abscheidung von CO2 machbar, es braucht dazu eine zusätzliche Waschstufe, und es braucht Energie. Wir rechnen mit rund einer Megawattstunde thermisch pro abgeschiedene Tonne CO2.

Das ist relativ viel.
Ja, aber es ist immer noch rentabler, CO2 hier abzuschöpfen, an einer Quelle, wo die Konzentration bei rund zehn Prozent liegt, als das CO2 später aufwendig aus der Luft zu filtern.

4,2 Millionen Tonnen CO2 stossen die Kehrichtverbrennungsanlagen in der Schweiz jedes Jahr in die Luft aus, aber in den Bilanzen steht jeweils viel weniger.

Und das geht so: Die KVAs gehen davon aus, dass rund die Hälfte des verbrannten Abfalls «biogen» ist, also aus Holzabfällen, Küchenresten und so weiter besteht, und diese stehen im natürlichen Kreislauf von Aufnahme und Abgabe von CO2; dieses CO2 gilt als «klimaneutral» und halbiert den Ausstoss in der Bilanz. Dann wird von der verbleibenden Hälfte die Lieferung von Wärme und Strom als «indirekte CO2-Einsparung» in Abzug gebracht. Abgezogen wird auch ein «CO2-Bonus» bei der Metallrückgewinnung. Folglich weisen KVAs, die viel Strom produzieren und übers Fernwärmenetz viele Haushalte mit Wärme versorgen und zudem grosse Mengen an Metall aus der Schlacke entfernen, eine viel bessere CO2-Bilanz aus.

Eine Grundlage für diese Berechnung ist der Vertrag betreffend Reduktion der fossilen CO2-Emissionen aus der Abfallverbrennung, der mit der Unterschrift von Bundesrätin Doris Leuthard 2014 zwischen dem Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) und dem Verband der Betreiber Schweizerischer Abfallverwertungsanlagen (VBSA) geschlossen wurde. Insgesamt, so die Berechnungen des VBSA, liessen sich mit Wärmenutzung, Stromproduktion und Metallrückgewinnung nochmals etwa 1,1 Millionen Tonnen CO2 vermeiden, in der Bilanz verbleibt somit rund 1 Million Tonnen CO2. Dafür wurden den KVAs seitens Uvek vertraglich zugesichert, dass sie «ohne zeitliche Befristung aus dem Emissionshandelssystem ausgenommen werden». Rein rechnerisch könnten die KVAs so zu Klimasenken werden.

Das Besondere bei dieser Berechnung ist, dass eine Quelle von CO2 durch eine andere ersetzt wird, also Fernwärme statt Ölheizungen, Strom aus KVAs statt fossil produzierten Stroms, «klimaneutrale» Metallgewinnung statt durch fossilen Brennstoff. Dabei fällt ausser Acht, dass es seit dem Pariser Klimaabkommen nicht mehr darum geht, eine CO2-Quelle durch eine andere zu substituieren, sondern auf «netto null» zu kommen, also Ölheizungen durch Wärmepumpen zu ersetzen, allen Strom aus erneuerbaren Quellen zu produzieren und auch Tätigkeiten wie die Metallgewinnung klimaneutral zu machen. Besonders in dieser Rechnung bleibt die ausgestossene Menge an CO2 genau gleich gross, das Klima wird exakt gleich belastet.

Und solange das so bleibt, sind KVAs kaum als «Umweltschutzanlagen» zu sehen, wie es der Präsident des VBSA, Nationalrat Bastien Girod von der Grünen Partei, in einem Interview formulierte. Dennoch folgen alle KVAs dieser Logik.

Walter Furgler steht in seinem Büro vor einem Plan, auf dem die Ortschaften Niederurnen, Oberurnen, Bilten und Ziegelbrücke eingezeichnet sind, darin eingetragen einzelne Häuser und Quartiere, die neu mit Fernwärme aus der KVA Linth beliefert werden sollen. Fernwärme plus die Verwendung von Restwärme aus der Stromproduktion für Gewächshäuser, beides wird die CO2-Bilanz seiner KVA markant verbessern, auch wenn aus dem Kamin genau gleich viel CO2 in die Luft geht.

Der Brennwert von Plastik

Einer, der sich kritisch mit der CO2-Bilanz der KVAs auseinandersetzt, hat beruflich mit Plastik zu tun, mit Plastikrecycling: Markus Tonner, Inhaber der Firma Innorecycling, macht das Gegenteil von dem, was KVAs tun. Seine Firma recycelt Plastik, 16 000 Tonnen Kunststoffgranulat verlassen jährlich seine Anlage in Eschlikon und werden als Recyclingplastik wieder industriell verarbeitet. Ein gewinnbringendes Geschäft, obwohl das Plastikrecycling in der Schweiz nach wie vor einen schweren Stand habe, sagt Markus Tonner. Denn noch immer herrsche bei Ämtern, aber auch bei Branchenorganisationen die Ansicht vor, dass Plastikrecycling nicht rentabel sei und auch nicht ökologisch, und nach wie vor gehe man davon aus, dass Plastik für die Kehrichtverbrennung unerlässlich sei.

Markus Tonner widerspricht beiden Ansichten und betont, in Plastik stecke viermal mehr graue Energie als beispielsweise in Eisen, nur bei Aluminium sei der Wert noch höher. Es sei deshalb nicht besonders gescheit, Plastik zu verbrennen, zumal das Verbrennen von Plastik sehr viel CO2 produziere; ein Kilogramm Polyethylen zum Beispiel verursache 3,14 Kilogramm CO2, das ist ein Fünftel mehr, als bei der Verbrennung von einem Liter Benzin entsteht. Nur schon deshalb sei Recycling besser als Verbrennen, sagt Markus Tonner und fügt an, er sehe den einzigen Vorteil für Plastik im Abfall darin, dass Plastik Volumen in den Abfallsack bringe. Plastik sei zwar leicht, aber es fülle im Durchschnitt den Abfallsack zur Hälfte, was den Absatz von Abfallsäcken natürlich erhöhe.

