Nr. 35/2014 vom 28.08.2014

Jesus lebte nicht von Kapitalzinsen

Von Stefan Howald

Religion ist das grosse Tabu vieler Linker. Wenn der individuelle Glaube nachsichtig als Verirrung akzeptiert wird, scheint Religion jenseits jeder Diskussion. Doch religiöses Engagement war immer ein wichtiges Motiv in der Dritte-Welt- oder der Friedensbewegung. Und es gibt eine ehrenwerte Tradition, die sozialkritische, ja sozialistische Dimension des Christentums herauszuarbeiten und zu leben.

Allerdings ist dieser Brückenschlag auch schon intensiver diskutiert worden. Der 40. Todestag des Schweizer Kunsthistorikers und Philosophen Konrad Farner, der ihn jahrzehntelang versucht hatte, ist öffentlich ziemlich spurlos vorübergegangen. Auch die sozial engagierte Befreiungstheologie wirft bei uns keine grösseren Wellen mehr.

In diesem thematischen Umkreis ist nun von Ferdinand Troxler ein Textband erschienen. Der 85-jährige Troxler war lange Redaktor und Pressesekretär beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund. Und eben religiöser Sozialist, aktiv in der SP sowie beim religiös-sozialistischen Organ «Neue Wege». Interessant ist seine in einem längeren Interview sichtbar gemachte Entwicklung: vom Bankangestellten zum Priesterkandidaten zum Ökonomen zum Publizisten. Beeinflusst hat ihn vor allem die Bewegung der Arbeiterpriester im Frankreich der fünfziger Jahre. Arbeiterpriester in Westeuropa! – das weht einen aus vergangenen Zeiten an. Aber man sollte das zeitgenössische religiös motivierte Engagement etwa im Asylbereich nicht vergessen, da ja vor allem die MigrantInnen die unterdrückte Klasse der Gegenwart sind.

Aus Troxlers Beschäftigung mit der christlichen und der marxistischen Eigentumslehre folgte ein Ansatzpunkt, der jederzeit gültig bleibt: Vorrang der Arbeit vor dem Kapital. Eine Konsequenz daraus war sein Einsatz für die Mitbestimmungsinitiative, die 1976 leider zu einer der grossen Niederlagen der Schweizer Arbeiterbewegung führte. Neben diesen grösseren Komplexen enthält der Band kleinere Notizen sowie Hinweise zu wichtigen Büchern, die Troxler jeweils an verschiedene Zeitungen und Zeitschriften geschickt hat. Das zeigt seine Funktion als Multiplikator. Es sind Dokumente, Bruchstücke eines Engagements, das auch für nicht religiöse Menschen eindrücklich ist.

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