Recyceln statt verbrennen – dafür, dass dieser Paradigmenwechsel nicht schon längst vollzogen sei, macht Markus Tonner vielerlei «politische Geplänkel» verantwortlich. Die Haupttreiber dahinter seien die KVAs und die Behörden, die nach wie vor unumwunden mit dem hohen Brennwert von Plastik argumentierten. Sie verkündeten, der Kehricht bestehe «zu einem Grossteil aus Kunststoffverpackungen und hat darum heute einen Brennwert wie Braunkohle» (so das Amt für Umwelt und Energie Basel-Stadt). So hängt eine ganze Industrie am Tropf der Plastikproduktion und damit auch am Tropf der fossilen Energieträger.

Einfangen und verlochen

Walter Furgler in seinem Büro in der KVA Linth sagt, dass das Recycling von Plastik durchaus Sinn ergebe. Aber ein erheblicher Anteil des gesammelten Kunststoffs könne nicht verwertet werden und fliesse zurück in die KVAs. Die Sammelmengen, betont Furgler, seien für die KVAs mengenmässig nicht wirklich relevant. Sein Anliegen ist die noch weitergehende Reduktion von CO2.

Wie soll das gehen?
In dem wir tatsächlich CO2 an der Quelle, also am Kamin, abschöpfen, dass wir es abführen und sicher einlagern. Aber KVAs sind nun einmal Lieferanten einer Grundversorgung an Strom und Wärme. Rein technisch haben sie schon sehr viel CO2 reduziert. Will man, dass sie noch mehr einsparen oder sogar mehr kompensieren, als sie ausstossen, muss das politisch entschieden werden.

Und das heisst?
Das würde meiner Ansicht nach sicher nicht der Konsument über teurere Sackgebühren bezahlen müssen. Für die Mehrkosten könnten aber Formen von Fördergeldern, Sponsoren oder Steuergeldern zum Tragen kommen.

Dass das Einfangen von CO2 – «Carbon Capture» – an der Quelle machbar ist, haben einige Betreiber von Braunkohlekraftwerken bereits bewiesen. Und es gibt Unternehmen, die nur darauf warten, hier zu investieren, darunter die Lenzburger Firma Messer AG, die sich auf die Produktion und den Vertrieb von Gasen aller Art spezialisiert hat. Sie wirbt mit dem Motto «Gases for Life». Geschäftsführer Hans Michael Kellner sagt, es gebe einen hohen Bedarf an CO2, etwa in der Getränkeindustrie und in der chemischen Industrie. Er warte nur darauf, entsprechende Abscheider «an etwa fünf KVAs in der Schweiz installieren zu dürfen, auf eigene Kosten». Dass das rentiere, habe er bereits errechnet.

Aber was wäre mit dem CO2 der restlichen 25 Anlagen? Hier kommt der Plan des VBSA ins Spiel, das CO2 aller KVAs in der Schweiz nicht nur einzufangen («Capture»), sondern auch sicher einzulagern («Storage»). Als Grundlage dient dem VBSA eine Studie des Sustainability in Business Lab (Sus-Lab) der ETH Zürich, das beauftragt wurde zu errechnen, ob ein «Carbon Capture and Storage» aller CO2-Emissionen aus KVAs technisch und wirtschaftlich machbar sei.

Robin Quartier, Geschäftsführer des VBSA, erläutert, sein Verband bekenne sich zu den Klimazielen von Paris, und das bedeute, dass auch der Ausstoss von CO2 aus KVAs auf null gebracht werden müsse. «Netto null» sei auch für ihn «der einzig gangbare Weg in die Zukunft», und der sieht konkret so aus, dass von allen KVAs in der Schweiz ein Netz an Pipelines gebaut würde, aus dem abgeschiedenes CO2 in eine zentrale Pipeline zusammengeführt würde; diese würde das CO2 nordwärts in eine sichere Kaverne, beispielsweise in Norwegen, abführen und einlagern.

Technisch sei das machbar und sicher, das hätten Projekte in Norwegen, Irland und Neuseeland gezeigt, sagt Robin Quartier. Rechnen würde es sich allerdings nur, wenn auch eine andere Industrie mitmache, eine, die noch viel mehr CO2 ausstosse als die KVAs: die Zementindustrie. Auf siebzig Franken pro Tonne CO2 kommt die Studie des Sus-Lab, einschliesslich der Kosten für die verbrauchte Energie. Das ergibt Ausgaben von 294 Millionen Franken pro Jahr für das Abführen des CO2, die Investitionskosten nicht eingerechnet. Bezahlen müssten das, meint Quartier, die SteuerzahlerInnen.

Fragt sich, ob da nicht Anjas Vorschlag günstiger käme – nämlich eine konsequente Politik des «No Waste» zu betreiben, die biogenen Abfälle alle zu klimaneutralem Biogas zu vergären, Plastik konsequent zu recyceln, das Metallrecycling weiter voranzutreiben und die Produktion von Wärme und Strom strikt zu dekarbonisieren, mit Wärmepumpen, Fotovoltaik und Windanlagen. Und noch ein paar Kehrichtverbrennungsanlagen zu behalten für all das, was wirklich nicht wiederverwertet werden kann. Zwei, drei dürften da vielleicht genügen.

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